Welche Technologien werden die Gebärdensprache in Zukunft prägen?
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Künstliche Intelligenz und automatisierte Prozesse eröffnen neue Chancen für das Lernen, Lehren, Übersetzen sowie Dolmetschen. Wie verändern sich die Teilhabemöglichkeiten? Was sind Herausforderungen? An der Fachveranstaltung «Gebärdensprache und Künstliche Intelligenz» wagten die Referent:innen einen Blick in die Zukunft.
Im Rahmen des Jubiläums «40 Jahre Gebärdensprache an der HfH» fand am 22. September 2026 ein Webinar mit drei Präsentationen statt, die Sie in den verlinkten Videos nachschauen können. Zwei Themen standen im Vordergrund:
- Übertragung von Gebärdensprache in Lautsprachtext und umgekehrt (Prof. Dr. Sarah Ebling; Gilbert Tanner)
- Sicherheitsrelevante Inhalte bei Gefahren (Regula Perrollaz)
Übertragung von Gebärdensprache in Lautsprachtext und umgekehrt
Präsentation von Prof. Dr. Sarah Ebling, Professorin am Institut für Computerlinguistik an der Universität Zürich (UZH): Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten für die Erkennung, Übersetzung und Produktion von Gebärdensprachen. Die Präsentation gibt einen Überblick zu Systemen zur Übertragung von Gebärdensprache in Lautsprachtext und von Lautsprachtext in Gebärdensprache. Zu ersteren gehörte unter anderem Googles 2026 vorgestelltes Modell, das auf mehr als 100’000 Stunden Daten aus über 50 Gebärdensprachen trainiert ist. Dabei wurden Fragen des Datenschutzes diskutiert: Auch aus Videos extrahierte Skelettrepräsentationen können identifizierende Informationen enthalten und sind daher nicht grundsätzlich als anonym anzusehen.
Für die umgekehrte Richtung wurden sowohl allgemeine KI-Modelle als auch spezialisierte Modelle betrachtet. Beispiele verdeutlichten, dass die visuell plausible Darstellung einer gebärdenden Person nicht automatisch mit einer sprachlich korrekten Produktion gleichzusetzen ist. Spezialisierte Ansätze bieten hier vielversprechendere Perspektiven, beispielsweise für die Übersetzung aus dem Deutschen in die Deutschschweizerische Gebärdensprache.
Insgesamt besitzt KI ein grosses Potenzial für Gebärdensprachen, allerdings sind die verfügbaren Technologien und Ressourcen sehr ungleich auf einzelne Gebärdensprachen verteilt. Für eine sinnvolle und verantwortungsvolle Entwicklung ist der konsequente Einbezug von Gebärdensprachbenutzenden zentral. Ziel solcher Technologien sollte nicht der Ersatz menschlicher Übersetzer:innen und Dolmetscher:innen sein, sondern deren Unterstützung sowie die Erschliessung neuer Anwendungsmöglichkeiten, beispielsweise beim Gebärdensprachlernen.
Präsentation von Gilbert Tanner, ETH-Student, mit Robotik als Forschungsfeld folgt im zweiten Teil des Videos: Die Umsetzung von Gebärdensprache auf humanoiden Robotern stellt hohe Anforderungen an die präzise Wiedergabe menschlicher Bewegungen. Moderne Verfahren ermöglichen es, menschliche Gebärden aus Videoaufnahmen mithilfe von KI dreidimensional zu rekonstruieren und anschliessend auf humanoide Roboter zu übertragen. Dieser Prozess wird von der Videoaufnahme bis zur Ausführung der Bewegungen auf einem realen Roboter veranschaulicht. Neben den technischen Möglichkeiten werden auch die aktuellen Einschränkungen humanoider Roboter beleuchtet, insbesondere hinsichtlich der Darstellung komplexer Handformen und der für die Gebärdensprache wichtigen Gesichtsausdrücke.
Sicherheitsrelevante Inhalte bei Gefahren
Präsentation von Regula Perrollaz, Dozentin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH): Barrierefreie Gefahren- und Warnkommunikation ist eine zentrale Voraussetzung für den gleichwertigen Zugang zu sicherheitsrelevanten Informationen. In der Schweiz stehen nationale Warn- und Alarmmeldungen bislang nicht in den nationalen Gebärdensprachen zur Verfügung, obwohl gehörlose Menschen in Notfallsituationen besonders auf Informationen in ihrer Erstsprache angewiesen sind.
Der Vortrag lenkt den Blick auf die linguistische Arbeit für die Umsetzung standardisierter Warninhalte in Gebärdensprache. Auf Basis eines explorativen Ansatzes wurden vordefinierte Textbausteine analysiert, durch ein interdisziplinäres Team in gebärdensprachliche Standardformen übertragen und in Fokusgruppen evaluiert. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere schriftsprachliche Oberbegriffe, Zeitreferenzen, Satzstrukturen und feine semantische Unterschiede zentrale Herausforderungen darstellen.
KI-basierte Systeme können solche standardisierten Gebärdensprachformen derzeit nicht automatisch und zuverlässig erzeugen, da ihnen das notwendige sprachliche und kontextuelle Wissen über die Struktur und den Inhalt der jeweiligen Warnmeldung fehlt. Deshalb müssen geeignete Gebärdensprachbausteine zunächst fachlich erarbeitet, manuell als Videos aufgenommen und dokumentiert werden. Auf dieser Grundlage kann anschliessend geprüft werden, wie die Bausteine technisch beziehungsweise KI-gestützt integriert und wiederverwendet werden können. Zentral dabei ist, Gebärdensprachnutzende und Gebärdensprachfachpersonen systematisch in die Entwicklung barrierefreier Warnkommunikation einzubeziehen.