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UNIFIED-GR: Pilotprojekt zur sozialen Partizipation von Kindern und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung im Sportprogramm UNIFIED am Beispiel des Kantons Graubünden

Ausgangslage und Ziele

Partizipation an frei gewählte Freizeitaktivitäten ist sowohl Grundrecht als auch Entwicklungsnotwendigkeit für alle Kinder und Jugendlichen. Denn das gemeinsame Sporttreiben beeinflusst die Selbstbestimmung und das emotionale Wohlbefinden positiv (Eime, Young, Harvey, Charity, & Payne, 2013). Allerdings ist der Zugang zu sportlichen Vereinsaktivitäten für Menschen mit Beeinträchtigung stark eingeschränkt. Das Programm UNIFIED von Special Olympics Switzerland (SOSWI) ermöglicht Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit kognitiver Beeinträchtigung in bestehenden Sportclubs in ihrer näheren Umgebung Sport zu treiben sowie an Breitensportevents und Wettkämpfen teilzunehmen. Damit fördert UNIFIED nicht nur das Wohlbefinden und die Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung, sondern bietet zudem grosses Potenzial, alle Beteiligten für eine «Gemeinschaft für alle» zu sensibilisieren.

In einem grösseren, (inter-)national ausgerichteten Projekt soll der Nutzen von UNIFIED evaluiert werden. Partizipation wird darin nicht als reine Anwesenheit (Attendance) verstanden. Vielmehr wird die ebenso zentrale Sicht der Betroffenen selber und deren subjektives Erleben von Zugehörigkeit zur Gemeinschaft untersucht (Involvement; Imms, Adair, Keen, Ullenhag, Rosenbaum, & Granlund, 2016). Folglich soll folgende übergeordnete Fragestellung untersucht werden: Welche Wirkungen hat die Teilnahme an sportlichen Vereinsaktivitäten auf das subjektive Wohlbefinden und auf die Partizipation aus Sicht von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und ihrem Umfeld? Da es an Befragungsmethoden und -instrumenten zur Erfassung des eigenen Erlebens und der subjektiven Sicht von Kindern und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung fehlt, wird vorgängig ein Pilotprojekt im Kanton Graubünden durchgeführt: das Pilotprojekt UNIFIED-GR. Der Kanton Graubünden ist prädestiniert für das Pilotprojekt, weil dort das Sportprogramm UNIFIED im Jahr 2016 erstmalig kantonal abgestützt und umgesetzt wurde, und inzwischen rund 100 Personen mit Beeinträchtigung in 18 Vereinen aktiv involviert sind

Fragestellung

Um zu untersuchen, ob die Teilnahme am Programm UNIFIED kurz- und mittelfristige positive Auswirkungen auf das emotionale Erleben und die soziale Partizipation von Kindern und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung hat, sollen im Rahmen der Pilotstudie UNIFIED-GR die folgenden vier inhaltlichen Fragestellungen untersucht werden:

(1) Wie ist die soziale Partizipation der Kinder und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung in den UNIFIED-Sportclubs aus Selbstsicht und Fremdsicht (Eltern / Erziehungsberechtigte, Trainer*innen, Lehrpersonen)?

(2) Zeigen sich interindividuelle Unterschiede im emotionalen Erleben bei den Kindern und Jugendlichen in ihrem Alltag über einen Zeitraum von acht Wochen?

(3) Welchen Effekt hat das UNIFIED-Training auf das emotionale Erleben der Kinder und Jugendlichen im Vergleich zu anderen Alltagssituationen (Schule, Familie)?

(4) Welche Prototypen emotionalen Erlebens und sozialer Partizipation der Kinder und Jugendlichen lassen sich bilden?

Das zweite zentrale Ziel des Pilotprojekts ist die Entwicklung und Überprüfung der Erhebungsinstrumente als Vorbereitung für das Hauptprojekt. Deshalb sollen zusätzlich folgende methodisch ausgerichteten Fragestellungen adressiert werden:

(5) Lässt sich die soziale Partizipation von Kindern und Jugendlichen mit Hilfe einer adaptierten Version des für den schulischen Kontext entwickelten Perceptions of Inclusion Questionnaire (PIQ) im Kontext Sportclub und Familie erfassen?

