Gebärdensprache gewinnt an Gewicht
Tagungsrückblick
Die Ausbildung und die Forschung zur Gebärdensprache haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark weiterentwickelt. Gleichzeitig bleiben Herausforderungen wie die gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen bestehen. Das zeigte die Tagung «40 Jahre Gebärdensprache an der HfH».
Meilenstein Master. Ein Jubiläum ist immer auch Anlass, um Bilanz zu ziehen. Was hat sich in den letzten 40 Jahren im Bereich der Gebärdensprache getan? «Die Ausbildung der Gebärdensprachdolmetschenden wurde stark professionalisiert», hebt Regula Perrollaz als Erstes hervor. Die HfH-Dozentin, die selber gehörlos ist, meint damit zum einen den Bachelor, der seit zwanzig Jahren angeboten wird. Es steht aber auch ein Meilenstein bevor: Ab Frühjahr 2027 lanciert die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) den schweizweit ersten Master in Gebärdensprachdolmetschen. «Er ermöglicht es den bereits diplomierten Dolmetscher:innen, sich für hochkomplexe Einsatzgebiete wie Justiz, Gesundheitswesen oder Medienarbeit zu spezialisieren», erklärt Regula Perrollaz.
Im Gespräch mit Regula Perrollaz und Tobias Haug.
Gebärdenfluss messen. Neben der Ausbildung sticht die Forschung hervor. In den letzten zwanzig Jahren wurde eine Reihe gross angelegter Studien lanciert. Dies hat nicht zuletzt mit den neuen technologischen Möglichkeiten zu tun: «Während früher Videoaufnahmen noch aufwendig verarbeitet und gespeichert werden mussten, lassen sich gebärdensprachliche Daten heute deutlich einfacher analysieren», sagt Tobias Haug. Der HfH-Professor für Gebärdensprache und Kommunikation gehörloser Menschen forscht aktuell zum Gebärdenfluss. «Gehörlose Menschen mit Gebärdensprache als Erstsprache machen weniger und kürzere Pausen als hörende Personen, bei denen die Gebärdensprache die Zweitsprache ist», gibt Haug einen kurzen Einblick in die Ergebnisse. Solche Studien dienen beispielsweise dazu, die technologische Basis für eine präzise KI-Gebärdenerkennung zu schaffen und gleichzeitig Dolmetschenden das nötige Wissen für eine natürliche, flüssige Übersetzung zu vermitteln.
Teilhabe mit Luft nach oben. Trotz vieler Fortschritte sehen die Fachpersonen weiterhin grossen Handlungsbedarf. «Im Alltag erlebe ich als gehörlose Person noch viel zu wenig Teilhabe», sagt Regula Perrollaz mit Blick auf Bereiche wie Gesundheitswesen oder Kultur. Gleichzeitig sind die Schweizer Gebärdensprachen gesetzlich noch nicht anerkannt. Dieser Ball liegt im Moment beim Parlament in Bern. Dieses muss nun ein eigenständiges Gebärdensprachen-Rahmengesetz ausarbeiten. Sollte die Anerkennung in den kommenden Jahren erfolgen, hätte das weitreichende Konsequenzen. Gehörlose Menschen würden dann einen rechtlich abgesicherten Anspruch auf Dolmetschdienste haben, zum Beispiel im Gesundheitswesen oder bei Behördengängen. Dies wiederum würde die Nachfrage nach Dolmetschenden und Lehrpersonen massiv erhöhen. «Die Hochschule muss sich heute schon darauf vorbereiten», betont Tobias Haug.
Regula Perrollaz blickte in ihrer Präsentation auf die Entwicklungen im Bachelorstudiengang Gebärdensprachdolmetschen zurück.
Marinus Spiller, Präsident des Schweizerischen Gehörlosenbundes (SGB-FSS), begrüsste die Teilnehmenden.
Auch Dr. Penny Boyes Braem, Pionierin der Gebärdensprachforschung, richtete einige Worte ans interessierte Publikum.
Nach dem Inputreferat fanden Workshops zu verschiedenen Themen statt. In kleinen Gruppen konnten die Teilnehmenden mitdiskutieren und sich austauschen.
Die Tagung fand im Rahmen des 40-Jahr-Jubiläums der Gebärdensprache an der HfH statt.
Die Tagung «40 Jahre Gebärdensprache an der HfH: Forschung, Praxis und Innovation im Fokus» fand am 9. Mai 2026 an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich statt. Sie war ein Anlass des Instituts für Sprache und Kommunikation und wurde von Tobias Haug, Prof. Dr., Heidi Stocker und Regula Perrollaz geleitet.
Autoren: Steff Aellig, Dr., und Dominik Gyseler, Dr., HfH-Wissenschaftskommunikation (Mai 2026)