Projekte
C.5 Sprache Kommunikation Partizipation: Therapieindikatoren bei Aphasie (TinA) (2007-2011)
Team
Hunziker ErikaKolonko Beate
Ein ICF -orientiertes Instrument für Therapieentscheidungen bei Aphasie
Ausgangslage und Ziel des Projekts
Plötzlich sprachlos. Aphasie heisst Sprachverlust oder Sprachstörung nach Schlaganfall oder anderen Hirnverletzungen. Menschen mit Aphasie haben ein eingeschränktes Sprachverständnis, leiden an Wortfindungsstörungen, bilden fehlerhafte Wörter, reduzieren Sätze und haben Mühe, sich verständlich auszudrücken. Die Folgen für die Betroffenen und ihre Angehörigen sind erheblich.Logopädie hilft den Betroffenen, ihre sprachlichen und kommunikativen Leistungen zu verbessern, das Alltagsleben trotz sprachlicher Einschränkungen zu meistern und unterstützt die Angehörigen. Die Therapie wird individuell angepasst. Die Komplexität der sprachlichen Störungen und die ICF-basierte Erweiterung der rein funktionellen Sichtweise hin zu Aktivität und Partizipation stellen hohe Anforderungen an Diagnostik und Zielfestlegung: Neben den sprachlichen und kommunikativen Schwierigkeiten sind die Auswirkungen der Störungen auf den Alltag, das soziale Umfeld und persönliche Faktoren wie Erwartungen, Perspektiven des Betroffenen zu berücksichtigen. Das macht Therapieplanung zu einer anspruchsvollen Aufgabe.
Ziel des Projektes ist es, ein ICF-orientiertes Instrument zu entwickeln, das Therapieentscheidungen bei Aphasie erleichtert, transparenter und nachvollziehbar macht. Dabei werden keine neuen Befunde erhoben, sondern vorhandene Befunde, Beobachtungen und Informationen zusammengestellt, systematisiert und gewichtet. Ein ähnliches Instrument wurde im Rahmen des HfH Projekts „Jugendliche mit Spracherwerbsstörungen“ von Kolonko & Seglias entwickelt. Die Idee der „Therapieindikatoren für Jugendliche“ soll nun auf den Erwachsenenbereich übertragen werden. Anders als im Projekt von Kolonko & Seglias ist hier eine enge Orientierung an der Internationalen Klassifikation von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der Weltgesundheitsorganisation vorgesehen.
Ein vergleichbares Instrument liegt im deutschsprachigen Raum bislang nicht vor.
Vorgehen und bisheriger Projektverlauf
Die Entwicklung des Instruments erfolgte in enger Kooperation mit der Praxis: An Fokusgruppendiskussionen mit Expertinnen aus der Praxis beteiligten sich mehr als 20 berufserfahrene Aphasietherapeutinnen. Die an Hand von Leifragen strukturieren Diskussionsrunden zu Fragen von Therapiebedarfsklärung, Entscheidungskriterien bei der Therapieplanung und Therapiepausen wurden transkribiert und im Hinblick auf unsere Zielsetzung analysiert. Ergänzt wurden diese Erkenntnisse aus der Praxis durch Leitfadeninterviews mit Betroffenen und deren Angehörigen.Eine umfassende themenspezifische Literatur- und Dokumentenanalyse ergab zum einen, dass ein unseren Zielsetzungen entsprechendes Instrument derzeit nicht vorliegt. Zum anderen erhielten wir aus bestehenden deutsch-, französisch- und englischsprachigen Verfahren zur kommunikations- und alltagsorientierten Aphasiediagnostik Anregungen für unsere „Therapieindikatoren“. Schliesslich lieferte die ICF die Basis für die inhaltliche Struktur des Verfahrens.
Die Pilotversion von TinA wurde von erfahrenen Aphasietherapeutinnen in der Praxis erprobt. Es bestand ein breites Interesse an der Erprobung des Verfahrens; Erkenntnisgewinn und Einsatzmöglichkeiten wurden positiv bewertet. Auf der Basis der Rückmeldungen zu Inhalten und zum praktischen Einsatz des Verfahrens wurde die Pilotversion überarbeitet. Nach der inhaltlichen Validierung wurde das Instrument an einer grösseren Stichprobe (N= 80) überprüft. Die Analyse und Interpretation der statistisch aufgearbeiteten Daten wird momentan abgeschlossen.
Das Produkt: Therapieindikatoren Aphasie (TinA)
Die „Therapieindikatoren Aphasie“ sind ein praktisch erprobtes und validiertes Verfahren zur Optimierung der Therapieplanung und -Evaluation bei Aphasie und damit ein Mittel zur Qualitätssicherung in der Logopädie.Die TinA Liste umfasst 125 kurze Aussagen („Indikatoren“) bezogen auf den Betroffenen und sein Umfeld zu den Bereichen: Sprachliche Kompetenzen, Kommunikation, Aktivität und Partizipation sowie Kontextfaktoren.
Die Aussagen (z.B. „Nutzt Schrift im Alltag“) werden von der Logopädin jeweils mit „Ja“ oder „Nein“ bewertet. Eine ausgefüllte Liste ergibt ein Profil der Stärken, Schwächen, fördernde und hinderliche Bedingungen werden auf einem Blick erkennbar.
TinA wird eingesetzt um Entscheidungen hinsichtlich Therapiebedarf und Therapieschwerpunkten zu erleichtern. In der Beratung von Angehörigen und Betroffenen sowie in der interdisziplinären Kooperation können Therapieentscheidungen transparent gemacht und begründet werden. Die enge Orientierung an der ICF stellt sicher, dass neben den sprachlichen und kommunikativen Störungen auch deren Auswirkungen auf den Alltag und das soziale Umfeld berücksichtigt werden.
Stand
Die Vaildierung ist weit gehend abgeschlossen. Eine Publikation des Verfahrens ist für 2012 geplant.Projektdauer
08/2007 – 07/2012Kooperation und Unterstützung
aphasie suisse, Zähringerstrasse 19, 6003 Luzern, www.aphasie.ch, Fachgesellschaft- und BetroffenenorganisationProjektleitung
Erika Hunziker, lic. phil., Dozentin HfH;Beate Kolonko, Prof. Dr. phil., Dozentin HfH;
Stand:
Derzeit wird die Analyse der Daten aus der empirischen Überprüfung des Verfahrens abgeschlossen. Eine Publikation von TinA einschliesslich Handanweisung und Anwendungsbeispielen ist für 2012 vorgesehen.Publikationen
Hunziker, E & Kolonko, B. (2009): Sprache, Kommunikation, Partizipation - Eine ICF-orientierte Entscheidungshilfe für die Aphasietherapie. erscheint in: Aphasie und verwandte Gebiete 2009.
Hunziker, E. & Kolonko, B. (2011): Der Sprachstörung Aphasie ein Bild geben. In I. Kranz, D. Gyseler, M. Studer & K. Häfeli (Hrsg.): Forschung bewegt. 10 Jahre Forschung und Entwicklung 2001-2011. (S. 41-43). Zürich: Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik.
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