Frühe Bildung – Eltern erreichen

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Erwachsene/r hält Kinderhand. Bild: Shutterstock

Frühe Bildung - Eltern erreichen

Ohne die Familie geht nichts: Die frühe Bildung gefährdeter Kinder kann nur erfolgreich sein, wenn zugleich deren Eltern unterstützt werden. Doch wie kommt man an diese ran? Bei der Tagung «Frühe Bildung – Eltern erreichen» vom 24. Januar 2018 wurde klar, wie man den Zugang zu belasteten und schwer erreichbaren Familien finden kann. Wussten Sie zum Beispiel, dass manchmal das Rufen eines Taxis entscheidend zum Erfolg beitragen kann?

Drei Personen umfasst die kleine Familie, die sich eine eng geschnittene 2.5-Zimmer-Wohnung in einem typischen Vorstadt-Quartier teilt: Miro, der junge Vater, in Serbien geboren, vor zehn Jahren immigriert, Hilfskoch im Gasthof «Frohsinn». Vanessa, seine Frau, niedriger Bildungsabschluss, arbeitslos, in der Nachbarschaft isoliert, überfordert. Und Vincent, deren vier Monate alter Sohn. Wenn Vincent später in der Schule erfolgreich sein soll, brauchen er und seine Eltern jetzt schon Unterstützung. Doch gerade solche belasteten Familien sind besonders schwer zu erreichen.

«Man muss sie aktiv dort aufsuchen, wo sie sich im Alltag aufhalten», sagt Angelika Schöllhorn von der Pädagogischen Hochschule Thurgau und ergänzt: «In ihrem Quartier, ihren Treffpunkten, ihren Cafés». Eine vertane Chance wäre es, nur darauf zu warten, bis die Familien selber auf die Angebote der frühen Förderung zukommen. Alex Neuhauser von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich fasst es so zusammen: «Wir erreichen die Eltern nur mit Geh-Strukturen, nicht mit Komm-Strukturen.» So wurde in der ZEPPELIN Studie, in der Neuhauser mitgewirkt hat, in Zusammenarbeit mit Kinderärztinnen, Gynäkologen, Hebammen, Sozialen Diensten, Mütter- und Väterberatungen gezielt nach belasteten Familien gesucht, wie das Hintergrund-Interview mit Alex Neuhauser zeigt.

Doch die Kontaktaufnahme ist nur der Anfang. Um die Familien langfristig zu erreichen, muss die Kommunikation stimmen. «Wir wollen die Eltern für uns gewinnen? Dann müssen wir auch gewinnend handeln», sagt Christina Koch von der HfH. «Wenn ich zu den Familien nach Hause gehe, bin ich Fachperson und Gast zugleich». Es gehe darum, Ziele zu klären, über kulturelle Werte zu diskutieren. Frühe Förderung sei ein Marathon, brauche Ausdauer. Andrea Lanfranchi von der HfH, privat selber passionierter Langstreckenläufer, verdeutlicht das in einem Sprachbild: «Früher haben wir von schwer erreichbaren Familien gesprochen. Heute reden wir von Familien, die mit besonderen Anstrengungen zu erreichen sind.» Die zentralen drei Schritte dieser Anstrengungen sehen Sie in der nachfolgenden Infografik zusammengefasst.

Infografik

In der ZEPPELIN Studie, die Lanfranchi leitet, halfen auch kleine Brücken dabei, den Kontakt aufrechterhalten: ein Geburtstagsgeschenk für den damals 3-jährigen Vincent, ein Erinnerungs-SMS an den Vater, eine interkulturelle Übersetzung für die Mutter. «Wir haben auch schon mal extra ein Taxi organisiert, damit die Eltern auch sicher zu einem wichtigen Termin erscheinen», sagt Alex Neuhauser. In der frühen Förderung selbst werden dann mit den Kindern zum Beispiel bestimmte überfachliche Fähigkeiten trainiert: «Kinder, die lernen sich selber zu regulieren, haben bessere Chancen auf ein beruflich und privat erfolgreiches Leben», sagt Angelika Schöllhorn. Gleichzeitig wird die Familie als Ganzes unterstützt: «Beziehungen stärken, Belastungen minimieren», nennt Alex Neuhauser eine der Parolen. Was das im Detail heisst, können Sie im nachfolgenden Tagungsfilm nachvollziehen.

Wie Sie gesehen haben, werden die Väter bewusst in die Verantwortung genommen: «Väter werden zu häufig als ‚auch-dabei-Personen’ behandelt», sagt Andreas Eickhorst von der Hochschule Hannover. Besser wäre es gemäss Eickhorst, die väterlichen Ressourcen anerkennend einzubringen: «Wenn ein Vater zwar noch nie eine Windel in der Hand gehabt hat, aber am Wochenende immer Fussball spielen geht mit dem Sohn – dann muss man das halt mal explizit wertschätzen!» Das wäre zum Beispiel eine konkrete Unterstützung für Vater Miro, wenn er nächsten Samstag mit seinem Sohn Vincent, mittlerweile 6 Jahre alt, vom Sportplatz zurückkehrt.

Inwieweit die Spezifische Frühe Förderung bei Vincent und den anderen Kindern der ZEPPELIN-Studie erfolgreich war, wissen wir, sobald die nächsten Ergebnisse vorliegen. Die frühe Förderung selber wurde aber bereits institutionalisiert: So können Gemeinden im Rahmen der Beratungsstelle «zeppelin – Familien startklar» Plätze einkaufen, damit Familien mit herausfordernden Startbedingungen von Geburt an begleitet werden können. «Bis jetzt haben wir rund hundert Familien begleitet – mit gutem Erfolg», sagen die Geschäftsführerinnen Brigitte Kubli-Aeberhard und Barbara Steinegger. Sehen Sie im abschliessenden Interview, was es im Einzelnen braucht, dass die Begleitung belasteter Familien langfristig erfolgreich ist.

Autoren: Dominik Gyseler, Dr.; Steff Aellig, Dr.

Kurzbericht

Den Kurzbericht zur Tagung vom 24. Januar 2018 von Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig, Dozenten an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich, finden Sie hier (375 KB). 

Tagungen

Zu aktuellen Themen finden regelmässig Tagungen an der HfH statt. Sie ermöglichen Ihnen, sich innert kürzester Zeit auf den neusten Stand der Fachdiskussion zu bringen und bietet Ihnen die Gelegenheit, mit den Referenten und Referentinnen sowie anderen Fachleuten ins Gespräch zu kommen.

Fakten Weiterbildung

Kurse
Rund 100 Kurse jährlich
Programm
Erscheinungstermin Mitte Oktober
Kursformate
Kurzkurse, Tagungen, CAS, MAS, E-Learning, Abrufangebote und Studienreisen

Kontakt

Prof. Dr. Barbara Forrer

Leiterin Zentrum Weiterbildung