Berichte aus der Praxis



A. Bernet: Schulische Heilpädagogik, Schwerpunkt Pädagogik bei Schulschwierigkeiten

Andrea Bernet hat ihr Studium in Schulischer Heilpädagogik mit dem Schwerpunkt Pädagogik bei Schulschwierigkeiten 2004 an der HfH abgeschlossen. Sie lebt in Rapperswil- Jona.

 

Wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?

Ich habe die Matura und die Ausbildung zur Primarlehrerin absolviert. Nach einer Mutterschaftspause arbeitete ich als Lehrerin mit fremdsprachigen Kindern und bin so in die ISF-Arbeit (ISF = Integrierte Schulische Förderung) „hineingerutscht“. Daraufhin habe ich beschlossen, die Ausbildung zur Schulischen Heilpädagogin an der HfH zu beginnen.

Wo arbeiten Sie heute?

Seit Januar 2008 arbeite ich in einem Pensum von 35% als Schulleiterin und zu 40% als Lehrperson. Ich leite eine Fördergruppe für mathematisch begabte Kinder im Alter von 8-10 Jahren. Ich bin zudem in der pädagogischen Kommission des Kantons St. Gallen im Bereich Lehrmittel für die Schulische Heilpädagogik tätig.

 

Wie sieht Ihr Berufsalltag als Schulische Heilpädagogin aus?

Die Kinder, die von der Schulischen Heilpädagogin betreut werden, haben meist Schulleistungsprobleme in einem Bereich der Fachkompetenz und individuelle Förderziele. Nebst dem Unterrichten gehören Besprechungsstunden mit den Klassenlehrpersonen zum Berufsalltag. Dabei wird  der Unterricht vorbereitet und evaluiert. Regelmässig werden auch Gespräche mit Eltern und Fachpersonen wie Therapeutinnen, Ärzten oder Psychologinnen geführt, die an der Förderung der Kinder beteiligt sind.

 

Welche Eignungen sind wichtig für das Studium und den Beruf der Schulischen Heilpädagogin?

Das Wichtigste ist die Freude an der Arbeit mit Kindern und Erwachsenen. Man ist mit vielen verschiedenen Menschen in Kontakt. Dafür muss man Offenheit mitbringen und die Bereitschaft, sich in andere Menschen und ihre Lebenssituationen hineinzudenken. Wichtig ist auch, die Überzeugung, in Kooperation etwas erreichen und verändern zu können.

 

Was hat Ihnen das Studium für den Berufsalltag gebracht?

Ich habe das Studium als interessant und vielfältig erlebt. Es hat mich angeregt, mich in verschiedene Bereiche zu vertiefen und mich gezwungen, mich intensiv mit den betreuten Schulkindern auseinander zu setzen und ihre Förderung realistisch zu planen. Als Primarlehrperson konnte ich vieles in der Praxis anwenden, was an der HfH an theoretischem Wissen vermittelt wurde.

 

Wie haben Sie den Weg vom Studium ins Berufsleben geschafft?

Ich habe die Ausbildung berufsbegleitend absolviert. Meine Stelle hatte ich bereits während dem Studium und konnte die Prozente nach Studienabschluss erhöhen.

 

Was hat Sie an diesem Beruf gereizt?

Ich hatte das Bedürfnis, möglichst gut für die mir zugefallene Aufgabe ausgebildet zu sein und wollte die Kinder adäquat fördern. Das Übersetzen von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die pädagogische Praxis fasziniert mich. Als Schulische Heilpädagogin bin ich den Lehrpersonen gegenüber in einer Expertenrolle, was die spezifische Förderung betrifft.

 

Welches sind die grössten Schwierigkeiten, denen Sie in Ihrem Beruf begegnen?

Wenn nicht genügend Lektionen gesprochen werden oder wenn die Lehrpersonen nicht unterstützend zusammen arbeiten, kann die Schulische Heilpädagogik zum „Verschleissberuf “ werden. Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen müssen darauf achten, dass sie nicht als „Feuerwehrpersonal“ eingesetzt werden und sich nicht in Gruppenzimmer verbannen lassen. Integration gelingt nur in konstruktiver Kooperation mit den Regelklassen-Lehrpersonen. Sie ist zwingend gekoppelt mit Unterrichts-, Schul- und Teamentwicklung.

 

Was sind die schönsten Erfolge?

Am schönsten ist für mich, wenn ich mich nach einer Lektion mit der Lehrperson austausche und wir beide finden: Das war jetzt eine gelungene Stunde, die Kinder haben angeregt gearbeitet, die Lernziele die wir uns vorgenommen haben, wurden erreicht und wir haben als  Lehrpersonen von der Zusammenarbeit profitiert!

 

Interview: Sarah Stähli, 2008



I. Davatz: Schulische Heilpädagogik, Schwerpunkt Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung

Irina Davatz hat ihr Studium in Schulischer Heilpädagogik mit dem Schwerpunkt Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung 2002 an der HfH abgeschlossen. Sie lebt in Zürich-Altstetten.

 

Wie sieht Ihr beruflicher Werdegang aus?

Ich habe das Lehrerseminar in Chur gemacht und danach als Primarlehrerin gearbeitet. Nicht in Regelklassen, sondern immer in Kleinklassen mit SchülerInnen mit speziellen (Lern-)Bedürfnissen.

