IDS-2-BV: Differentielle Validität von zusätzlichem Förderbedarf im Lernen bei Blindheit und Sehbehinderung

Kategorie Projekt

Ausgangslage und Ziele

Die Intelligence and Developmental Scales 2 Blind and Visually Impaired (kurz IDS-2-BV) A und B erfassen kognitive Potenziale, allgemeine Entwicklung und schulische Kompetenzen blinder und sehbehinderter Kinder und Jugendlicher von 5 bis 20 Jahren. Im Zuge des Adaptions- und Normierungsprojekts (IDS-2-BV) wurden spezifisch angepasste Testmaterialien und Aufgabenformate sowie eigene Normwerte zu Blindheit und Sehbehinderung erarbeitet. Offen ist bislang, wie genau die beiden Testversionen zwischen Lernenden mit und ohne zusätzlichem Förderbedarf im Lernen differenzieren. Genau diese Lücke soll die Validierungsstudie schliessen: 160 Testungen (je 80 pro Testversion) werden mit den Durchschnittswerten aus der Normierung verglichen. Die Ergebnisse fliessen in die diagnostische Praxis, Förderplanung und in die Aus- und Weiterbildung sonder- und heilpädagogischer Fachpersonen ein.

Projektleitung

Fabian F. Winter Titel Prof. Dr.

Funktion

Professor für Bildung bei Beeinträchtigung des Sehens

Ursula Hofer Titel Prof. em. Dr.

Funktion

Emeritiert / Pensioniert

Fakten

  • Dauer
    09.2026
    08.2029
  • Projektnummer
    3_42

Finanzielle Unterstützung

  • Schweizerischer Zentralverein für das Blindenwesen SZBLIND
  • Stiftung Solidarität mit Sehgeschädigten
  • Blindenschule Zollikofen

Weiterbildungsangebot

Ausgangslage

2018 sind die Intelligence and Development Scales–2 (IDS-2) für sehende Kinder und Jugendliche von 5 bis 20 Jahren von Prof. Dr. Alexander Grob und Prof. Dr. Priska Hagmann-von Arx im Verlag Hogrefe erschienen (Grob & Hagmann-von Arx, 2018). Die IDS-2 ermöglichen umfassende Einschätzungen von Intelligenz- und Entwicklungsfunktionen sowie von schulischen Kompetenzen im logisch-mathematischen Denken, in sprachlichen Fähigkeiten und im Lesen und Rechtschreiben. Diese bildeten die Grundlage des Adaptions- und Normierungsprojekts für Lernende mit Blindheit und Sehbehinderung.

In einer ersten Projektphase, die bereits vor der Veröffentlichung der IDS-2 begann, erarbeitete ein Team der HfH Zürich und der PH Heidelberg die Konzeption der Adaption für blinde und sehbehinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Diese Phase wurde von Prof. em. Dr. Ursula Hofer (HfH Zürich), Prof. Dr. Markus Lang (PH Heidelberg) und Prof. Dr. Vera Heyl (PH Heidelberg), von der Abteilung Lehrmittel der Blindenschule Zollikhofen (Bern) und dem Verlag Hogrefe in zwei Testversionen (A und B) umgesetzt. Zwischen 2015–2019 konnte diese Phase erfolgreich abgeschlossen werden. Entstanden sind zwei Testversionen (Hofer et al., 2019): die IDS-2-BV A für blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder und Jugendliche (Visuswerte ≤ 0,05) und die IDS-2-BV B für mittel- und leichtgradig sehbehinderte Kinder und Jugendliche (Visuswerte ≤ 0,3 bis ausschliesslich 0,05). Beide ermöglichen Aussagen zu kognitiven Funktionen, zu allgemeinen Entwicklungsfunktionen und zu schulischen Kompetenzen im Alter von 5 bis 20 Jahren.

In der zweiten Projektphase wurden zwischen 2019–2026 im deutschen Sprachraum für beide Testversionen (A und B) insgesamt 622 Erhebung zur Normierung durch Prof. em. Dr. Ursula Hofer (HfH Zürich), Prof. Dr. Fabian Winter (HfH Zürich) und unter Mitarbeit von Britta Hoppe (Zeune Schule Berlin) durchgeführt. Anschliessend wurden beide Testversionen dem Hogrefe-Verlag zur Veröffentlichung übergeben. Die IDS-2 BV A für Kinder und Jugendliche mit Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung wird voraussichtlich im Jahr 2026 veröffentlicht (Hofer et al., im Druck-a). Die IDS-2 BV B für Kinder und Jugendliche mit mittel- oder leichtgradiger Sehbehinderung soll im Jahr 2027 folgen (Hofer et al., im Druck-b). Beide Versionen werden über die Website des Hogrefe Verlags erhältlich sein.

Eine zentrale diagnostische Herausforderung bleibt jedoch bestehen: Bei Kindern und Jugendlichen mit Blindheit oder Sehbehinderung ist oft nur schwer zu unterscheiden, ob beobachtbare Leistungsunterschiede auf die Sehbeeinträchtigung oder auf zusätzliche kognitive und entwicklungsbezogene Beeinträchtigungen zurückzuführen sind. Grundlagen dafür bietet die differentielle Validität, also die Frage, wie genau ein Verfahren zwischen verschiedenen Subgruppen differenziert. In den Manualen der IDS-2-BV A und B fehlen dazu bisher umfassende Angaben.

