Projekte

A.10 Schulische Unterforderung und Entwicklungsbeeinträchtigungen (2007-2009)

Team

Gyseler Dominik

Problemstellung

Das Forschungsprojekt wird von der Grundidee getragen, dass Kenntnisse zum emotionalen Erleben von schulischer Unterforderung und zum emotionalen Umgang damit wesentlich dazu beitragen können, hochbegabte Minderleistende besser zu verstehen. Das starke Zusammenspiel emotionaler und kognitiver Prozesse wird von zahlreichen aktuellen Befunden aus der Hirnforschung genährt, deren übergeordnete Aussage darin besteht, dass die meisten kognitiven Prozesse eine starke emotionale Basis haben.


Verschiedene aktuelle Studien legen nahe, dass eine Unterforderung im schulischen Unterricht ein häufiges Phänomen in der Schweiz darstellt. Schulische Unterforderung ist aber auch ein Risiko für die weitere persönliche und schulische Entwicklung. Gemäss der Zürcher Fit8208;Studie können Entwicklungsbeeinträchtigungen als Folge einer fehlenden oder mangelnden Übereinstimmung (misfit) zwischen dem Kind und seiner Umwelt konzeptualisiert werden. Dass eine schulische Unterforderung mit der Zuweisung zu sonderpädagogischen Massnahmen zusammenhängt, kann am Beispiel der Hochbegabung gezeigt werden. Allerdings gilt das Prinzip der Kontingenz: Schulische Unterforderung kann zu Entwicklungsbeeinträchtigungen führen, muss es aber nicht notwendigerweise. Im Forschungsprojekt soll untersucht werden, was Schülerinnen und Schüler, bei denen in Folge einer länger andauernden schulischen Unterforderung Verhaltensauffälligkeiten auftreten (Gruppe 1), von jenen unterscheidet, die trotz ähnlicher Unterforderung eine vergleichsweise erfolgreiche persönliche und schulische Entwicklung auszeichnet (Gruppe 2). Zwei Ansatzpunkte prägen die Studie: Zum einen werden emotionale Reaktionen auf Situationen der Unterforderung in den Blick genommen. So wird untersucht, inwiefern der emotionale Umgang mit der Unterforderung ein Prädiktor für Verhaltensauffälligkeiten ist. Zum andern werden aber auch die Schullaufbahnen und Entwicklungsverläufe dieser beiden Gruppen systematisch untersucht. Damit kann festgestellt werden, inwieweit eine erfolgreiche Schulkarriere bzw. Persönlichkeitsentwicklung überzufällig oft mit bestimmten schulischen Massnahmen einhergeht oder ob bei Kindern mit einer beeinträchtigten Entwicklung über eine schulische Unterforderung hinaus häufig andere Formen von Misfits festgemacht werden können.


Ziel

Der leitenden These nach ist die Frage, ob der Umgang mit schulischer Unterforderung leistungsförderlich oder -hemmend ist, wesentlich abhängig von einer emotionalen Erlebenskompetenz. Um schulische Minderleistungen besser zu verstehen, muss differenziert untersucht werden, in welchen Komponenten sich hochbegabte Minderleistende im Bereich dieser emotionalen Erlebenskompetenz genau von hochbegabten Hochleistenden unterscheiden. Dazu werden Untersuchungen mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) durchgeführt.


Fragestellungen

  1. Unterscheiden sich die beiden Gruppen hinsichtlich ihres emotionalen Umgangs mit Unterforderung?
  2. Unterscheiden sich die Gruppen hinsichtlich besonderer schulischer Massnahmen in ihrer (frühen) Schullaufbahn?
  3. Können bei der Gruppe 1 bestimmte Risikokonstellationen (v.a. Kombination von verschiedenen Misfits) diagnostiziert werden?

Methoden

Das Forschungsprojekt ist interdisziplinär angelegt. Um den zentralen Aspekt, den emotionalen Umgang mit schulischer Unterforderung, angemessen untersuchen zu können, werden neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden herangezogen. Im Einzelnen wird eine funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI) durchgeführt, um jene neuronalen Prozesse messen zu können, die in Zusammenhang mit (teilweise eben unbewussten) emotionalen Prozessen zum Zeitpunkt einer Unterforderung stehen. Zur Analyse der Schullaufbahnen stellen zwei renommierte Institutionen ihre Datenbanken für eine inhaltsanalytische Auswertung zur Verfügung.

Ergebnisse

Die Befunde tragen dazu bei, Hochbegabte mit schulischen Minderleistungen besser zu verstehen, indem auch unbewusst ablaufende emotionale Prozesse untersucht werden. Daraus können Anhaltspunkte für die Begabtenförderung und insbesondere für einen adäquaten Umgang mit hochbegabten Minderleistenden gewonnen werden.

Projektdauer

August 2007 bis September 2009


Kooperationen

Kinderspital Zürich, Abteilung Entwicklungspädiatrie sowie das MR-Zentrum Institut für Sonderpädagogik, Universität Zürich


Kontakt

Dr. Dominik Gyseler, Dozent, HfH; e-mail:

 

Publikationen

Gyseler D. (2009). Schulische Unterforderung Hochbegabter. Schweiz. Zeitschrift für Heilpädagogik, 4, 30-34.


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