Direkt nach Abschluss des Lehrerseminars habe ich an einer Privatschule gearbeitet, in der wir uns an den normalen Lehrplan halten mussten. In meiner Klasse hatte es aber einige Kinder, die verhaltensauffällig und lern behindert waren und besondere Betreuung benötigten. Danach habe ich in einem Heim für Kinder und Jugendliche mit Lernbehinderungen als Einzelförderungslehrerin gearbeitet und im selben Jahr, 1999, mit dem Studium «Geistigbehindertenpädagogik » am HPS (Heilpädagogisches Seminar) begonnen. Das HPS hat sich unterdessen zur HfH gewandelt und der Studiengang heisst nun «Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung». Während des Studiums habe ich als Klassenlehrerin gearbeitet. Nach dem Studium (Sommer 2002) habe ich  meine Stelle gewechselt und begann in der Schule für Gehör und Sprache zu arbeiten. Berufsbegleitend habe ich ab Sommer 2003 zudem die Ausbildung «Gebärdensprachdolmetschen» an der HfH absolviert.

 

Als was arbeiten Sie heute?

Ich arbeite eineinhalb Tage in der Woche als Heilpädagogin in einer Förderklasse an der Schule für Gehör und Sprache in Zürich. Die Kinder sind im dritten Schuljahr, zwischen 9 und 11 Jahren alt. Wir sind ein Viererteam und haben die Klasse in zwei Gruppierungen aufgeteilt. Wir sind zu zweit verantwortlich für je vier Kinder. Die Kinder in unserer Klasse sind teilweise schwerhörig und haben noch eine Zusatzbehinderung.

Ausserdem bin ich Mutter und Hausfrau und arbeite als Gebärdensprachdolmetscherin.

Wie sieht Ihr Berufsalltag als Pädagogin für Menschen mit geistiger Behinderung aus?

Ich unterrichte die Kinder schulisch und vor allem lebenspraktisch. Zurzeit organisieren wir zum Beispiel gerade einen Weihnachtsmarkt. Wir backen und basteln und verkaufen unsere Produkte anschliessend. Dabei geht es darum, dass die SchülerInnen lernen, mit Geld und Menschen umzugehen. Wichtig in unserer Klasse sind auch Rituale. Dinge, die sich jeden Tag wiederholen. So beginnen wir jeden Tag alle gemeinsam mit einem Lied und schreiben beispielsweise jeden Tag ein Kalenderheft und ein Tagesblatt, das ist wichtig für unsere SchülerInnen.

Welche Eignungen sind wichtig für das Studium  und den Beruf der Pädagogin für Menschen mit geistiger Behinderung?

Vor dem Studium bereits Berufserfahrung mit zu bringen, ist sicher gut, um zu Wissen ob einem diese Arbeit auch entspricht. Sie braucht nämlich viel Geduld. Ausserdem sind Menschenkenntnisse wichtig und ein natürlicher Umgang mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit speziellen Bedürfnissen. Diese speziellen Bedürfnisse sollen nicht immer im Zentrum stehen. Wichtig ist auch, dass man viel Freude mitbringt – man kriegt auch viel zurück.

 

Was hat Ihnen das Studium für den Berufsalltag gebracht?

Das Studium war sehr praxisnah. Die Dozenten waren nahe am Geschehen dran, unterrichteten selber zum Teil noch als Heilpädagogen. Ich konnte mir viele Tipps für den Berufsalltag herausnehmen und eins zu eins umsetzen. Vor allem auch die Praxisbegleitung und der Austausch in der Lerngruppe waren für mich sehr wertvoll.

 

Wie haben Sie den Weg vom Studium ins Berufsleben geschafft?

Ich hatte gerade meine alte Stelle gekündigt, aber habe nach dem Studium problemlos eine Anstellung gefunden. Das Studium war sehr praxisnah. So konnte ich vieles im Berufsalltag einfliessen lassen.

 

Was hat Sie an diesem Beruf gereizt?

Kinder, die «nicht ganz einfach sind» haben mich immer schon interessiert und fasziniert. Den Umgang mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen kannte ich schon vom Unterrichten her. Ich arbeitete nie als Primarlehrerin in einer Regelklasse, weil ich es spannender finde, individuell mit Kindern zu arbeiten.  

 

Welches sind die grössten Schwierigkeiten, denen Sie in Ihrem Beruf begegnen?

Das sind meistens disziplinarische Schwierigkeiten oder wenn ich selber nicht hundert Prozent fit bin und merke, dass ich reizbarer bin. Dann habe nicht die nötige Ruhe, denn ganz ehrlich gesagt: manchmal können mich meine SchülerInnen auch «auf die Palme bringen». Als weitere Herausforderung sehe ich auch, dass an uns im Schulalltag immer mehr administrative Aufgaben gestellt werden.

 

Was sind die schönsten Erfolge?

Kürzlich hatte ich ein sehr schönes Erlebnis. Ich habe eine Schülerin zufällig auf der Strasse wieder getroffen, die ich vor elf Jahren unterrichtet habe. Sie war eine sehr schwierige Schülerin, die mich damals als Junglehrerin stark gefordert und an meine Grenzen gebracht hat. Bei unserem Treffen hat sich bei mir für ihr Verhalten entschuldigt und mir erzählt, dass sie eine Lehre abgeschlossen hat und sehr glücklich ist. Das hat mich sehr gefreut.

Kleine Erfolge erlebe ich auch, wenn ich die Förderplanungen meiner SchülerInnen anschaue und sehe, wie viele Ziele sie bereits erreicht haben.

 

Interview: Sarah Stähli, 2008