«Die Einführung von Sonderklassen ist ein Rückschritt»
Kategorie News
Die Diskussion rund um die integrative Schule und die Einführung von Kleinklassen ebbt nicht ab. Carlo Wolfisberg ist Leiter des Instituts für Behinderung und Partizipation an der HfH und nimmt im Interview mit dem Beobachter eine klare Position ein.
Kontakt
Im Interview («Das System muss sich den Kindern anpassen, nicht umgekehrt») mit den beiden Journalistinnen Birthe Homann und Conny Schmid äussert sich Prof. Dr. Carlo Wolfisberg pointiert und findet klare Worte zur aktuellen Diskussion rund um die Einführung von Kleinklassen. Seine Hauptaussagen lassen sich auf fünf Kernbotschaften verdichten:
- Kleinklassen haben oft einen negativen Effekt. Aus der Forschung weiss man, dass Kleinklassen negative Effekte haben: Kinder lernen voneinander, wie man sich noch «auffälliger» verhält, sie behalten zudem das Etikett oft ein Leben lang und der Übergang in die Berufswelt ist mit mehr Hürden verbunden. Es trifft überproportional die gleiche Gruppe: Buben, aus soziökonomisch schwachen Verhältnissen, mit Migrationshintergrund.
- Es hängt vom Wohnort ab, ob man integriert wird. Manchmal entscheiden nur einige Kilometer darüber, ob man integriert wird oder nicht. Die grossen Unterschiede sind historisch gewachsen, in den Bergkantonen und im Tessin wird grundsätzlich stärker integriert als in denjenigen Teilen der Deutschschweiz, wo die Separation tief verwurzelt ist.
- In der Schweiz gibt es Beispiele von Schulen, welche konsequent niemanden separieren. Die Schulteams sind oft zufriedener, wenn sie niemanden separieren müssen. Diese Schulen gelten als Best-Practice-Beispiele für gelebte Inklusion. Einige davon wurden im Rahmen von Reportagen porträtiert. Zur Videoreihe «Voneinander wissen, voneinander lernen»
- Oftmals halten wir am starren Gefüge fest, dabei müsste sich das System den Kindern anpassen – und nicht umgekehrt. Viele Lehrpersonen sind überfordert, weil es an Organisation mangelt, nicht an finanziellen Mitteln. Als Beispiele sind Länder wie Italien, Kanada oder Schottland zu nennen, die konsequent inklusiv arbeiten, aber weniger finanzielle Ressourcen pro Kind haben als die Schweiz. Wir investieren viel Energie, damit die Schule so bleiben kann, wie sie ist, anstatt zu überlegen, wie wir das System anpassen können, damit Bildung für alle möglich wird.
- Inklusion bedeutet, dass wir lernen, mit Vielfalt umzugehen. Die Kinder sollen als Erwachsene ein Teil der Gesellschaft werden und dies kann schlicht nicht gut gelingen, wenn wir sie bereits früh «aussortieren».
Weiterführende Inhalte
- Die FAQ zur Inklusion geben Antworten auf wichtigste Fragen. Zur FAQ-Seite
- Im Top-Thema «Tragfähige Schule» finden Sie Inputs, welche Bausteine eine Schule tragfähiger machen. Zum Top-Thema
- Im Hochschulmagazin zum Thema «Entwicklung zur tragfähigen Schule» erklärte Hansjörg Unterfrauner (Pädagogische Abteilung in Bozen) im Interview, wie das Bildungssystem im Südtirol ohne Sonderschulen funktioniert. Zum Interview
- An seiner Antrittsvorlesung argumentiert Prof. Dr. Christoph Suter, Leiter des Instituts für Professionalisierung und Systementwicklung, dass menschliche Vielfalt – und damit die Inklusion – bereits die Ausgangslage bildet. Zum Nachbericht