(6) Wie lässt sich das emotionale Erleben bei Kindern und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung zwischen 6 und 16 Jahren (unterschiedliche Kommunikationsformen, Grad der kognitiven Beeinträchtigung) mittels der Experience Sampling Method (ESM) erfassen?

Methodisches Vorgehen

Die Partizipation von Kindern und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung am Programm UNIFIED wird anhand von Einzelfallstudien aus mehreren Perspektiven erfasst. Im Zentrum steht das subjektive Erleben der Sport treibenden Kindern und Jugendlichen. Derzeit trainieren rund 100 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren in Vereinen verschiedener Sportarten (z.B. Fussball, Unihockey, Ski Alpin). Davon werden 12 aus verschiedenen Winter- und Sommersportarten über mehrere Wochen in ihrem Alltag begleitet und sie erfassen selber ihr aktuelles Befinden mit der ESM (Hektner, Schmidt & Csikszentmihalyi, 2007). Bei dieser Methode steht nicht die Frage «wie geht es dir im Allgemeinen», sondern die Frage «wie geht es dir in diesem Moment» im Zentrum. Diese Unmittelbarkeit birgt gerade für Kinder und Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung Vorteile, da die Einschätzungen nicht aus dem Gedächtnis abgerufen werden müssen (Venetz & Zurbriggen, 2015; 2016). Ergänzend dazu wird mittels konventioneller Befragung die allgemeine Einschätzung der Partizipation mittels des PIQ aus Sicht der Kinder und Jugendlichen selber, der Eltern, der Trainer*innen sowie der Lehrpersonen erfragt (Venetz, Zurbriggen, Eckhart, Schwab, & Hessels, 2015).

Ergebnisse

Das Pilotprojekt strebt folgende Ergebnisse an: (1) Evaluation von UNIFIED im Kanton Graubünden, d.h. erlebte Partizipation an sportlichen Vereinsaktivitäten aus Sicht der Kinder und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung, der Eltern und der Trainer*innen; (2) Erweiterung der Fachliteratur zur Partizipation, d.h. wie gelingt Partizipation ausserhalb des schulischen Kontextes; (3) Etablierung einer Forschungsmethode: ESM zum Erfassen des subjektiven Erlebens von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit kognitiver Beeinträchtigung.

Literatur

Eime, R. M., Young, J. A., Harvey, J. T., Charity, M. J., & Payne, W. R. (2013). A systematic review of the psychological and social benefits of participation in sport for children and adolescents: Informing development of a conceptual model of health through sport. The International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 10(1), 1098.

Hektner, J. M., Schmidt, J. A. & Csikszentmihalyi, M. (2007). Experience sampling method. Measuring the quality of everyday life. Thousand Oaks: SAGE Publications.

Imms, C., Adair, B., Keen, D., Ullenhag, A., Rosenbaum, P., & Granlund, M. (2016). 'Participation': A systematic review of language, definitions, and constructs used in intervention research with children with disabilities. Developmental Medicine & Child Neurology, 58(1), 29-38.

Venetz, M., & Zurbriggen, C. (2015). Intensive Longitudinal Methods – ihre Eignung für die sonderpädagogische Forschung und exemplarische Anwendungsmöglichkeiten. Empirische Sonderpädagogik, 3, 194-205.

Venetz, M., & Zurbriggen, C. (2016). Intensity Bias oder Rosy View? Zur Diskrepanz habituell und aktuell berichtetem emotionalen Erleben im Unterricht. Empirische Pädagogik, 30(1), 27-42.

Venetz, M., Zurbriggen, C. L. A., Eckhart, M., Schwab, S., & Hessels, M. G. P. (2015). The Perceptions of Inclusion Questionnaire (PIQ). Deutsche Version. Zugriff unter www.piqinfo.ch

Fakten

Laufzeit
10/2020-12/2022
Nr.
3_29

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Projektteam

Kontakt

Zentrum Forschung und Entwicklung
Tel: +41 44 317 11 46

zfe[at]hfh.ch zfe