Bericht aus der Praxis

Ann-Sabine Künzler hat ihr Studium in Logopädie 2007 an der HfH abgeschlossen. Sie lebt in Bern.
Wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?
Ich bin ausgebildete Kindergärtnerin. Bereits während des Kindergartenseminars begann ich mich, für die Arbeit mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen zu interessieren. Nach dem Seminar ging ich ins Ausland; aus einem geplanten Jahr wurden drei.
Wo arbeiten Sie heute?
Ich arbeite an vier Tagen pro Woche als Logopädin des Schulkreises Oberhasli im Berner Oberland.
Wie sieht Ihr Berufsalltag als Logopädin aus?
Ich halte 6-7 Logopädie-Lektionen pro Tag. Die Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 5 und 16 Jahren kommen alleine oder zu zweit in die Logopädie, selten auch in einer Dreiergruppe. Der Inhalt der Stunden ist unterschiedlich, je nach Alter und Voraussetzungen. Ich arbeite gerne spielerisch, entweder mit verschiedenen Regelspielen (z.B. bei Ausspracheschwierigkeiten) oder im freien Symbol- oder Rollenspiel (z.B. bei Spracherwerbsschwierigkeiten). Oft arbeite ich auch nach dem handlungsorientierten Therapieansatz (z.B. bei Grammatik- Sprachverständnis- oder Wortabrufschwierigkeiten) oder mit Büchern, Figuren und Rätseln. An einem Vormittag pro Woche arbeite ich in den Kindergärten mit Schwerpunkt Sprachförderung.
Welche Eignungen sind wichtig für das Studium und den Beruf der Logopädin?
Man muss sich für seine Mitmenschen interessieren und gerne mit ihnen arbeiten. Nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Eltern, Lehrpersonen, Kolleginnen und Kollegen. Man muss gleichzeitig von sich und seinem Wissen überzeugt sein und dennoch flexibel bleiben und andere Wahrheiten als die eigene akzeptieren können. Dafür braucht es manchmal Humor und immer eine grosse Portion Selbstkritik. Gleichzeitig muss man sich selber auch loben können. Um mit Kindern zu arbeiten, braucht es Humor, Fantasie und den Respekt vor Grenzen sowie den Willen, neue Wege auszuprobieren.
Was hat Ihnen das Studium für den Berufsalltag gebracht?
Ich habe einen soliden „Rucksack“ an Basiswissen mitgenommen, auf den ich auch in meinem dritten Berufsjahr immer wieder zurückgreife. Es wurden mir zudem viele Denkanstösse gegeben. Ich wurde gut darauf vorbereitet, dass ich meinen eigenen Weg finden muss.
Wie haben Sie den Weg vom Studium ins Berufsleben geschafft?
Erstaunlich gut! Natürlich war es anstrengend und ich habe auch vieles gemacht, das ich heute nicht mehr tue oder mit dem ich anders angehe. Mit der Zeit gewinnt man mehr und mehr den Überblick und kann seine Schwierigkeiten gezielter angehen.
Was hat Sie an diesem Beruf gereizt?
Die Zusammenarbeit mit Menschen, in meinem Fall besonders mit Kindern; gemeinsam einen Weg zu suchen und an etwas zu arbeiten. Um dies zu erreichen, müssen mir die Kinder (oder die Erwachsenen) Vertrauen schenken und sie müssen spüren, dass mir ihre Meinung und ihr Wille wichtig sind.
Zudem interessieren mich Sprache und Kommunikation und ich empfinde es als eine sehr wichtige Arbeit, Einschränkungen im Gebrauch der Sprache – und damit der Kommunikation – entgegenzuwirken. Interessant finde ich auch, dass der Beruf der Logopädin sehr vielseitig ist.
Welches sind die grössten Schwierigkeiten, denen Sie in Ihrem Beruf begegnen?
Wenn Eltern und seltener auch Kolleginnen und Kollegen zu viel von der Logopädie erwarten. Es gibt nur wenige Kinder, mit denen ich ohne Umschweife zu arbeiten beginne. Meistens braucht es eine Zeit des Kennenlernens und oft ist es auch danach noch nötig, die Inhalte der Logopädie spielerisch an das Kind heranzutragen. Schwierig ist es, wenn Bezugspersonen z.B. einen fehlerhaften Laut gezielt üben möchten, bevor das Kind so weit ist und die bereits erreichten Fortschritte übersehen oder zu gering schätzen.
Was sind die schönsten Erfolge?
Wenn Kinder gerne in die Logopädie kommen. Wenn sie einen Weg finden, selbstsicher an ihrer Sprache zu arbeiten und über ihre Schwierigkeiten lachen können, ohne sich dabei selbst auszulachen.
Schön ist auch, wenn eine Stunde kurzweilig war und gleichzeitig die Ziele der Logopädie verfolgt werden konnten oder wenn in Gesprächen mit Eltern, Kolleginnen und Kollegen gemeinsam nach möglichen Lösungen gesucht wird.
Interview, Sarah Stähli, 2008