Diese Lücke soll diese Validierungsstudie schliessen. Sie prüft, wie zuverlässig die beiden Testversionen zwischen blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen mit und ohne zusätzlichen Förderbedarf Lernen differenzieren. Leitend sind dabei folgende Fragen:

  • Gewährleisten die IDS-2-BV A und B eine ausreichende Differenzierungsfähigkeit, um bei Kindern und Jugendlichen mit Blindheit oder Sehbehinderung einen zusätzlichen Förderbedarf Lernen zuverlässig zu erfassen?
  • Welche Leistungen erbringen und welche Besonderheiten zeigen Lernende mit zusätzlichem Förderbedarf Lernen in den Untertests zu den verschiedenen Faktoren der Intelligenz?
  • Welche Leistungsunterschiede werden in den exekutiven Funktionen, den allgemeinen Entwicklungsbereichen und den schulischen Kompetenzen erkennbar?
  • Welche Untertests erweisen sich als besonders aussagekräftig für die Erfassung dieser Zielgruppe?

Die Studie läuft von September 2026 bis August 2029 und wird von Prof. Dr. Fabian Winter und Prof. em. Dr. Ursula Hofer geleitet.

Methode

Die Untersuchung basiert auf quantitativen Methoden zur Messung der differentiellen Validität. Als Instrumente dienen die beiden Testversionen IDS-2-BV A und B. Verglichen werden die vorliegenden Normdaten blinder und sehbehinderter Kinder und Jugendlicher ohne zusätzlichen Förderbedarf Lernen (n = 622) mit einer neu zu gewinnenden Stichprobe von 160 Kindern und Jugendlichen mit zusätzlichem Förderbedarf Lernen (je 80 pro Testversion).

Aufgenommen werden Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 3 bis 9, bei denen Lehr- und Beratungspersonen einen zusätzlichen Förderbedarf Lernen erkennen. Für die Gewinnung der Stichprobe kann auf das Netzwerk von Bildungsinstitutionen aus der Normierungsphase zurückgegriffen werden, das sich über den gesamten deutschen Sprachraum erstreckt.

Erwartete Ergebnisse

Eine zentrale Hypothese der Studie lautet: Kinder und Jugendliche mit Blindheit oder Sehbehinderung und zusätzlichem Förderbedarf Lernen erzielen in den Gesamtscores der IDS-2- BV A und B signifikant niedrigere Werte als diejenigen ohne einen solchen Förderbedarf. Mehr oder weniger deutliche Unterschiede werden in allen, mit der IDS-2-BV erfassten Funktionsbereichen erwartet.

Zusätzlich soll sichtbar werden, welche Untertests einen zusätzlichen Förderbedarf Lernen am aussagekräftigsten differenzieren und wie viel Varianz sich durch die Gruppenzugehörigkeit aufklären lässt. Diese Befunde sind nicht nur statistisch bedeutsam, sondern unmittelbar praxisrelevant: Sie zeigen, welchen Untertests bei der diagnostischen Interpretation besonderes Gewicht zukommt. Es ist geplant, die Ergebnisse der Studie in eigenen Publikationen zu veröffentlichen.

Diskussion

Der Nachweis der differentiellen Validität ist für die Praxis von hoher Bedeutung: Er zeigt, wie sicher sich mit den IDS-2-BV A und B ein zusätzlicher Förderbedarf Lernen erfassen lässt. Das ist eine wichtige Grundlage für die Planung von Fördermassnahmen sowie für Standortbestimmungen und Laufbahnentscheidungen. Insbesondere sind aber Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung oder Blindheit dadurch besser geschützt vor Falscheinschätzungen ihrer kognitiven und leistungsbezogenen Potenzialen. Bislang fehlte hierfür ein geeignetes, normiertes Diagnostikinstrument: Über- oder unterdurchschnittliche kognitive Begabungen konnten bei blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen deshalb bislang oft nur vermutet, nie aber testdiagnostisch belegt werden. Dabei bleibt eine ressourcenorientierte Interpretation der Testergebnisse leitend: Testergebnisse bestätigen, ergänzen und differenzieren die Erfahrungen von Eltern, Klassenlehr- und Beratungspersonen. Im gemeinsamen Gespräch lassen sich daraus tragfähige Ansätze für Entwicklung und Lernen gewinnen. Nicht zuletzt profitieren davon auch Fachpersonen ausserhalb der Studie: Die Befunde fliessen in ein Fallbuch zu diagnostisch komplexen Abklärungen sowie in Weiterbildungsangebote ein und werden so direkt für den diagnostischen Alltag nutzbar gemacht.

Literatur

Grob, A., & Hagmann-von Arx, P. (2018). Intelligence and Development Scales–2 (IDS-2). Intelligenz- und Entwicklungsskalen für Kinder und Jugendliche. Hogrefe.

Hofer, U., Winter, F., Heyl, V., Lang, M., & Stalmierska, S. (im Druck-a). Intelligence and Development Scales–2 Blind and Visually Impaired (IDS-2 BV), Version A: Intelligenz- und Entwicklungsskalen für blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder und Jugendliche. Hogrefe.

Hofer, U., Winter, F., Heyl, V., Lang, M., & Stalmierska, S. (im Druck-b). Intelligence and Development Scales–2 Blind and Visually Impaired (IDS-2 BV), Version B: Intelligenz- und Entwicklungsskalen für mittel- und leichtgradig sehbehinderte Kinder und Jugendliche. Hogrefe.

Hofer, U., Heyl, V., & Lang, M. (2019). Erfassung von Intelligenz und Entwicklungsfunktionen blinder und sehbehinderter Kinder und Jugendlicher. blind-sehbehindert, 139(1), 27–39.