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Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung: Michel Fornasier im Interview

Bild: Michel Fornasier Bild: Michel Fornasier

Michel Fornasier ist ohne rechte Hand zur Welt gekommen. Heute trägt er eine hochmoderne bionische Handprothese und setzt sich mit seinen Projekten für Kinder und Jugendliche ein. Im Interview zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember spricht er über Herzensangelegenheiten, Bionicman und eigene Erfahrungen.

Am 3. Dezember ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Hat dieser Tag eine besondere Bedeutung für dich?

Für mich persönlich hat dieser Tag keine spezielle Bedeutung, weil ich meine Behinderung gar nicht mehr als solche wahrnehme. Im Sinne der Inklusion ist jeder Mensch – ob in einem Rollstuhl oder mit einer Sehbeeinträchtigung – Teil der Gesellschaft. Trotzdem finde ich solche Aktionstage wichtig, damit die Öffentlichkeit sensibilisiert und auf die Situation aufmerksam gemacht wird.

Was hast du an diesem Tag vor?

An diesem Tag werde ich wahrscheinlich mit dem Bionicman Link zu Bionicmanunterwegs sein. Ich mache zurzeit viele Lesungen in Schulen, wenn die Kinder zum Beispiel in sogenannten Themenwochen unter anderem auch das Thema Menschen mit Behinderung durchnehmen. Ich bin sehr dankbar, dass ich Teil solcher Programme sein darf.

Wie schätzt du das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Situation von Menschen mit Behinderung ein? Was muss sich ändern?

Es ist lobenswert, wieviel in der Schweiz für Menschen mit Behinderung gemacht wird. Ich habe viele Freunde mit einer Sehbehinderung und sie erzählen mir oft von ihren positiven Erfahrungen; wie Mitmenschen sie zum Beispiel im öffentlichen Verkehr unterstützen. Es gibt sicherlich auch in der Schweiz «Luft nach oben». Trotzdem muss man aber sagen, dass die Schweiz doch vorbildlich ist. Da sind wir im europäischen Vergleich sehr weit vorne. Nichtsdestotrotz braucht es noch ganz viel, vor allem wenn ich zum Beispiel an die öffentliche Mobilität der Menschen im Rollstuhl denke. Da bestehen immer noch Probleme mit Verkehrsmitteln, Zugängen zu Restaurants und ähnliches.

Du trägst eine hochmoderne bionische Handprothese. Was hat sich aufgrund von dieser für dich verändert?

Ich trage meine Prothese jetzt knapp vier Jahre. Es gibt meines Wissens zwölf Personen in der Schweiz mit der gleichen Hand, ich bin also sehr privilegiert. Mein Leben hat sich sicherlich verändert, vor allem auch in einem therapeutischen Sinne. Ich war früher sehr schüchtern und habe mein Handicap für lange Zeit versteckt. Sprich 35 Jahre lang habe ich die Jacke über den Armstumpf gezogen oder ihn im Hosensack untergebracht. Irgendwann war ich zu müde, um mein Handicap ständig zu verstecken und habe mich geöffnet. Dazu trug wesentlich auch meine neue Hand bei. Die Prothese brachte mir also einen therapeutischen Mehrwert. Klar ist es cool, ein Smartphone endlich mal mit rechts zu halten und mit links zu tippen – was ich vorher nie konnte – oder auch den Velolenker besser zu umklammern als vorher, aber man muss das Ganze auch pragmatisch sehen: Meine Handprothese deckt lediglich 15% von der Mobilität einer menschlichen Hand ab. Alltägliche Griffe einer Menschenhand nehmen wir als selbstverständlich wahr. Wenn man jedoch bedenkt, was da alles zusammenspielen muss – Feinmotorik, Muskeln, Nerven – ist unser Körper wirklich ein Wunder. Ich bin noch dankbarer geworden für die Leistungen des menschlichen Körpers.

Wie reagieren Leute auf deine Hand?

