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Junge springt auf Trampolin

Verhaltensauffälligkeiten, Verhaltensstörungen – Als auffällig und störend erlebtes Verhalten in der Schule

Herumlaufen, dazwischenrufen, nicht zuhören, Gegenstände werfen, Streitigkeiten provozieren, Aufträge verweigern, beleidigende Äusserungen uvm. gehören wohl zu jenen Verhaltensweisen, die Lehrenden und Lernenden in der Schule das Leben und Lernen schwer machen. Und nicht jedes als auffällig wahrgenommene oder störende Verhalten und schon gar nicht jedes Kind, das sich «auffällig verhält», kann zwingend der Kategorie Verhaltensauffälligkeit oder Verhaltensstörung zugeordnet werden. Ob und wann Verhalten als auffällig und störend wahrgenommen wird, wie es zu derartigem Verhalten kommt und wie eine angemessene Steuerung von Verhalten gelernt werden kann, sind wesentliche Fragen, die in der Heilpädagogik diskutiert werden. Die «Pädagogik bei Verhaltensstörungen» als Teilbereich der Heilpädagogik bzw. der Sonderpädagogik ist in der Verwendung von Begriffen für auffälliges oder störendes Verhalten nicht klar: Verhaltensstörung, Verhaltensauffälligkeit, herausforderndes Verhalten, Unterrichtsstörung. Eine Definition aus heilpädagogischer Perspektive schlagen Liesen und Luder (2017) vor:

«Ein sonderpädagogisches Verständnis von Kindern und Jugendlichen mit auffälligen Verhaltensweisen sieht das Kind / den Jugendlichen als autonomes Subjekt, dessen auffällige Verhaltensweisen nicht eine fixe und einseitig durch Ursachen auf der Ebene des Individuums bedingte Persönlichkeitseigenschaft sind, sondern sich funktional und entwicklungsperspektivisch als Bewältigungsversuch einer überfordernden Situation innerhalb der aktuellen Lebensumwelt dieses Kindes oder Jugendlichen verstehen lassen.» (Liesen C., Luder R., 2017, S.6)

Es wird deutlich, dass es darum geht, Kinder und Jugendliche mit ihrem Verhalten zu verstehen. Ursachen für auffälliges Verhalten liegen nicht allein in der Persönlichkeit von Kindern / Jugendlichen. Auffällige Verhaltensweisen werden als Ausdruck einer individuellen Überforderung in der aktuellen Lebenswelt und in einer bestimmten Situation verstanden. Wettstein und Scherzinger (2018) betonen in diesem Kontext eine interaktional-verstehende Perspektive:

«Ausgehend von einer interaktional-verstehenden Perspektive ist jedes Verhalten eingebettet in einen sozialen Kontext und hat, auch wenn es auf den ersten Blick noch so unsinnig erscheinen mag, einen bestimmten Grund. Wenn es uns gelingt, diese Gründe zu verstehen und Störungen als Mitteilungen zu verstehen, können wir eine adäquate Antwort geben.» (Wettstein & Scherzinger, 2018, S.15 f)

Mit Gerhard Schad (2008) gesprochen, geht es bei auffälligem Verhalten um das Verhältnis zwischen Pädagogischen Fachpersonen und Kindern / Jugendlichen:

«Pädagogik thematisiert eben nicht nur das Kind und Sonderpädagogik nicht nur die Schwierigkeiten, die dieses Kind oder der Jugendliche hat und macht, sondern sie thematisiert in ihrem Kern das Verhältnis Erzieher - Kind und ist damit eine beziehungs- und wertorientierte Wissenschaft» (Schad, 2008, S.34)

Auch hier wird die interaktionale Perspektive bezogen auf Erziehung und auf Beziehungen herausgestellt. Der Erziehungswissenschaftler Klaus Mollenhauer hat Erziehung als «symbolisch vermitteltes kommunikatives Handeln» (Mollenhauer, 1972, S.70) beschrieben. Dies bedeutet, dass Lernende, Eltern und Erziehungsberechtigte, Lehrpersonen, Heilpädagog*innen und weitere Fachpersonen als Beteiligte in schulischen Lern- und Erziehungsprozessen einen Diskurs und Verhandlung über subjektive Bedeutungen, den wechselseitigen Austausch und die Verständigung über Anforderungen in schulischen Situationen anstreben. Aus sonderpädagogischer Perspektive fordern als auffällig und störend wahrgenommene Verhaltensweisen genau diesen Diskurs und betonen die Bedeutung von Erziehung im schulischen Kontext. Durch welche konkreten Verhaltensweisen, die als auffällig erlebt und wahrgenommen werden, drücken Kinder und Jugendliche ihre Überforderung bei der Bewältigung von Anforderungen aus? In der Regel werden Erscheinungsformen wie folgt geordnet:

  • Gewalt und Aggressivität, Hyperaktivität, Impulsivität als externalisierende Verhaltensstörungen
  • Angst, Schlafstörungen, Depressionen, Essstörungen, psychosomatische Erkrankungen als internalisierende Verhaltensstörungen
  • Kriminalität, Sucht, Mobbing Link Mobbing, Beziehungsstörungen, Risk Seeking Behavior als sozial delinquentes Verhalten
  • Emotionale Labilität, schnelle Ermüdung, tiefe Frustrationstoleranz, Unselbständigkeit als Störungen der sozialen Entwicklung (sozial unreifes Verhalten) (vgl. Liesen & Luder 2019)

Die vom Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung Link Institutsseite von Dr. phil. Xenia Müller und Prof. Markus Sigrist durchgeführte Bedarfsanalyse (PDF, 3.29 MB) PDF Bedarfsanalyse, an der 1529 Lehrpersonen teilgenommen haben, beschäftigte sich u.a. mit den Fragen nach Verhaltensauffälligkeiten, mit denen Lehr- und Fachpersonen der Trägerkantone der HfH in Regel- und Sonderschulen konfrontiert werden (Müller; Sigrist 2018). Sie fragten auch danach, wie stark sich diese durch Verhaltensauffälligkeiten belastet fühlen. Die Antworten haben gezeigt, dass Verhaltensweisen, von denen sich Lehr- und Fachpersonen am häufigsten belastet fühlen und für die sie Unterstützung benötigen, meist der Kategorie externalisierender Verhaltensauffälligkeiten zuzuordnen sind: Oppositionelles Verhalten, Schulisches Problemverhalten, Aggressives Verhalten, Aufmerksamkeitsprobleme. Erscheinungsformen internalisierender Verhaltensauffälligkeiten, die sich in ängstlichem, sozial zurückgezogenem und depressivem Verhalten zeigen, wurden als deutlich weniger belastend empfunden und werden weniger häufig als Störungen im Unterricht wahrgenommen. Unterrichtsstörungen und auffälliges Verhalten können zum Teil schwerwiegende Folgen haben:

  • Einschränkung der Zeit, die zum Lehren und Lernen zur Verfügung steht,
  • Gefährdung der Gesundheit von Lehrpersonen,
  • Risiko der Beeinträchtigung der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler (vgl. Wettstein & Scherzinger 2018)

Was bedeuten diese Betrachtungen für Lehrpersonen, schulische Heilpädagog*innen und weitere Fachpersonen, die am Bildungsprozess mitwirken und schulische Erziehung und Lernen gestalten? Aus heilpädagogischer Sicht sind alle Beteiligten im erzieherischen und unterrichtlichen Geschehen der Schule durch auffällige Verhaltensweisen im Sinn von «Störungen als Mitteilungen» (Scherzinger & Wettstein 2018) aufgefordert in Kommunikations- und Interaktionssituationen so zu handeln, dass Lernende Erfahrungen machen, die es ihnen ermöglichen Anforderungen mit angemessenem und geeignetem Verhalten zu bewältigen. Lehrpersonen, Schulische Heilpädagog*innen und weitere Fachpersonen haben die Möglichkeiten in Schulen Situationen im sozialen Geschehen und in Lernprozessen so zu gestalten, dass Überforderung vermieden werden kann und das Lernen von adäquatem Verhalten unterstützt wird. Anliegen und Aufgabe von Heilpädagogik ist es, ein für Kinder / Jugendliche individuell angemessenes Anforderungsniveau bereit zu stellen, das es Kindern und Jugendlichen in ihrer Entwicklung ermöglicht,

  • nicht oder kaum in überfordernde Situationen zu geraten,
  • Anforderungen erfolgreich und mit geeigneten Verhaltensweisen bewältigen zu können und
  • neue Erfahrungen machen zu können, die in der individuellen emotionalen und sozialen Entwicklung dazu führen sich selbstwirksam zu erleben und erfolgreich Verhalten zu lernen.

