Schule : Macht : Sonderpädagogik. Machtanalytische Perspektiven auf sonderpädagogische Diskurse.

Kategorie Projekt

Ausgangslage und Ziele

Das Dissertationsprojekt Schule : Macht : Sonderpädagogik untersucht Macht als konstitutives Moment (sonder)pädagogischer Praxis und Profession. Sonderpädagogik wird als ambivalente Kulturpraxis zwischen Unterstützung, Normierung und Disziplinierung rekonstruiert. Analysiert werden Inklusionsdiskurse, Erziehungsverhältnisse und institutionelle Ordnungen aus machtsensibler Perspektive. Methodologisch verbindet die Studie Heterologie, Sequenz- und Diskursanalyse. Ein Schwerpunkt liegt auf der Theoriebildung und der kritischen Rekonstruktion der «Neuen Autorität» als vermeintlich machtarmem Dispositiv. Entwickelt werden Kriterien zur Unterscheidung legitimer und illegitimer pädagogischer Machtausübung und zur professionsethischen Selbstreflexion von Schule und Sonderpädagogik.

Begleitung durch Prof. Dr. Stephan Gingelmaier, Prof. Dr. Ursula Stinkes und Prof. Dr. Jörg Michael Kastl der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Projektleitung

Pierre-Carl Link Titel Prof.

Funktion

Professor für Erziehung und Bildung im Feld sozio-emotionaler und psychomotorischer Entwicklung

Fakten

  • Dauer
    10.2025
    12.2027
  • Projektnummer
    2_44

Ausgangslage

Sonderpädagogik bewegt sich in konstitutiven Spannungsfeldern: Fürsorge, Normalisierung, Disziplinierung, Selektion und zugleich Inklusion, Teilhabe und Unterstützung (Falkenstörfer, 2020; Boger, 2018; Felder, 2022). Sonderpädagogische Praxis ist unweigerlich mit Macht befasst. Lehrpersonen strukturieren Lern- und Entwicklungsprozesse, setzen Regeln, diagnostizieren, beurteilen, unterrichten, erziehen und gestalten Förderarrangements. Diese machtvollen Ordnungsleistungen sind politisch und institutionell legitimiert und vielfach notwendig, um Bildung und Teilhabe zu ermöglichen (Stein & Müller, 2018). Zugleich können dieselben Praktiken normierend, selektierend und potenziell verletzend wirken; insbesondere dann, wenn Machtasymmetrien naturalisiert, verschleiert oder nicht begrenzt werden (Meyer-Drawe, 2001; Drinck, 2023; Butler, 2021).
Macht tritt jedoch nicht nur in Praktiken, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs in und durch Sprache hervor. Die Sprache, mit der der «Andere», etwa das vulnerable, als förderbedürftig markierte Subjekt – beschrieben wird, ist nicht neutral; sie operiert mit Zuschreibungen (Namen, Rollen, Diagnosen), die Subjektpositionen formieren (Laubenstein, 2011; Lacan, 1986, 1991). Damit stellt sich die Frage, «wer was über wen» sagen kann und welches Gewicht solche Benennungen in einem machtvollen Aushandlungsdiskurs besitzen (Laubenstein, 2008; Gehring, 2019). In der Foucaultschen Perspektive sind Klassifikationen und Diagnosen nicht lediglich Beschreibungen, sondern produktive Verfahren: Sie bringen Subjektpositionen hervor und stabilisieren Normalitäts- und Abweichungsordnungen (Foucault, 2005a; Ricken, 2008; Rieger-Ladich, 2019). Zugleich ist – im Anschluss an Foucault – Macht nicht nur repressiv, sondern produktiv: Sie erzeugt Wissensordnungen, Normen, Praxisformen und Handlungsräume; wo Macht wirkt, ist auch Widerstand möglich (Foucault, 2005a; Han, 2005).
Diese Ambivalenz wird im Projekt in einer heterologischen Perspektive zugespitzt. Sonderpädagogik erscheint als Kulturpraxis, die Subjekte hervorbringt, deren Anwältin sie zu sein beansprucht. Die «Sprache des Anderen» ist dabei doppelt zu verstehen. Einerseits als eine Sprache des adressierten Fremden respektive vulnerablen Subjekts und psychoanalytisch als Sprache des «(grossen) Anderen» als symbolische Ordnung, die Normen und Zuschreibungen bereitstellt (Lacan, 1986, 1991; Langnickel, 2020, 2021). In dieser Spannung zwischen Subjektivierung und Alterität stellt sich die Frage nach legitimer und illegitimer Machtausübung: Wann ist Macht pädagogisch notwendig – und wann kippt sie in Übergriff, Entwürdigung oder Gewalt? (Meyer-Drawe, 2001; Drinck, 2021, 2023).
Ein aktuelles, praxiswirksames Feld, in dem diese Problemstellung exemplarisch sichtbar wird, ist die «Neue Autorität». Das Konzept wird häufig als deeskalativ und als Alternative zu autoritären oder strafenden Interventionen rezipiert. Im Projekt wird jedoch die Hypothese verfolgt, dass gerade in Konzepten, die sich als «machtarm» oder «machtfrei» ausgeben, Machtverhältnisse besonders wirksam verschleiert oder entpersonalisiert auftreten können, etwa in Form verdeckter Sanktionen, Objektivierungen oder responsibilisierender Arrangements (Link et al., 2025). Eine machtkritische Analyse ist deshalb nicht nur Theoriearbeit, sondern professionsethisch relevant. Denn sie dient der Grenzbestimmung legitimer pädagogischer Führung und der Vermeidung von Machtmissbrauch (Drinck, 2023; Misamer, 2023).