Die Leute reagieren sehr positiv. Als ich die Hand noch nicht hatte, ist immer ein gewisses Mitleid mitgeschwungen und die Leute haben spekuliert, was mit meiner Hand passiert ist. War es vielleicht eine Amputation? Dysmelie? Oder vielleicht sogar eine Haifischattacke? Dass mein Handicap immer wieder für solchen Gesprächsstoff sorgte, hat mich belastet. Ich wollte doch eigentlich ganz «normal» sein, einfach nur Michel und nicht auffallen. Irgendwann erhielt ich dann meine Handprothese, welche optisch ein bisschen futuristisch, ja sogar sciencefiction-mässig aussieht, da reagieren die Menschen natürlich auch ein bisschen mit Faszination. Besonders Kinder reagieren ganz toll. Sie sind sehr direkt und kommen oftmals auf mich zu um zu fragen, ob meine Hand Superkräfte besitzt. Ich habe anfangs immer verneint, was sie enttäuscht hat. Irgendwann habe ich dann angefangen zu sagen «Man weiss nicht so genau, ob ich Superkräfte habe» und die sind dann natürlich ganz erstaunt zu den Eltern gerannt und haben Dinge gesagt wie «Wenn ich mal gross bin, möchte ich auch so eine Zauberhand haben». Das war sehr erfüllend und hat mein Selbstbewusstsein gestärkt, denn Kinder sind sehr direkt und können sehr verletzend sein – und Kinder reagieren wirklich zu 99.99 % sehr positiv auf meine Hand. So ist dann schlussendlich auch die Idee für Bionicman entstanden.

Wie wird Technologie in Zukunft das Leben von Menschen mit einer Behinderung verändern?

Ich denke, es kommen spannende Zeiten auf uns zu. Neue Technologien können uns im Alltag massgeblich unterstützen. Es sind jedoch nicht alle Menschen mit einer Beeinträchtigung offen für solche Innovationen. Manche wollen vielleicht gar keine Handprothese oder nur eine sehr rudimentäre – und das ist auch legitim. Am Ende des Tages muss es für denjenigen Menschen stimmen, der das Hilfsmittel nutzt. Auf der einen Seite braucht es Orthopäden, Forscherinnen, Designer, 3D-Drucker und auf der anderen Seite steht natürlich immer der Benutzer des Hilfsmittels. Teamwork ist gefragt. Es ist eine schmale Gratwanderung zwischen der Faszination für Digitalisierung oder künstliche Intelligenz – und der Angst davor. Ich denke jedoch, solange der Mensch die Maschine steuern kann – und nicht die Maschine den Menschen – sind neue Technologien sehr hilfreich. Der Mensch sollte auf jeden Fall einen Nutzen von solchen Erfindungen haben, und wenn das im medizinischen Bereich ist, umso besser.

Wie bereits erwähnt hast du zusammen mit dem Zeichner David Boller die Comic-Serie «Bionicman» ins Leben gerufen. Der einhändige Superheld macht sich in seinen Abenteuern für Menschen mit Beeinträchtigung stark. Woher kam die Idee?

Die Idee beruht, wie schon kurz angesprochen, auf den Reaktionen von Kindern auf meine «Zauberhand». In meiner Kindheit und Jugend bin ich mit den grossen Superhelden von Marvel und DC aufgewachsen und irgendwann ist mir aufgefallen, dass die Diversität in den Comics sehr beschränkt ist. Dieser Gedanke der Diversität bei Superhelden kommt bei den grossen Comic-Verlagen in den USA erst jetzt auf. Das ist toll, weil es sensibilisiert und bewusst macht, dass jeder Mensch zur Gesellschaft gehört – egal ob männlich oder weiblich, asiatisch oder europäisch oder im Rollstuhl. In der Schweiz und auch in Europa kann man mit Bestimmtheit sagen, dass es noch nie einen Superhelden mit einer Behinderung gab. Ich denke, es ist Zeit für eine «Enthinderung» in diesem Bereich und deshalb ist es auch Zeit für den Bionicman. Die meisten Kinder im Bionicman-Comic sind nicht fiktiv, sondern existieren auch in der Realität. Ich kenne alle diese Kinder persönlich. Sie freuen sich sehr, wenn sie Teil des Cartoons sein dürfen. Und das gibt dem Bionicman-Comic eine besondere Substanz und eine gewisse Glaubwürdigkeit. Der wichtigste Muskel eines Superhelden ist sein Herz und deshalb geht ein grosser Teil vom Erlös des Cartoons in das Projekt «Give Children a Hand» Link zum Projekt Give Children a Hand. Seit Mitte 2016 fertigt das Hilfswerk zusammen mit Orthopädietechnikern, Designerinnen und Besitzern von 3D-Druckern massgeschneiderte Handprothesen für Kinder.

