Inventar zur Einschätzung sozial-emotionaler Kompetenzen (ISEC)

Kategorie Projekt

Ausgangslage und Ziele

Im Rahmen des Projekts wird ein Inventar zur Einschätzung sozial-emotionaler Kompetenzen (ISEC) bei Kindern von 5 bis 10 Jahren entwickelt, normiert und validiert. Das Verfahren ermöglicht eine differenzierte Einschätzung des sozial-emotionalen Wissens mittels Individualtest sowie sozial-emotionaler Verhaltensweisen mittels Selbst- und Fremdeinschätzungen. Das ISEC soll eine reliable und valide diagnostische Grundlage schaffen, um sozial-emotionale Kompetenzen im Vorschul- und Grundschulalter zu erfassen und bei Bedarf gezielte Fördermassnahmen abzuleiten.

Projektleitung

Priska Hagmann-von Arx Titel Prof. Dr.

Funktion

Co-Leiterin a.i. Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen / Prof. für Lernprozesse und -entwicklung

Fakten

  • Dauer
    09.2026
    06.2031
  • Projektnummer
    1_41

Projektteam

  • Nina Krüger

Kooperationen

  • Universität Hamburg

Ausgangslage

Die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen gilt im Kindesalter als bedeutsames Entwicklungsziel. Sie steht unter anderem mit Schulbereitschaft, schulischem Erfolg, Wohlbefinden und psychischer Gesundheit in Zusammenhang (Denham et al., 2015; Domitrovich et al., 2017; OECD, 2015). Eine frühzeitige Identifikation unzureichend ausgebildeter sozial-emotionaler Kompetenzen und eine darauf abgestimmte Förderung sind daher für die weitere kindliche Entwicklung von grosser Bedeutung (Denham, 2006).

Trotz der hohen Relevanz frühzeitiger Diagnostik bestehen bislang nur begrenzte Möglichkeiten, sozial-emotionale Kompetenzen differenziert zu erfassen. Während zahlreiche Förderprogramme verfügbar sind, mangelt es an spezifischen diagnostischen Verfahren. Auf diese diagnostische Lücke wiesen bereits Rennen-Allhoff und Allhoff (1987) hin. Knapp 40 Jahre später besteht weiterhin Bedarf an spezifischen Verfahren zur differenzierten Erfassung sozial-emotionaler Kompetenzen. Viele standardisierte Verfahren fokussieren vorwiegend problembezogenes Verhalten wie Aggressivität, während kompetente Verhaltensweisen, etwa prosoziales Verhalten, weniger berücksichtigt werden. Einzelne allgemeine Entwicklungstests enthalten zwar Subskalen zum sozial-emotionalen Wissen, ein eigenständiger spezifischer Entwicklungstest fehlt jedoch bislang (Hagmann-von Arx & Krüger, 2026).

An dieser diagnostischen Lücke setzt die Entwicklung des Inventars zur Einschätzung sozial-emotionaler Kompetenzen (ISEC) für Kinder von 5 bis 10 Jahren an. Das ISEC verbindet einen Individualtest mit Selbst- und Fremdeinschätzungen und soll eine reliable und valide Grundlage für die differenzierte Erfassung sozial-emotionaler Kompetenzen schaffen. Eine Besonderheit liegt in der kindgerechten Gestaltung. Die Einbettung des Individualtests in eine altersgerechte Geschichte sowie bildgestützte und handlungsorientierte Aufgaben sollen die Motivation der Kinder fördern. Zudem umfasst der Individualtest auch Aufgaben, die ohne expressive sprachliche Fähigkeiten gelöst werden können.

Methode

Das ISEC wird als theoretisch fundierter Entwicklungstest für Kinder von 5 bis 10 Jahren konzipiert. Es verfolgt einen multimodalen Ansatz und kombiniert einen Individualtest mit einer Selbst- und Fremdeinschätzung durch Eltern und Lehrpersonen. Das ISEC erfasst vier zentrale Bereiche sozial-emotionaler Kompetenz: Emotionsverständnis, soziales Situationsverständnis, Emotionsregulation und soziale Handlungskompetenz.

Die Entwicklung basiert auf etablierten Modellen sozial-emotionaler Kompetenz sowie entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. Berücksichtigt werden insbesondere das um emotionale Prozesse erweiterte sozial-kognitive Informationsverarbeitungsmodell (Crick & Dodge, 1994; Lemerise & Arsenio, 2000) sowie modellübergreifende Gemeinsamkeiten verschiedener Konzepte sozial-emotionaler Kompetenz (vgl. Jones et al., 2019; Perren & Lieb, 2026; Schoon, 2021). Ergänzend fliessen die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 2000) und die Selbstwirksamkeitstheorie (Banduras, 1977) ein.

Das ISEC wird mit 100 Kindern im Alter von 5 bis 10 Jahren in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland pilotiert. Dabei werden insbesondere die Verständlichkeit, Durchführbarkeit und erste psychometrische Eigenschaften überprüft und das Verfahren finalisiert.

Die finale Version wird mit 1200 Kindern im Alter von 5 bis 10 Jahren in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland normiert. Auf Basis dieser Daten werden altersdifferenzierte Normwerte berechnet.