Das Projekt zielt auf eine machtanalytische, heterologisch informierte Rekonstruktion sonderpädagogischer Diskurse und Praxisfiguren mit Schwerpunkt auf der Pädagogik im Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung (ESE), Sonderpädagogik allgemein sowie auf eine kritische Untersuchung der «Neuen Autorität» als vermeintlich «machtfreies» Dispositiv, das Machtverhältnisse teils negiert oder unsichtbar macht.
 

Leitende Forschungsfrage
 

Wie konstituiert sich Sonderpädagogik disziplinär, professionsbezogen und praktisch als machtvolle Ordnung und inwiefern kann sie als ambivalente Kulturpraxis verstanden werden, wenn davon ausgegangen wird, dass sie zugleich die Subjekte hervorbringt, deren Anwältin sie zu sein beansprucht?
 

Die Leitfrage wird durch Unterfragen operationalisiert

  1. Macht als sonderpädagogischer Grundbegriff: Inwiefern ist Macht ein Ordnungsgefüge respektive Dispositiv sonderpädagogischer Disziplin und Profession, genealogisch analysierbar im Anschluss an Foucault? (Foucault, 1978, 2005a).
  2. Schule – Macht – Inklusion: Welche Ordnungsversuche werden im Inklusionsdiskurs stabilisiert, und inwiefern erweist sich Inklusion auch als machtvoller Mythos? (Rieger-Ladich, 2017; Felder, 2022).
  3. Erziehungsverhältnisse: Wie zeigt sich Macht zwischen Unterstützung, Übergriff und Gewalt – auch in scheinbar dialogischen Verfahren? (Meyer-Drawe, 2001; Drinck, 2023).
  4. Andersorte: Wie lassen sich verdichtete Machtverhältnisse in Sonderinstitutionen/Andersorten beschreiben? (Foucault, 1967; Link, 2020).
  5. «Neue Autorität» und die Leugnung von Macht: Inwiefern verschleiert das Konzept der «Wachsamen Sorge» seine Machtverhältnisse? (Link et al., 2025).
  6. «Neue Autorität» und entpersonalisierte Sanktion: Welche Formen verdeckter Sanktion/Strafe werden als «objektiv» organisiert und welche Entsubjektivierungen folgen daraus?

