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Verhaltensauffälligkeiten

Das Thema verhaltensauffällige Schüler und Schülerinnen ist aktuell gross in den Medien.

Angefangen hat es mit einem Artikel von Nadja Pastega und Sylvain Besson («Jedes fünfte Kind stört den Unterricht» Link zum Artikel in der Sonntagszeitung (kostenpflichtig oder mit Abo), kostenpflichtig oder mit Abo) und einem Editorial Link zum Editorial in der Sonntagszeitungvon Arthur Rutishauser in der Sonntagszeitung vom 28. April 2019.

Prof. Thomas Lustig, Mitarbeiter und Dozent am Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung an der HfH, hat einen Kommentar dazu verfasst. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Beziehungsgestaltung in Schulen, sozial-emotionale Entwicklung und Verhaltensauffälligkeit.

Sehr geehrte Redaktion der Sonntagszeitung,
Sehr geehrte Autoren, Nadja Pastega, Sylvain Besson,

in Ihrem Beitrag vom 28. April 2019 mit dem Titel «Jedes fünfte Kind stört den Unterricht» beschreiben Sie eine Entwicklung in Kindergärten und Schulen, die durch eine Zunahme von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten gekennzeichnet ist. Weiter verdeutlichen Sie, dass Kinder immer jüngeren Alters in Kindergärten und Schulen schwieriges Verhalten zeigen. Nach einer Untersuchung von Professor Reto Luder, PHZH, für Zürich und Winterthur wurden 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler von Lehrpersonen als auffällig eingeschätzt. Sie führen an, dass mit Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes und der damit angestrebten Inklusion die Schulen an ihre Grenzen stossen.

Nach bisherigen Untersuchungsergebnissen liegt der Anteil von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten seit mehreren Jahren im deutschsprachigen Raum stabil bei rund 20 Prozent. Die Entwicklung zur schulischen Inklusion führt dazu, dass Kinder und Jugendliche, die früher in separativen Formen und Sonderschulen unterrichtet wurden, jetzt an Regelschulen verbleiben. Hinzu kommt, dass diese Entwicklung, wie in Ihrem Artikel dargestellt, durch Veränderungen im nicht-schulischen Umfeld der Kinder und in den Familien – «zu Hause wenig betreut», «digitale Demenz», «wenig Zeit mit Gleichaltrigen» - beginnt. Dadurch liegen die Bedingungen für ein vermehrtes Heranwachsen von Kindern und Jugendlichen mit Schwierigkeiten in der emotional-sozialen Entwicklung zumindest zum Teil in den gesellschaftlichen Veränderungen und in Familien, was durch soziologische Forschung belegt wird. Gerade Schule ist nach den Familien der Raum, in dem viele Ressourcen zur Verfügung stehen, die für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen notwendig und wertvoll sind. Es ist unabdingbar, dass Schulen durch Schulentwicklungsprozesse veränderte Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche pädagogische Unterstützung der kindlichen Entwicklung zur Verfügung stellen und die Forderung nach Anpassung nicht einseitig und ausschliesslich auf Lernende projiziert wird. Vielmehr bestätigen Untersuchungen, dass Schulen, die sich mit ihrem Team auf den Weg machen und mit pädagogischen Konzepten nach Lösungen suchen, erfolgreich sind. Es ist Aufgabe von Schulen mit Lehrpersonen als pädagogische Fachkräfte, neben den nach Lehrplan 21 vorgesehenen Kompetenzen und Zielen, Lernprozesse zu gestalten, die eine gesunde Entwicklung aller Kinder und Jugendlichen unterstützt. Dies bedeutet, dass schulisches erzieherisches Handeln und Wirken in Kooperation mit den Familien erfolgt und die pädagogische Professionalität der Lehrenden gestärkt werden sollte. Dazu gehört eine professionelle Unterstützung für Lehrpersonen, die Störungen im Unterricht in ihrer ganzen Bandbreite als grosse Belastungen erleben. Die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen, Eltern und Erziehungsberechtigten in den Familien und die Entwicklung pädagogisch wirksamer Konzepte für den Umgang mit auffälligem Verhalten und schwierigen Situationen sind dringend notwendig.

Die von Ihnen angesprochene Wiedereinführung von Einführungsklassen, mehr Sondersettings, Ausbau des Sonderschulangebots, erscheint als Verschiebung des Problems, das weder aus pädagogisch-fachlicher noch aus wirtschaftlicher Sicht Sinn macht. Durch die angesprochenen Massnahmen wird wahrscheinlich nicht verhindert werden, dass die Anzahl der Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten steigt. Ich meine, dass eine Stärkung der Regelschulen notwendig ist, die Kindern und Jugendlichen gute Entwicklungsmöglichkeiten bietet und das Erlernen emotional-sozialer Kompetenzen unterstützt.

Zum Schluss sei noch eine Anmerkung zu den in ihrem Artikel verwendeten Begriffen erlaubt: Bezeichnungen wie «rabiater Störenfried», «kleiner Raufbold», «Radau Schüler» oder Falltitel wie «Der Störenfried», «Der Schläger», «Der Asoziale», «Die Nervensäge» sind kaum geeignet, Kinder zu beschreiben. Sie bezeichnen im besten Fall Symptome, die diese Lernenden gezeigt haben. Verhaltensauffälligkeiten sind keine Persönlichkeitsmerkmale. Als Personen sind sie aus meiner Sicht junge Menschen, die lernen und sich entwickeln und in einigen Jahren in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Als diese brauchen sie erwachsene Mitmenschen, die sie wertschätzend unterstützen, führen und begleiten.

 

Autor: Thomas Lustig, Prof. Link zur Mitarbeiterübersicht Thomas Lustig

 

 

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