Die Reliabilität des ISEC wird anhand der internen Konsistenz mittels Cronbachs Alpha untersucht. Die Validität des ISEC wird umfassend geprüft. Zur Prüfung der Konstruktvalidität wird die zugrunde liegende Struktur des Verfahrens überprüft. Die konvergente Validität wird anhand von Zusammenhängen mit etablierten Verfahren zur Erfassung sozial-emotionaler Kompetenzen untersucht, beispielsweise mit dem Funktionsbereich Sozial-emotionale Kompetenz der Intelligence and Development Scales – 2 (IDS-2; Grob & Hagmann-von Arx, 2018) und der deutschen Fassung des Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ; Goodman, 1997). Zur Prüfung der diskriminanten Validität werden Zusammenhänge mit sprachlichen und kognitiven Kompetenzen analysiert, beispielsweise mit den Funktionsbereichen Intelligenz der IDS-2 (Grob & Hagmann-von Arx, 2018). Ergänzend wird das ISEC bei Kindern mit ausgewählten Diagnosen (ADHS, Autismus, Sprachentwicklungsstörung) eingesetzt, um die klinische Validität zu untersuchen.

Erwartete Ergebnisse

Als Ergebnis des Projekts soll mit dem ISEC ein theoretisch fundiertes, normiertes, reliables und valides Verfahren zur differenzierten Einschätzung sozial-emotionaler Kompetenzen bei Kindern von 5 bis 10 Jahren vorliegen. Durch die Kombination von Individualtest sowie Selbst- und Fremdeinschätzung sollen sowohl sozial-emotionales Wissen als auch Verhaltensweisen aus unterschiedlichen Perspektiven erfasst werden können. Altersdifferenzierte Normwerte sollen eine Einordnung der individuellen Ergebnisse ermöglichen.

Diskussion

Das ISEC soll einen wichtigen Beitrag zur heil- und sonderpädagogischen sowie psychologischen Diagnostik leisten. Sozial-emotionale Kompetenzen sind eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiches Lernen, soziale Teilhabe und psychisches Wohlbefinden (Denham et al., 2015; Domitrovich et al., 2017; OECD, 2015, Denham, 2006). Mit dem ISEC soll ein standardisiertes Verfahren zur Verfügung stehen, das diese Kompetenzen differenziert und aus verschiedenen Perspektiven erfasst.

Das ISEC schliesst eine bestehende diagnostische Lücke und eröffnet neue Möglichkeiten für die frühzeitige Identifikation von Stärken und Unterstützungsbedarfen im Bereich sozial-emotionaler Kompetenzen.

Literatur

  • Bandura, A. (1977). Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84(2), 191–215.
  • Crick, N. R. & Dodge, K. A. (1994). A review and reformulation of social information-processing mechanisms in children’s social adjustment. Psychological Bulletin, 115, 74–101.
  • Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000). The «What» and «Why» of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. https://doi.org/10.1207/S15327965PLI1104_01
  • Denham, S. A. (2006). Social-emotional competence as support for school readiness: What is it and how do we assess it? Early Education and Development, 17, 57–89.
  • Denham, S. A., Bassett, H. H., Brown, C., Way, E. & Steed, J. (2015). “I know how you feel”: Preschoolers’ emotion knowledge contributes to early school success. Journal of Early Childhood Research, 13, 252–262. https://doi.org/10.1177/1476718X13497354
  • Domitrovich, C. E., Durlak, J. A., Staley, K. C. & Weissberg, R. P. (2017). Social-emotional competence: an essential factor for promoting positive adjustment and reducing risk in school children. Child Development, 88, 408–416. https://doi.org/10.1111/cdev.12739
  • Goodman, R. (1997). The Strengths and Difficulties Questionnaire. A research note. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 38, 581–586. https://doi.org/10.1111/j.1469-7610.1997.tb01545.x
  • Grob, A., & Hagmann-von Arx, P. (2018). Intelligence and Development Scales für Kinder und Jugendliche (IDS-2). Hogrefe.
  • Hagmann-von Arx, P. & Krüger, N. (2026.). Testverfahren. In R. Markowetz, T. Hennemann, D. Hövel & G. Casale (Hrsg.), Handbuch Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung (Kapitel 137). Beltz Juventa.
  • Jones, S., Bailey, R., Meland, E., Brush, K., & Nelson, B. (2019). Tools for Selecting & Aligning International Frameworks for Social, Emotional, and Related Skills. (Zugriff am 3.8.2026: https://echidnagiving.org/wp-content/uploads/2020/01/International-Frameworks-for-SEL.pdf)
  • Lemerise, E. A. & Arsenio, W. F. (2000). An Integrated Model of Emotion Processes and Cognition in Social Information Processing. Child Development, 71(1), 107–118. https://doi.org/10.1111/1467-8624.00124
  • OECD (2015). Skills for social progress: The power of social and emotional skills. OECD Skills Studies, OECD Publishing.
  • Perren, S. & Lieb, J. (2026). Sozial-emotionale Entwicklung beobachten, beschreiben und verstehen: Chancen und Herausforderungen verschiedener methodischer Ansätze. In S. Perren & T. Malti (Hrsg.), Soziale und emotionale Entwicklung im Kindesalter. Entwicklungsprozesse verstehen, begleiten und stärken (S. 15–33). Kohlhammer.
  • Rennen-Allhoff, B., Allhoff, P. (1987). Spezielle Tests zur sozialen und emotionalen Entwicklung. In: B. Rennen-Allhoff & P. Allhoff (Hrsg.), Entwicklungstests für das Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter. Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-70494-9_7
  • Schoon, I. (2021). Towards an Integrative Taxonomy of Social-Emotional Competences. Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.515313