#elterndabei: Einbezug der Eltern in die Psychomotoriktherapie

Kategorie Projekt

Ausgangslage und Ziele

In der Psychomotoriktherapie werden Kinder vermehrt aufgrund von Herausforderungen in der sozio-emotionalen Entwicklung zur Therapie angemeldet und die Anmeldegründe sind multidimensional. Der in der Praxis entstandene Ansatz #elterndabei reagiert darauf, indem er Erziehungsberechtigte systematisch in den therapeutischen Prozess einbezieht und eine systemische Sicht auf das Kind und die Therapie fördert.

Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, den Ansatz #elterndabei theoretisch und empirisch zu fundieren. Dazu werden die theoretischen Konstrukte herausgearbeitet und mit bestehenden Studien zur Wirksamkeit systemischer Interventionen verknüpft.

Projektleitung

Melanie Nideröst Titel MSc

Funktion

Senior Lecturer

Fakten

  • Dauer
    03.2026
    12.2027
  • Projektnummer
    2_45

Projektteam

Kooperationen

  • KINDER STARK MACHEN

Finanzielle Unterstützung

  • Psychomotorik Schweiz

Ausgangslage

In den letzten Jahren ist eine zunehmende Komplexität in der Klientel der Psychomotoriktherapie zu beobachten. Vermehrt werden Kinder aufgrund von Herausforderungen in der sozio-emotionalen Entwicklung zur Therapie angemeldet, wobei die Anmeldegründe häufig multidimensional sind (Amft & Amft, 2003; Jenni, 2021; Widmer & Bräuninger, 2020). Diese veränderten Anforderungen stellen Therapeut:innen vor fachliche und methodische Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund ist in der Deutschschweizer Psychomotoriktherapie der Ansatz #elterndabei (Buchmann, 2013; 2023) entstanden.

Der Ansatz #elterndabei reagiert auf die zunehmende Fallkomplexität, indem er Erziehungsberechtigte systematisch in den therapeutischen Prozess einbezieht. Dieser Einbezug fördert eine systemische Perspektive auf das Kind sowie auf das therapeutische Geschehen insgesamt. Durch Weiterbildungen und Publikationen in Fachzeitschriften wie Motorik, Praxis der Psychomotorik und Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik (SZH) hat der Ansatz in der Deutschschweizer Fachwelt breite Anerkennung gefunden.

Trotz der wachsenden praktischen Verbreitung fehlt bislang eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen, konkreten Umsetzungsformen sowie der Wirksamkeit des Ansatzes. Das vorliegende Forschungsprojekt setzt an dieser Forschungslücke an und zielt darauf ab, einen Beitrag zur empirischen Fundierung von #elterndabei zu leisten sowie die Evidenzbasis der Psychomotoriktherapie insgesamt zu erweitern. Dabei bildet ein integratives Verständnis evidenzbasierter Praxis den theoretischen Rahmen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Ansatz #elterndabei, das im Folgenden skizziert wird.

Evidenzbasierte Praxis stützt sich auf drei zentrale Pfeiler: externe Evidenz, interne Evidenz und soziale Evidenz (Dollaghan, 2007). Externe Evidenz umfasst wissenschaftlich generierte und systematisch ausgewertete Studienergebnisse und liefert objektivierte Erkenntnisse zur Wirksamkeit therapeutischer Interventionen. Interne Evidenz bezieht sich auf die Expertise der Therapeut:innen, die sich in professioneller Erfahrung, fachlichem Wissen sowie der Fähigkeit zur differenzierten diagnostischen Einschätzung und Umsetzung individueller Interventionen zeigt. Soziale Evidenz berücksichtigt schliesslich die Einstellungen, Erwartungen und Präferenzen der betroffenen Kinder und ihrer Bezugspersonen und stellt sicher, dass therapeutische Entscheidungen an deren Lebensrealitäten anschliessen.

Methode

Das methodische Vorgehen umfasst folgende Schritte:

  1. Systematische Literaturrecherche

    Zu Beginn erfolgt eine umfassende Literaturrecherche in wissenschaftlichen Datenbanken, ergänzt durch spezifische Sichtung von Fachzeitschriften sowie Büchern und Praxispublikationen. Dabei werden sowohl nationale als auch internationale Publikationen berücksichtigt, um den aktuellen Forschungsstand breit abzubilden.

