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Bericht aus der Praxis

Silvia Hornung

Silvia Hornung

Silvia Hornung (Jahrgang 1952) hat 2005 ihr Studium als Psychomotoriktherapeutin an der HfH  abgeschlossen. Sie lebt in Oerlikon.

 

Wie sieht ihr beruflicher Werdegang aus?

Ich habe ursprünglich die Diplomhandelsschule besucht und danach in einem Büro gearbeitet. Auf dem zweiten Bildungsweg habe ich dann das Kindergärtnerinnenseminar besucht und danach fast zwanzig Jahre als Hortnerin in der Stadt Zürich gearbeitet. Als meine Kinder erwachsen waren, habe ich mich dazu entschlossen, nochmals eine Ausbildung zu machen und mich für das Studium der Psychomotoriktherapeutin an der HfH entschieden.

Als was arbeiten Sie heute?

Ich bin in einer Primarschule als Psychomotoriktherapeutin in einer Aussengemeinde von Zürich angestellt. Neuerdings arbeite ich auch mit Kindern, die integrativ geschult werden. Das heisst, Kinder, die eine Regelklasse besuchen aber intensiv heilpädagogisch betreut werden und in der Regel Psychomotoriktherapie und Logopädie benötigen.

 

Wie sieht ihr Berufsalltag als Psychomotoriktherapeutin aus?

Ich fördere die Kinder über Spiel und Bewegung. Ich helfe ihnen, sich ins Gesamtklassensystem einzufügen. Zum Beispiel über Rollenspiele, in denen sie lernen, wann sie laut sein dürfen und wann sie zuhören müssen und warten, bis sie die Lehrerin aufruft. Die Kinder mit denen ich arbeite, fallen durch Bewegungsschwierigkeiten auf, durch Aufmerksamkeitsauffälligkeiten. Oder es sind Kinder, die an Übergewicht leiden, die spezifische, feinmotorische Probleme haben oder Mühe, dem Schreibtempo in der Schule zu folgen. Die Therapie ist sehr individuell. Zuerst kläre ich das Kind ab und versuche heraus zu finden, wo der Unterstützungs- und Förderbedarf ist. Dann schaue ich, welche Theorien ich am besten zur Hand nehme, um das Kind optimal zu begleiten. Braucht es eher einen verstehenden Ansatz? Was zeigt mir das Kind, was lese ich daraus? Oder eignet sich eher ein verhaltenstherapeutischer Ansatz., bei dem ich das Kind darin bestärke, was es bereits kann, und wir gemeinsam versuchen, das was noch nicht geht, zu verbessern. Die verschieden Theorien ergänzen sich natürlich auch.

 

Welche Eignungen sind wichtig für das Studium und den Beruf der Psychomotoriktherapeutin?

Freude am Wesen Kind und an der Entwicklung des Kindes, Einfühlungsvermögen, eine gewisse Toleranz für verschiedene Kulturen und Freude an der Bewegung. Und im Berufsalltag, die Fähigkeit situativ arbeiten zu können. Wenn in einer Stunde ein Input vom Kind kommt, muss man das in diesem Moment aufnehmen können und nicht abwürgen, weil man etwas anderes vorbereitet hat.Was hat Ihnen das Studium für den Berufsalltag gebracht?Für mich war es nach zwanzig Jahren Praxis eine Bereicherung, mich kopflastig mit verschiedenen Theorien auseinander zu setzen und daneben praktische Erfahrungen zu sammeln. Dieses engmaschige: denken – umsetzen – arbeiten, hat mir sehr gut gefallen. Ich habe die permanente Auseinandersetzung mit mir selber und der Materie geschätzt.

 

Wie haben Sie den Weg vom Studium ins Berufsleben geschafft?

Das lief leider nicht reibungslos. Unser Jahrgang fiel in eine Stellenknappheit hinein. Viele Mitstudierende kehrten wieder zu ihren alten Berufen zurück. Auch ich nahm wieder eine Stelle als Hortnerin an. Daneben konnte ich aber bereits Stellvertretungen als Psychomotoriktherapeutin übernehmen. Eine Kollegin habe ich dann im Mutterschaftsurlaub vertreten und anschliessend die Hälfte ihres Pensums übernommen. So kam ich zu meiner Festanstellung. Heute ist die Situation etwas entschärft, weil das Volksschulgesetz den Schulgemeinden vorschreibt, die Logopädie, Psychomotorik und Psychotherapie besser zu verankern.

 

Was hat Sie an diesem Beruf gereizt?

Als Hortnerin hatte ich immer mit grossen Gruppen von Kindern zu tun. Die sozialpädagogische Arbeit wurde je länger je schwieriger. Ein kontinuierliches, begleitendes Arbeiten war fast nicht mehr möglich. Mich reizte es, im kleinen Rahmen, individuell auf ein Kind zugeschnitten zu arbeiten und über längere Zeit daran bleiben zu können. Mir gefällt es, prozessorientiert mit Kindern und Eltern zu arbeiten.

 

Welches sind die grössten Schwierigkeiten, denen Sie in ihrem Beruf begegnen?

Manchmal ist es schwierig, mit den Eltern, die oft aus anderen Kulturen kommen, zu kommunizieren. Oder ich merke, es geht nicht weiter: Die Arbeit mit dem Kind fruchtet nicht, es gibt keine Entwicklung. Dann frage ich mich: Ist es das, was das Kind braucht? Wenn ich nicht mehr weiter weiss, gehe ich zu einer Supervisorin.

 

Welches sind die schönsten Erfolge?

Die Erfolge spürt man. Wenn das Kind plötzlich strahlt, sich etwas in ihm löst. Das muss nicht auf verbaler Ebene passieren, es ist eine innere Haltung, die sich oft in den Augen zeigt oder über den Körperausdruck, wenn es plötzlich hüpft oder aufrechter durch den Raum läuft. Das sind Königsstunden.

 

Interview: Sarah Stähli, 2008