Bildungsbericht 2026: Einordnung aus Sicht der Heil- und Sonderpädagogik

Kategorie News

Der Bildungsbericht 2026 zeigt ein leistungsfähiges Bildungssystem – und macht gleichzeitig zentrale Herausforderungen sichtbar: gesellschaftliche Veränderungen, Durchlässigkeit des Bildungssystems und ein inklusives Weiterbildungsangebot. Ein Kommentar aus der Perspektive der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH).

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Julia Mühlhausen Titel Dr.

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Senior Researcher

Der am Montag, 23. März 2026 veröffentlichte Bildungsbericht Schweiz 2026 zeichnet das Bild eines insgesamt leistungsfähigen und stabilen Bildungssystems, das entlang der Kriterien Effektivität, Effizienz und Chancengerechtigkeit analysiert wird. Gleichzeitig macht der Bericht zentrale Entwicklungen sichtbar, die aus Sicht der Heil- und Sonderpädagogik von besonderer Relevanz sind.

Individueller Förderbedarf steigt. Erstens zeigen die demografischen Entwicklungen sowie gesellschaftliche Veränderungen (z. B. Migration, Armutsrisiken, psychische Belastungen), dass Bildungsbiografien zunehmend komplexer werden. Auch wenn in einzelnen Bereichen durch Rückgang der Geburtenrate mit sinkenden Schüler:innenzahlen gerechnet wird, bedeutet dies nicht automatisch eine Entlastung für das System. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der individuelle Förderbedarf steigt und differenziertere pädagogische Antworten erforderlich sind.

Eingeschränkte Bildungs- und Übergangschancen. Zweitens wird die Durchlässigkeit des Bildungssystems als zentrales bildungspolitisches Ziel hervorgehoben. Gleichzeitig bleibt aus Sicht der HfH offen, inwiefern diese Durchlässigkeit tatsächlich für alle Lernenden gilt. Insbesondere die Perspektive von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit besonderem Bildungsbedarf ist im Bericht nur punktuell sichtbar. Befunde aus der Sonderpädagogik zeigen zudem, dass bestimmte Massnahmen – wie etwa Lernzielreduktionen – mit eingeschränkten Bildungs- und Übergangschancen verbunden sein können. Damit stellt sich die Frage, wie Unterstützungsangebote gestaltet werden müssen, damit sie Teilhabe fördern, ohne neue Exklusionsmechanismen zu erzeugen.

Inklusives Weiterbildungsangebot. Drittens gewinnt Weiterbildung im gesamten Bildungssystem deutlich an Bedeutung – nicht zuletzt im Kontext technologischer Entwicklungen wie Künstlicher Intelligenz (KI). Für Lehrpersonen sowie heil- und sonderpädagogische Fachpersonen leitet sich aus Sicht der HfH die Annahme ab, dass gezielte Weiterbildungsangebote die individuelle Bildungshistorie nachhaltig aufwerten und – durch Übernahme einiger Kompetenzen durch KI – eine höhere Spezialisierung und Fachexpertise erlangt werden kann. Der Bericht zeigt jedoch auch, dass Menschen mit Beeinträchtigungen in Weiterbildungsangeboten unterrepräsentiert sind. Gleichzeitig fehlen häufig barrierefreie und digital zugängliche Lernangebote sowie ganzheitliche Konzepte für inklusive Weiterbildung. Dies deutet auf eine strukturelle Lücke hin: Während Inklusion im schulischen Kontext breit diskutiert wird, ist sie im Bereich der Weiterbildung noch nicht systematisch verankert.

Fazit. Insgesamt wird deutlich, dass das Bildungssystem vor der Herausforderung steht, steigende Komplexität mit differenzierten und evidenzbasierten Ansätzen zu beantworten. Für Hochschulen wie die HfH ergibt sich daraus eine zentrale Rolle: die Professionalisierung von Fachpersonen weiterzuentwickeln, evidenzbasierte Praxis zu stärken und Inklusion über alle Bildungsphasen hinweg mitzudenken. Insbesondere in den Bereichen Weiterbildung, multiprofessionelle Zusammenarbeit und digitale Zugänglichkeit besteht ein erhebliches Potenzial, die Weiterentwicklung des Bildungssystems aktiv mitzugestalten.

Auszug aus dem Interview mit Stefan Wolter (SRF, 23. März 2026):

Zentral für eine erfolgreiche Bildung ist die obligatorische Schule. Hier wird aktuell das integrative Modell kontrovers diskutiert. Viele Lehrpersonen sind am Anschlag. Wäre eine Rückkehr zu mehr Sonderklassen eine Lösung?

«Die Forschung zeigt, dass Integration für Kinder mit besonderen Bedürfnissen besser ist und den anderen nicht schadet, solange die Verteilung in den Klassen stimmt. Eine komplette Separation würde zudem an einem simplen Fakt scheitern: Wir hätten gar nicht genug ausgebildete Lehrpersonen, um diese Klassen zu unterrichten. Ausserdem ist eine Separation meist eine Einbahnstrasse: 80 Prozent der Kinder, die in der ersten Primarklasse separiert werden, sind es auch am Ende der Primarschule noch.»