Ausgangslage
2018 sind die Intelligence and Development Scales–2 (IDS-2) für sehende Kinder und Jugendliche von 5 bis 20 Jahren von Prof. Dr. Alexander Grob und Prof. Dr. Priska Hagmann-von Arx im Verlag Hogrefe erschienen (Grob & Hagmann-von Arx, 2018). Die IDS-2 ermöglichen umfassende Einschätzungen von Intelligenz- und Entwicklungsfunktionen sowie von schulischen Kompetenzen im logisch-mathematischen Denken, in sprachlichen Fähigkeiten und im Lesen und Rechtschreiben. Diese bildeten die Grundlage des Adaptions- und Normierungsprojekts für Lernende mit Blindheit und Sehbehinderung.
In einer ersten Projektphase, die bereits vor der Veröffentlichung der IDS-2 begann, erarbeitete ein Team der HfH Zürich und der PH Heidelberg die Konzeption der Adaption für blinde und sehbehinderte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Diese Phase wurde von Prof. em. Dr. Ursula Hofer (HfH Zürich), Prof. Dr. Markus Lang (PH Heidelberg) und Prof. Dr. Vera Heyl (PH Heidelberg), von der Abteilung Lehrmittel der Blindenschule Zollikhofen (Bern) und dem Verlag Hogrefe in zwei Testversionen (A und B) umgesetzt. Zwischen 2015–2019 konnte diese Phase erfolgreich abgeschlossen werden. Entstanden sind zwei Testversionen (Hofer et al., 2019): die IDS-2-BV A für blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder und Jugendliche (Visuswerte ≤ 0,05) und die IDS-2-BV B für mittel- und leichtgradig sehbehinderte Kinder und Jugendliche (Visuswerte ≤ 0,3 bis ausschliesslich 0,05). Beide ermöglichen Aussagen zu kognitiven Funktionen, zu allgemeinen Entwicklungsfunktionen und zu schulischen Kompetenzen im Alter von 5 bis 20 Jahren.
In der zweiten Projektphase wurden zwischen 2019–2026 im deutschen Sprachraum für beide Testversionen (A und B) insgesamt 622 Erhebung zur Normierung durch Prof. em. Dr. Ursula Hofer (HfH Zürich), Prof. Dr. Fabian Winter (HfH Zürich) und unter Mitarbeit von Britta Hoppe (Zeune Schule Berlin) durchgeführt. Anschliessend wurden beide Testversionen dem Hogrefe-Verlag zur Veröffentlichung übergeben. Die IDS-2 BV A für Kinder und Jugendliche mit Blindheit oder hochgradiger Sehbehinderung wird voraussichtlich im Jahr 2026 veröffentlicht (Hofer et al., im Druck-a). Die IDS-2 BV B für Kinder und Jugendliche mit mittel- oder leichtgradiger Sehbehinderung soll im Jahr 2027 folgen (Hofer et al., im Druck-b). Beide Versionen werden über die Website des Hogrefe Verlags erhältlich sein.
Eine zentrale diagnostische Herausforderung bleibt jedoch bestehen: Bei Kindern und Jugendlichen mit Blindheit oder Sehbehinderung ist oft nur schwer zu unterscheiden, ob beobachtbare Leistungsunterschiede auf die Sehbeeinträchtigung oder auf zusätzliche kognitive und entwicklungsbezogene Beeinträchtigungen zurückzuführen sind. Grundlagen dafür bietet die differentielle Validität, also die Frage, wie genau ein Verfahren zwischen verschiedenen Subgruppen differenziert. In den Manualen der IDS-2-BV A und B fehlen dazu bisher umfassende Angaben.
Diese Lücke soll diese Validierungsstudie schliessen. Sie prüft, wie zuverlässig die beiden Testversionen zwischen blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen mit und ohne zusätzlichen Förderbedarf Lernen differenzieren. Leitend sind dabei folgende Fragen:
- Gewährleisten die IDS-2-BV A und B eine ausreichende Differenzierungsfähigkeit, um bei Kindern und Jugendlichen mit Blindheit oder Sehbehinderung einen zusätzlichen Förderbedarf Lernen zuverlässig zu erfassen?
- Welche Leistungen erbringen und welche Besonderheiten zeigen Lernende mit zusätzlichem Förderbedarf Lernen in den Untertests zu den verschiedenen Faktoren der Intelligenz?
- Welche Leistungsunterschiede werden in den exekutiven Funktionen, den allgemeinen Entwicklungsbereichen und den schulischen Kompetenzen erkennbar?
- Welche Untertests erweisen sich als besonders aussagekräftig für die Erfassung dieser Zielgruppe?
Die Studie läuft von September 2026 bis August 2029 und wird von Prof. Dr. Fabian Winter und Prof. em. Dr. Ursula Hofer geleitet.