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Projekte

D.7 Die Umsetzung von Gesetzes-Innovationen im sonderpädagogischen Bereich (2007-2009)

Team

Barth Daniel

Institutioneller Rahmen

In den Schulen des Kantons Zürich wird zurzeit das neue Volksschulgesetz (VSG 2005) implementiert, welches verschiedene Neuerungen wie beispielsweise die Einführung von Schulleitungen, Tagesstrukturen oder Blockzeiten umfasst. Aus heilpädagogischer Sicht ist vor allem die Neustrukturierung des sonderpädagogischen Angebots im Rahmen der Gesetzesänderung von Interesse. Neben seiner integrativen Grundausrichtung beinhaltet das VSG im sonderpädagogischen Bereich drei Innovationen: (1) Entdifferenzierung des sonderpädagogischen Angebots auf fünf Massnahmen: Logopädie, Psychomotoriktherapie, Psychotherapie, integrierte schulische Förderung (ISF) und Deutsch als Zweitsprache (DaZ); (2) schuleinheitsbezogene Zuteilung des heilpädagogisch-therapeutischen Personals nach einem fixierten Koeffizienten; (3) Legitimation der sonderpädagogischen Massnahmen mittels konsensorientiertem Verfahren „Schulisches Standortgespräch" (SSG).

 

Stichprobe

Zur Umsetzung der Innovationen im sonderpädagogischen Bereich werden die Schulen des Kantons Zürich in drei Staffeln eingeteilt. Die gestaffelte Umsetzung des VSG im sonderpädagogischen Bereich ermöglicht ein quasiexperimentelles Untersuchungsdesign, d.h. die Bildung einer Experimentalgruppe und einer Kontrollgruppe, welche sich dadurch unterscheiden, dass in der Experimentalgruppe (d.h. in den Schuleinheiten der 1. Staffel) die Umsetzung bereits einsetzt, während dies in der Kontrollgruppe (d.h. in den Schuleinheiten der 3. Staffel) nicht der Fall ist. Unser Sample besteht aus 32 Schulen der ersten Umsetzungsstaffel und 15 Schulen der dritten Umsetzungsstaffel.

 

Forschungsmethode und Datengrundlage

Zum Einsatz kommt zweimalig (t1: März 2008; t2: März 2009) ein webbasierter Fragebogen mit insgesamt 124 Items, die vier Themenbereichen zugeordnet sind: Integrative Didaktik, Standortgespräch, Kooperation/Kommunikation, Politik/Gesellschaft. Diese Dimensionen sonderpädagogischer Schulkultur stellen wir 113 schulstrukturellen Merkmalen gegenüber, wie sie 2006/07 von der Zürcher Bildungsstatistik zu den untersuchten Schuleinheiten und ihren Schulgemeinden erhoben werden: Anzahl und Art von sonderpädagogischen Massnahmen, Anzahl fremdsprachiger Schüler, Anzahl Lehrpersonen, Mittelschülerquote, Sozialindex, etc.

 

Forschungsfragen

  1. Gibt es Unterschiede zwischen Schuleinheiten der 1. Umsetzungsstaffel und Schuleinheiten der 3. Umsetzungsstaffel in Bezug auf die Wahrnehmung ihrer sonderpädagogischen Schulkultur?
  2. Welche Veränderungen lassen sich bei den Schuleinheiten der 1. Staffel im Laufe des Umsetzungsprozesses, d.h. zwischen t1 und t2 feststellen?
  3. Gibt es strukturell ähnliche Schultypen welche mit bestimmten Charakteristika sonderpädagogischer Schulkultur zusammenhängen?
  4. Wie ist die Kooperation und Kommunikation in Schuleinheiten, welche sich in Bezug auf ihre sonderpädagogischer Schulkultur extrem unterscheiden.
  5. Wie ist die Integration von SchülerInnen mit Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten in Schuleinheiten, welche sich in Bezug auf ihre sonderpädagogische Schulkultur extrem unterscheiden.

 

Ergebnisse und Interpretationen

Wir beschränken uns hier auf die Präsentation von Ergebnissen und Interpretationen zur 3. Forschungsfrage. Für die Beantwortung der anderen Fragen verweisen wir auf die Artikel in Fachzeitschriften, die Sie hier auf unserer Forschungshomepage finden.

(3) Bezüglich der Zusammenhänge zwischen Schulstruktur und Schulkultur ergibt sich folgender Hauptbefund. Die Einstellung zum neuen VSG und dessen integrativer Ausrichtung ist in der 1. Staffel zum Zeitpunt t2 abhängig vom Ausbau des ISF-Angebots vor der Gesetzesumsetzung. Je grösser das ISF-Angebot in einer Schuleinheit ist und desto weiter die Einführung des ISF-Modells historisch zurückliegt, desto negativer ist die Einschätzung der vom VSG geforderten Integration. Gleichzeitig (d.h. innerhalb desselben Regression-Modells) zeigt sich, dass je reicher eine Schulgemeinde ist und je schulerfolgreicher ihre Schülerpopulation desto mehr wird die gesetzliche Integration befürwortet. Gleichzeitig zeigen unsere Daten, dass die finanzkräftigen Schulgemeinden mit schulerfolgreicher Schülerpopulation ihr sonderpädagogisches Angebot unterdurchschnittlich ausgebaut haben.

 

Interpretationen

(3) Die relativ homogene Schülerpopulation erlaubt in finanzkräftigen Schulgemeinden einen sparsamen Einsatz sonderpädagogischer Massnahmen. Die Zustimmung zum neuen Schulgesetz und seiner integrativen Ausrichtung dürfte hier deshalb mit der Tatsache zusammenhängen, dass man ein Modell bekommt, dessen sonderpädagogisch-therapeutische Ressourcen über dem bisher realisierten Ausbaustandard liegen. Umgekehrt dürfte der Fall in den Schuleinheiten liegen, welche seit Jahren mit ISF arbeiten und lokale Modelle entwickelt haben, die in Bezug auf die Grösse der Schule und die Heterogenität ihrer SchülerInnen hoch angepasst sind. Das Standard-Modell, welches im VSG institutionalisiert ist, erscheint aus dieser Perspektive weniger adaptiv. Im Votum dieser Schuleinheiten mit weit entwickeltem ISF-Angebot sehen wir keine Kritik an der integrativen Ausrichtung des Gesetzes, sondern an dessen Zentralismus-Effekt, der nicht nur die lokalen Strukturen zerstört, sondern die Lösungskapazität, d.h. die Adaptionsfähigkeit der einzelnen Schulen insgesamt senkt. Dort lernt man nun nicht mehr an der Umwelt, wo sich die Komplexität (die Heterogentiät der Schülerpopulation ist eine Form davon) weiter steigern wird, sondern in den Unterstützungs- und Weiterbildungsangeboten zur Umsetzung des VSG und den entsprechenden Handreichungen und Ordnern. Die Bewältigung der Binnenkomplexität verbraucht fortan mehr Energie als die Bewältigung der Umweltkomplexität.

 

Projektdauer

9/2007 – 9/2009

 

Finanzierung:

HfH und Bildungsdirektion ZH

 

Bearbeitung / Kontakt:

Daniel Barth, Dr. phil., HfH,  

Raphael Gschwend, lic. phil., HfH,  

Myriam Kocher, lic. Phil, wissenschaftliche Mitarbeiterin, HfH


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