Wie entstehen die Ideen für die Geschichten von Bionicman?

Die Ideen entstehen meistens beim Rennen. Ich laufe leidenschaftlich gerne und lasse mich in der Natur inspirieren. Manchmal kommen mir die Ideen auch in den Ferien oder beim Meditieren. Eine grosse Inspiration sind natürlich die Kinder oder Ereignisse aus meiner eigenen Kindheit. Ich habe nicht alle Geschichten im Comic selbst erlebt, aber ich kann eigentlich sehr viel Ideen aus diesem 40-jährigen Erfahrungsschatz schöpfen und auch aus Situationen, die ich nach wie vor im Alltag erlebe.

Was liegt dir besonders am Herzen?

Mir liegen Kinder am Herzen. Mit dem Bionicman-Comic möchte ich Kinder ermutigen, ihre innere Stärke zu finden. Kürzlich hat mir ein Vater aus Deutschland erzählt, dass sein 12-jähriger Sohn, der keine linke Hand hat, in der Schule von zwei älteren Jungen wegen seiner Behinderung gemobbt wurde. Der Junge stellte sich dann ganz tapfer vor die zwei älteren Bullies und meinte: «Ja, ich habe nur eine Hand – aber der Bionicman hat auch nur eine Hand!» Auch die Sensibilisierung von Kindern ohne Behinderung für das Thema ist mir wichtig. Kürzlich hat eine Bekannte ihrer dreijährigen Tochter am Beispiel von Bionicman erklärt, dass es auch Menschen gibt, die keinen Arm oder keine Beine haben. Es geht also um einen spielerischen Zugang zu einer Gruppe von Menschen, die ebenfalls Teil unserer Gesellschaft ist.

Was gibt dir Mut?

Natürlich habe auch ich in meinem Leben schwierige Zeiten erlebt. Auch ich habe meine Probleme, meine Ängste und meine Sorgen. Manchmal stellte ich mir die Frage «Wieso gerade ich mit diesem Handicap?» Als Teenager war ich sehr schüchtern und dann kommt so eine Körperbehinderung natürlich nicht so gelegen. Bei meinem ersten Rendezvous, mit einem Mädchen aus dem Nachbardorf, habe ich mir eine Gipshand gebastelt und ihr erzählt, dass ich beim Rollbrettfahren hingefallen sei. Ich wollte meine Behinderung verstecken. Nach ein paar Tagen musste ich ihr dann aber die Wahrheit sagen, denn ständig einen Gips zu tragen hätte mich dann irgendwann wie einen schlechten Rollbrettfahrer aussehen lassen (lacht) – und mein schlechtes Gewissen hat mich auch geplagt. Sie hat so tolerant reagiert und gesagt: «Das ist egal. Ich mag dich so wie du bist.» Diese Erfahrung war sehr wichtig für mich und hat mich geprägt. Solche Erlebnisse geben Mut! Dafür bin ich meiner Familie, Freunden und Menschen in meinem Umfeld sehr dankbar.

Mehr Infos zu Michel Fornasier gibt es unter www.michelfornasier.com.

Die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik ist nationale Referenz für Heilpädagogik, verstanden als Theorie und Praxis von Bildung, Entwicklung und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen; von Menschen, die von einer Behinderung bedroht sind und von Menschen, deren personale und soziale Bedingungen Bildungs-, Entwicklungs- und Inklusionsprozesse erschweren. In fünf thematisch ausgerichteten Instituten Institute konkretisiert sich dieses Profil. Sie erbringen Leistungen in Ausbildung Studium Teaserund Weiterbildung Teaser Weiterbildung, in Forschung und Entwicklung Teaser Forschung sowie in Dienstleistungen Teaser Dienstleistungenund erlauben so die systematische Koppelung im vierfachen Leistungsauftrag. Sie werden von wissenschaftlichen Zentren und einem starken administrativ-technischen Support unterstützt.

Autorin: Ana Grujic, MA

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