  2. Theoretische Verortung

    Anschliessend wird der Ansatz #elterndabei mittels einer kategoriengeleiteten Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024; Mayring, 2015) in Beziehung zu bestehenden theoretischen Modellen und Konzepten gesetzt. Dazu werden zunächst relevante Ansätze aus der Theorie systematisch aufgearbeitet und zentrale Dimensionen sowie handlungsleitende Prinzipien herausgearbeitet. Diese theoretisch gewonnenen Kategorien bilden die Grundlage für einen anschliessenden Vergleich mit dem Ansatz #elterndabei, bei dem insbesondere Gemeinsamkeiten, Überschneidungen und ergänzende Aspekte identifiziert werden. Auf diese Weise wird sichtbar, inwiefern sich der Ansatz in bestehende theoretische Perspektiven einordnen lässt bzw. welche eigenständigen Beiträge er leistet.

  3. Kritische Reflexion und Ableitung von Implikationen

    Abschliessend erfolgt eine kritische Reflexion des Ansatzes im Hinblick auf seine theoretische Tragfähigkeit, sein Potenzial zur evidenzbasierten Weiterentwicklung der Psychomotoriktherapie sowie mögliche Herausforderungen. Daraus werden Empfehlungen für die Praxis, die Aus- und Weiterbildung sowie mögliche Perspektiven für zukünftige Forschung abgeleitet.

Erwartete Ergebnisse

Im Zentrum des Projekts steht die Frage, wie der Einbezug von Erziehungsberechtigten als integraler Bestandteil psychomotorischer Therapie konzeptionell gefasst und wissenschaftlich fundiert werden kann. Der Ansatz #elterndabei wird dabei als Antwort auf die zunehmende Komplexität insbesondere im Bereich der sozio-emotionalen Entwicklung verstanden und systematisch mit bestehenden Konzepten der systemischen Therapie, Elternarbeit und evidenzbasierten Praxis verknüpft.

Die Arbeit trägt dazu bei, eine bestehende Lücke zwischen praxisbasierten Erfahrungen und theoretischer Fundierung zu schliessen und damit die konzeptionelle Schärfung sowie Professionalisierung der Psychomotoriktherapie voranzutreiben. Durch die Integration externer, interner und sozialer Evidenz wird ein differenziertes Verständnis therapeutischen Handelns ermöglicht, das sowohl wissenschaftlichen Anforderungen als auch den Lebensrealitäten der betroffenen Familien gerecht wird.

Erwartet wird, dass die Ergebnisse eine fundierte Grundlage für die gezielte und wirkungsvolle Gestaltung der Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten bieten. Dies kann langfristig zu verbesserten Therapieergebnissen, einer stärkeren Vernetzung von Familie und Therapie sowie zu einer erweiterten Sichtweise auf die kindliche Entwicklung führen. Zugleich soll das Projekt den fachlichen Diskurs fördern und den Wissenstransfer innerhalb der Psychomotoriktherapie und angrenzender Disziplinen unterstützen.

Literatur

Amft, S., & Amft, H. (2003). Welche Kinder kommen in die Psychomotoriktherapie? Ergebnisse einer Studie zur Klientel der Psychomotoriktherapie. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 12, 35–43.

Buchmann, T. (2013). Bindung entsteht über das gemeinsame Handeln. In E. Carnal, J. Sägesser (Hrsg.), Der Körper spricht... und die ganze Persönlichkeit spricht mit (63–75). Edition SZH.

Buchmann, T. (2023). #elterndabei – Der Einbezug von Mutter und Vater ist mehr als nur eine Option. Systemischer Ansatz in der PMT- Interventionen auf mehreren Ebenen – Worte finden und Verletzlichkeiten integrieren. motorik, 46(1), 11–18.

Dollaghan, C. A. (2007). The handbook for evidence-based practice in communication disorders. Paul H. Brookes Publishing Co.

Jenni, O. (2021). Die kindliche Entwicklung verstehen: Praxiswissen über Phasen und Störungen. Springer Berlin Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-62448-7

Kuckartz, U., & Rädiker, S. (2024). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz (6. Auflage). Juventa Verlag.

Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (12. überarbeitete Auflage). Beltz.

Widmer, I., & Bräuninger, I. (2020). Fachbeitrag: Bestandsaufnahme der Psychomotoriktherapie zur Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen von Schulkindern. motorik, 43(3). https://doi.org/10.2378/mot2020.art24d