Projekte
A.3 Spracherwerbsstörungen bei älteren Kindern und Jugendlichen (2003-2007)
Team
Kolonko BeateKindliche Spracherwerbsstörungen stellen in der logopädischen Praxis im schulischen und vorschulischen Bereich das am häufigsten auftretende Störungsbild dar. Neuere Erkenntnisse aus der Spracherwerbsforschung ermöglichten Ableitungen für eine Therapie im Sinne einer Entwicklungsbegleitung, welche bei jüngeren Kindern mit Erfolg praktiziert wird. Trotz dieser Erfolge gibt es Kinder, bei welchen die Störung bis in das Jugendalter nicht überwunden werden kann. Diese Gruppe wurde bislang in der heilpädagogischen Forschung wenig beachtet: Im deutschsprachigen Raum liegen kaum Forschungsergebnisse über ältere Kinder und Jugendliche mit Spracherwerbsstörungen vor; umfassende und theoretisch fundierte diagnostische und therapeutische Konzepte fehlen.
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des Projektes, den Wissensstand über ältere Kinder und Jugendliche mit Spracherwerbsstörungen zu erweitern. Es soll ermittelt werden, welches die zentralen Probleme und Förderbedürfnisse der Betroffenen sind. Neben den sprachlichen Schwierigkeiten sollen insbesondere auch die Folgebeeinträchtigungen im kommunikativen, sozialen und schulischen Bereich erfasst werden. Dies soll Aufschluss geben über notwendige Ansatzpunkte für Beratung und Therapie und die Basis bilden für weitere Forschungsprojekte.
Das gesamte Projekt ist an der Schnittstelle von Forschung, Lehre und Praxis situiert. Ein Teilziel besteht darin, durch Kooperation mit praktizierenden LogopädInnen und Einbindung von Studierenden (Projektarbeiten) Möglichkeiten der Vernetzung der genannten Bereiche aufzuzeigen.
Der Fragestellung wurde in einer ersten Projektphase zunächst durch Interviews nachgegangen. Zielgruppe waren Logopädinnen und Logopäden an Deutschschweizer Sprachheilschulen, welche im Mittel- und Oberstufenbereich tätig sind. Durch diesen Zugang wurde ermittelt, wie sich die Problematik aus der Perspektive praktizierender Logopädinnen darstellt. Gefragt wurde nach den Schwierigkeiten, welche die Kinder im sprachlichen, kommunikativen, sozialen und schulischen Bereich haben, sowie nach der derzeit praktizierten Therapie. Die Ergebnisse dieser ersten Phase von Februar 03 bis April 04 liegen vor. Insgesamt wurden Daten zu 78 Schülern und Schülerinnen im Alter zwischen 10 und 16 Jahren erhoben. Die quantitative und qualitative Analyse der Interviewdaten vermittelt ein Bild der Störungsproblematik im sprachlichen, kommunikativen, sozio-emotionalen, kognitiven und schulischen Bereich und liefert Hinweise auf derzeit praktizierte logopädische Therapie. Die Relevanz der Ergebnisse für weitere Forschungen und für die logopädische Therapie wird diskutiert.
Die Auffälligkeiten im sozio-emotionalen Bereich fielen weit weniger gravierend aus als in vergleichbaren Studien. Daher wurde eine Untersuchung mit einer Kontrollgruppe von 31 Schülerinnen und Schülern an Volksschulen angehängt (Phase 1B), welche die Ergebnisse von Phase 1 bestätigte.
In der zweiten Projektphase fokussieren wir auf Themen, die a) von hoher Praxisrelevanz und b) deren Bearbeitung im Rahmen des Projekts zeitökonomisch realistisch sind. In Anbetracht der sich zeigenden Persistenz der Spracherwerbsstörungen bei älteren Kindern und Jugendlichen stehen inhaltlich Themen im Vordergrund, die den Aspekt „Umgang mit der Restsymptomatik" berücksichtigen. Vorrangig geht es wie geplant darum, eine Entscheidungshilfe für LogopädInnen hinsichtlich Therapiebedarf, Therapieschwerpunkten und Therapiepausen zu entwickeln.
Für diese Entscheidungshilfe wurden zu folgenden vier Kategorien Therapieindikatoren entwickelt: sprachlich-kommunikative Kompetenzen, sozio-emotionale Stabilität, Institutionelle Rahmenbedingungen und soziales Umfeld, Schulleistungen. Eine erste Version wurde durch die am Projekt beteiligten LogopädInnen erprobt und in der Zwischenzeit wurde eine Computerversion der Entscheidungshilfe erarbeitet.
Eine Dokumentation des Projekts ist 2008 im SZH Verlag erschienen
Kolonko, B. & Seglias, T.: Jugendliche mit Spracherwerbsstörungen. edition szh 2008.
Projektdauer
2003-2007
Kooperationspartner/Finanzierung
Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich, Fachstelle Logopädische Therapie (Ko-Finanzierung)
Finanzielle Unterstützung: DORE (Nationafonds und KTI)
Kontakt
Dr. phil. Beate Kolonko, Dozentin & Projektleiterin HfH; e-mail:
Tonia Seglias, lic. phil., Leiterin der Fachstelle Logopädische Therapie der Stadt Zürich; e-mail:
Literaturhinweise
- Dannenbauer, F.M. (2002). Spezifische Sprachentwicklungsstörung im Jugendalter. Die Sprachheilarbeit, 47, 10-17.
- Kolonko, B. (2002). Sprechen lernen ist eine erstaunliche Leistung. Sprachentwicklung und Sprachförderung. In: Theorie und Praxis der Sozialarbeit, Sammelband, 2002, 25-29.
- Kolonko, B. & Seglias, T. (2000). Semantische Störungen. VBL-Bulletin, 19, 6-15.
- Kolonko, B. & Seglias, T. (2005). Spracherwerbsstörungen bei älteren Kindern und Jugendlichen an Sprachheilschulen. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 2/05, 26-32.
- Romonath, R. (2003). Sprachentwicklungsstörungen im Jugendalter: Empirische Befunde und deren theoretische und praktische Einordnung. In Grohnfeldt, M. (Hrsg.) Spezifische Sprachentwicklungsstörungen (S. 100-123). Würzburg: Freiesleben.




