Gebärdensprachforschung in der Deutschschweiz

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Gebärdensprachforschung in der Deutschschweiz

Zur Geschichte der Gebärdensprachforschung weltweit und in der Schweiz

Die Gebärdensprachforschung ist noch eine recht junge wissenschaftliche Disziplin. Ihre Anfänge liegen in den 1960 er-Jahren in den USA. Seit den 1970 er-Jahren werden Gebärdensprachen auch in europäischen Ländern erforscht. Heute sind Gebärdensprachen weltweit an Hochschulen als Thema fest verankert, in Form von Studiengängen wie Gebärdensprachdolmetschen oder Sonder- bzw. Heilpädagogik, von Forschungsprojekten oder sogar durch eigene Forschungsinstitute. In der Deutschschweiz begann die Forschung zur Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) in den frühen 1980 er-Jahren durch Penny Boyes Braem, Leiterin des Forschungszentrums für Gebärdensprache (FZG zur FZG Webseite) in Basel. 

Motivation und Themen der Gebärdensprachforschung (Auswahl)

Die Beweggründe für die Erforschung der  Gebärdensprache haben sich in den letzten 50 Jahren grundsätzlich verändert. Anfangs war die Forschung weltweit darum bemüht, empirisch zu belegen, dass Gebärdensprachen sich aus vergleichbaren Bausteinen zusammensetzen wie gesprochene Sprachen, allerdings in einer visuell-räumlichen Modalität. Im wissenschaftlichen Kontext wird heute keine Grundsatzdiskussion mehr darüber geführt, ob Gebärdensprachen vollwertige Sprachen sind oder nicht. Wir wissen heute, dass (a) sich Gebärden aus kleineren Einheiten zusammensetzen, ähnlich wie bei gesprochenen Sprachen, (b) gehörlose Kinder, die eine Gebärdensprache als Erstsprache erwerben, ähnliche Entwicklungsschritte im Erwerb durchlaufen wie hörende Kinder und vergleichbare Strategien anwenden, und (c) Gebärdensprache im Gehirn in den gleichen Regionen wie gesprochene Sprachen verarbeitet wird.

Neue methodische Vorgehensweisen, die durch den technischen Fortschritt möglich wurden, haben darüber hinaus einen Beitrag geleistet, um zu einem vertieften Wissen über Gebärdensprachen zu gelangen. Aus dieser Entwicklung ergeben sich  neue relevante Themen.

In wissenschaftlichen Diskussionen geht es heutzutage darum, wie sich Gebärdensprachen untereinander ähneln oder unterscheiden (Typologie), oder es wird erforscht, wie sich redebegleitende Gestik, wie wir sie auch beim Sprechen verwenden, von Gebärdensprachen unterscheidet bzw. ihnen ähnelt. Hier wird inzwischen mit der Gestikforschung zusammengearbeitet, was vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Ein weiteres wichtiges Thema ist der Modalitätsunterschied in Bezug auf den Erwerb einer Gebärdensprache als Erst- und/oder Zweitsprache. Hier wird untersucht, welchen Einfluss die beiden sprachlichen Modalitäten, die gesprochene vs. die visuell-räumliche, auf den Erwerb und das Lernen von zwei oder mehr Sprachen haben. Um sich u.a. der Frage der Modalitätsunterschiede auf unterschiedlichen Ebenen anzunähern, kommen neurowissenschaftliche Ansätze zum Einsatz.

Neue Technologien haben der Gebärdensprachforschung in den letzten Jahrzehnten einen Schub versetzt. Mittels neuster Videotechnologie können Gebärden nun genauer untersucht und mit speziellen Programmen am Computer dokumentiert und analysiert werden. Von den neuen Technologien haben u.a. die Korpuslinguistik, die Avatar-Technologie und webbasierte Formate für Gebärdensprach-Assessments profitiert. Ein weiteres spannendes Thema ist die Sprachanwendung in Bezug auf Gebärdensprachbenutzer, die eine Gebärdensprache im Kindes- oder Erwachsenenalter erworben haben.

Gebärdensprachforschung wird in diversen sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen betrieben, wie beispielsweise in den Translationswissenschaften, der Psycholinguistik, der Lexikografie und der Sprachlehrforschung. Forschungsprojekte sind sowohl in angewandter Forschung als auch in der Grundlagenforschung anzutreffe

Situation und Motivation in der Deutschschweiz

In den letzten 30 Jahren ist die Gebärdensprachforschung in der Deutschschweiz massgeblich durch Penny Boyes Braem und ihre gehörlosen und hörenden Mitarbeitenden geprägt worden. Interessanterweise wurde das erste Forschungsprojekt zur Deutschschweizer Gebärdensprache Anfang der 1980 er-Jahre von einem Verein für biologische Forschung finanziert. Diesem Projekt folgten weitere, finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds (siehe Projekte Projekte), am Heilpädagogischen Seminar (HPS), der Vorgängerinstitution der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH), in Kollaboration mit dem Forschungszentrum für Gebärdensprache in Basel. Bis heute ist die HfH ein wichtiger Ort für die Gebärdensprachforschung in der Deutschschweiz. Zu erwähnen sind auch die anderen Einrichtungen, wie die Universität Zürich (Link Projekt Trainslate), das Forschungszentrum für Gebärdensprache Basel oder die ZHAW in Winterthur, die Forschungsarbeiten zur DSGS durchführen.

Die ersten Forschungsprojekte zur DSGS waren reine Grundlagenforschung. Die Ergebnisse dienten als Basis für die Entwicklung von Lehr- und Lernmaterialien für die im Jahr 1986 gegründete Ausbildung für Gebärdensprachdolmetscher (heute Studiengang Gebärdensprachdolmetschen Studiengang Gebärdensprachdolmetschen HfH) und die im Jahr 1990 gegründete Ausbildung für Gebärdensprachlehrer.

Nach wie vor ist die Gebärdensprachforschung an keiner Schweizer Hochschule fest als Forschungsschwerpunkt verankert. Entwicklungs- oder Forschungsprojekte werden bis heute durch den Schweizerischen Nationalfonds, Hochschulen und andere Drittmittelgeber (Stiftungen, Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (EBGB), Schweizerischer Gehörlosenbund (SGB-FSS) usw.) mitfinanziert (siehe Projekte Projekte).

Nicht zu unterschätzen ist der Beitrag, den studentische Arbeiten (Diplom-, Bachelor- oder Masterarbeiten) bis dato geleistet haben, um das Wissen über die Sprache und die Sprachbenutzer und -benutzerinnen zu erweitern. Häufig sind diese Arbeiten nicht veröffentlicht worden und im besten Falle über eine Bibliothek zugänglich.