Schulische Erziehungs- und Lernsituationen, die Lehrpersonen sowohl durch Angebote, Anforderungen und Lernumgebungen (didaktisch-methodische Komponenten im Unterricht) als auch durch ihr erzieherisches und kommunikatives Handeln (im Unterricht, in Pausen, Projekten, Übergangssituationen usw.) gestalten, können für Lernende in ihrer Entwicklung zu wichtigen Erfahrungen werden, die beim Aufbau und der Anwendung gemässen Verhaltens hilfreich sind. Häufig wird nach Möglichkeiten gesucht wie als störend wahrgenommenes Verhalten verhindert bzw. verändert werden kann:

Die Bereitschaft von Lehrpersonen und Schulischen Heilpädagog*innen sich in diesen Diskurs zu begeben und ihn als «adäquate Antwort» aus der «interaktional-verstehenden Perspektive» (Wettstein & Scherzinger, 2018, S.15) zu führen, eröffnet Spiel- und Handlungs- und Verhandlungsräume für Lehrende und Lernende. Dadurch werden im Rahmen der individuellen und interpersonellen Entwicklung sowohl für Lehrpersonen und schulische Heilpädagog*innen als auch Kinder und Jugendliche Erfahrungen möglich,

  • Verhalten zu reflektieren und zu verändern,
  • neues Verhalten und seine situationsangemessene Anwendung zu erlernen und zu üben,
  • die Entwicklung von Grundlagen für selbstgesteuertes Verhalten zu unterstützen,
  • Autonomie und Selbstwirksamkeit zu fördern und zu stärken.

Wenn hier von Entwicklung gesprochen wird, bedeutet dies auch, dass sich als auffällig wahrgenommenes Verhalten oft nicht schnell verändern lässt. Die Entwicklung und das erfolgreiche Erlernen von gemässen Verhaltensweisen auf der Basis von bewältigten Anforderungen brauchen Fachwissen und Reflexionsfähigkeit auf professioneller Seite sowie Zeit und Geduld aller beteiligten Personen. Ein wichtiges Ziel ist es, in Schulen ein Setting zu schaffen, in dem schulische Heilpädagog*innen Lernende unterstützen und fördern, angemessenes Verhalten zu erlernen. Wir unterstützen Lehrpersonen, Schulische Heilpädagog*innen und Fachpersonen mit Fachwissen zu verschiedenen Bereichen, in welchen auffällige Verhaltensweisen sichtbar werden. Über Rückmeldungen, Anregungen, Kritik und Hinweise auf weitere Themen in der aktuellen Diskussion danken wir herzlich.

Thomas Lustig, Prof., thomas.lustig[at]hfh.ch E-Mail schreiben an Thomas Lustig

Literatur

  • Liesen C., Luder R. (2017). Teilprojekt 3, Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten, Schlussbericht. In: Luder R., Pfister L., Kunz A.: Pädagogische Hochschule Zürich. Projekt Stärkung der Integrationskraft der Stadtzürcher Schulen (SIS); Pädagogische Hochschule Zürich PHZH – Zentrum Inklusion und Gesundheit in der Schule. Zürich: PHZH.
  • Luder R. (2019). Auffälliges Verhalten in der Schule. Referat an der Enquète «Schulklima – eine zeitgemässe Interpretation – Entwicklung von Lösungsansätzen für Verhaltensauffälligkeiten». Wien. Als PDF Link Schulpsychologie PDF Referat Luder R.verfügbar.
  • Menzel D., Wiater W. (Hrsg.) (2009). Verhaltensauffällige Schüler: Symptome, Ursachen und Handlungsmöglichkeiten. Stuttgart: Utb Verlag.
  • Mollenhauer K. (1982). Theorien zum Erziehungsprozess. (4. Aufl.), München: Juventa Verlag.
  • Myschker N., Stein R. (2018). Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Erscheinungsformen – Ursachen – Hilfreiche Massnahmen. (8. erw. u. aktual. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
  • Schad G. (2008). Vom Verschwinden der Pädagogik im Wissenschaftsbetrieb der Verhaltensgestörtenpädagogik. In: Reiser H., Dlugosch A., Willmann M. (Hrsg.). Professionelle Kooperation bei Gefühls- und Verhaltensstörungen. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.
  • Wettstein A., Scherzinger M. (2018). Unterrichtsstörungen verstehen und wirksam vorbeugen. Stuttgart: Kohlhammer.

Verantwortlich

Prof.  Thomas Lustig

Dozent

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