Bildungsschere

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Fachpersonen im Gespräch. Foto: HfH

Coronakrise macht Bildungsschere sichtbarer

Die Krise wirkte wie eine Lupe, durch welche die ungleichen Bildungschancen deutlich sichtbar wurden. Dies zeigte die Diskussion am HfH-Round-Table.

In Folge der Coronakrise waren die Schulen mehrere Wochen lang geschlossen. Nun sind sie wieder geöffnet – Zeit, um Bilanz zu ziehen. Aus heilpädagogischer Sicht steht dabei eine Frage im Zentrum: Ist in dieser Phase die Bildungsschere zwischen Kindern mit besonderem Förderbedarf und den anderen Schülerinnen und Schülern noch weiter aufgegangen? Dies war das Thema des HfH-Round-Tables «Coronakrise: Einordnung und Konsequenzen aus Sicht der Heilpädagogik», der am Mittwoch, 17. Juni 2020 stattfand – in Folge der Corona-Beschränkungen ohne Publikum. Moderiert von Steff Aellig von der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) diskutierten: Denise Widmer, Schulleiterin in Suhr AG, Steve Bass, pädagogischer IT-Verantwortlicher an der Primarschule Regensdorf ZH und Andrea Lanfranchi, Leiter des Instituts für Professionalisierung und Systementwicklung an der HfH. Sehen Sie sich hier die Aufzeichnung der Diskussion an.

In Bezug auf die Bildungsschere kann man die Erkenntnisse in drei Punkten bündeln:

1. Diese Bildungsschere war schon immer da. Die Coronakrise brachte keine neuen Bildungsverlierer oder -gewinner hervor.
Eine Krise wirkt immer auch als Lupe – das war das prägende Bild dieser Diskussion. Ungleiche Verteilung von Bildungschancen gab es schon immer. Die Coronakrise hat nicht neue Verlierer und Gewinner hervorgebracht, sondern bereits bestehende Probleme unter dem Brennglas sichtbarer gemacht. Zu den Bildungsverlierern gehörten auch in der Krise jene Kinder und Jugendliche, die Mühe hatten, die Anweisungen der Lehrperson in den Unterlagen sorgfältig zu lesen, permanent Instruktionen, Betreuung und Feedback gebraucht hätten, zuhause jedoch kaum unterstützt wurden. Diese Schülerinnen und Schüler haben sich zunehmend emotional von der Schule verabschiedet. Die Bildungsgewinner hingegen verfügten über ausgereifte Lernstrategien und Arbeitstechniken, wurden durch die Familie unterstützt und waren froh, in Ruhe arbeiten zu können. Sie erlebten deshalb diese Zeit des Fernunterrichts positiv.

2. Ob die Schere zwischen diesen Bildungsverlierern und -gewinnern während des Lockdowns weiter aufgegangen ist, weiss man derzeit nicht. Dazu liegen noch keine Daten vor.
Es wurden zwar verschiedene Studien und Umfragen durchgeführt, aber diese beziehen sich auf Unterschiede in der Grundgesamtheit. So hat zu Beispiel das viel zitierte Schul-Barometer der PH Zug gezeigt, dass die Kinder zuhause in der Zeit des Fernunterrichts unterschiedlich viel Lernzeit aufgewendet haben. Inwieweit die befragten Kinder einen besonderen Förderbedarf hatten oder nicht, wurde jedoch nicht erhoben. Es ist zwar plausibel, dass diese Kinder mit sehr wenig Lernzeit zu der oben beschriebenen Gruppe der Bildungsverlierer gehören – aber man weiss es nicht. Insofern wäre es wichtig, Umfragen oder gar Studien mit heilpädagogischem Fokus durchzuführen. Erst dann können Auswirkungen der Coronakrise auf Kinder mit besonderem Förderbedarf empirisch fundiert nachgewiesen oder eben ausgeschlossen werden.

3. Man kann jetzt schon aus der Krise lernen, wie sich die Schule weiterentwickeln müsste, damit sich diese Bildungsschere wieder ein bisschen schliessen würde.
Auch wenn die Auswirkungen der Krise aus heilpädagogischer Sicht noch nicht beurteilt werden können, kann man jetzt schon Lehren aus dieser Zeit ziehen. Drei Forderungen waren für die Runde zentral. Erstens: Digitale Lehrmittel müssen flächendeckend eingesetzt werden. «Wir brauchen Tablets und Internet für alle», forderte Steve Bass unmissverständlich. Zweitens: Mehr Beziehungsangebote für jene Schülerinnen und Schüler, die sie wirklich brauchen. «In der Ferne gab es zum Teil auch neue Nähe», sagte Andrea Lanfranchi, der eine «neue Intimität zwischen Kindern und Lehrpersonen» feststellte. Drittens: Home-Office für einzelne Kinder. «Brauchen alle Schüler immer Schule?», fragte Steve Bass und ergänzt: «Jetzt wäre die Chance, Schule neu zu denken.» Das sind interessante Ansätze und Perspektiven – aber noch fehlen in den meisten Kantonen konkrete Projekte. Denise Widmer zeigte sich zum Schluss der Runde denn auch skeptisch, dass die Coronakrise mittel- und langfristig etwas verändern wird: «Mir fehlt der Glaube, dass jetzt endlich vermehrt in die Bildung investiert wird.»

Autoren: Dominik Gyseler, Dr. und Steff Aellig, Dr., Wissenschaftskommunikation HfH

Fakten HfH

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