Methode

Die Forschungsfrage wird mit einem methodischen Bündel aus texthermeneutischen, phänomenologischen, diskurs-, macht- und sequenzanalytischen Zugängen bearbeitet. Diese werden unter dem Leitbegriff der Heterologie zusammengeführt, verstanden als Methodologie der Grenzüberschreitung (Keul, 2021b, S. 29). Ursprünglich von Bataille entwickelt, fragt Heterologie nach dem Heterogenen und Inkommensurablen, das sich etablierten Ordnungen entzieht. Certeau ergänzte die Idee um das «Wildern» in fremden Diskursen. Mit jedem Autorenwechsel verschiebt sich der Begriff (Bauer, 2016, S. 22). Für die Sonderpädagogik bedeutet dies, die eigene Arbeit stets in Bezug auf andere Diskurse neu zu bestimmen.    
Besonders Keul (2021a, 2021b) hat Heterologie für die Humanwissenschaften aufgearbeitet. Sie versteht sie als wissenschaftliche Methode, die Verwundbarkeit zulässt und Erkenntnismomente ernst nimmt. Analog zur Theologie soll auch die Sonderpädagogik als Heterologie begriffen werden respektive als eine Wissenschaft, die bewusst andere Diskurse aufsucht, um sich selbst zu bestimmen (Keul, 2021b, S. 13f.). Certeau beschreibt das Andere als «Nichtgesagtes der Wissenschaft» (Certeau, 2009, S. 167), das immer wiederkehrt. Wissenschaft vom Anderen erfordert neue Verfahren, die auch nicht-schriftliche Erfahrungen einbeziehen (Certeau, 2009, S. 171). Für die Sonderpädagogik bedeutet dies, sich offen und verletzlich gegenüber Kritik, Inklusionsforderungen und historischen Verstrickungen zu zeigen (vgl. Ahrbeck, 2016).
Die methodologische Klammer dieser Dissertation ist daher die Heterologie. In Kollers (2021, S. 19) Verständnis ermöglicht sie systematisch geordnete Aussagen und verbindet hermeneutisches Verstehen mit diskursanalytischen Verfahren. Sonderpädagogik ist zwischen Geistes- und Sozialwissenschaft verortet (Koller, 2021, S. 174; Stein & Müller, 2016, S. 56). Hermeneutik als Methode des Verstehens bleibt leitend, da pädagogische Phänomene sinnhafte Gebilde sind, deren Bedeutung erst durch Zuschreibung entsteht (Koller, 2021, S. 195). Diskursanalyse ergänzt diese Perspektive um poststrukturalistische Zugänge (Hong, 2023; Boger, 2019d).
Die Studie kombiniert beide Verfahren und versteht sich als sozialwissenschaftliche Hermeneutik (Langnickel, 2021). Methodisch wird eine Triangulation angestrebt (Flick, 2020), um unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen. So wird Sonderpädagogik als konstellative Disziplin profiliert, die empirische, kritische und praktische Ansätze verbindet (Bauer, 2016, S. 16). Erkenntnisse entstehen abduktiv, denn sie eröffnen neue Möglichkeiten, ohne endgültige Geltung zu beanspruchen (Peirce, 1991; Konrad & Sailer, 2024, S. 64). Abduktion bedeutet kreatives Hypothesenbilden im «methodischen Basteln» (Métraux, 2017, S. 648).    
Ein weiterer genutzter methodischer Zugriff ist die Dispositivanalyse nach Foucault (1978), verstanden als Analyse heterogener Ensembles von Diskursen, Praktiken, Institutionen und Machtverhältnissen. Das «Sonderpädagogikdispositiv» umfasst Institutionen wie Schulen oder Psychiatrien, Diskurse, Techniken, Subjektivierungspraktiken und Machtfunktionen. Es erzeugt Wissen, legitimiert Machtstrukturen und formt Subjektpositionen. Das Verhaltensdispositiv in der Sonderpädagogik organisiert und reguliert Verhalten, schafft Diagnosen und Fördermassnahmen und formiert zugleich die Figur des «verhaltensauffälligen Kindes» (Link, 2020; Langnickel, 2021).    
Die ersten vier Artikel der Dissertation arbeiten mit texthermeneutischen und diskursanalytischen Verfahren in Foucaults Tradition. Zwei weitere Artikel zur Kritik an der «Neuen Autorität» nutzen rekonstruktive Forschung, insbesondere Sequenzanalyse (Foucault, 1992; Link et al., 2025). Ziel ist, Bedingungen institutioneller Bildungsprozesse, die Rolle emotionaler Bindung und die Deutung von Schülerverhalten im Umgang mit Krisen zu verstehen. Rekonstruktive Forschung erfasst implizite Sinnstrukturen und Bedeutungszuschreibungen und macht so Autoritätskonzepte in konkreter Praxis sichtbar. Der fünfte und sechste Artikel zur Kritik an der «Neuen Autorität» und ihrem verleugneten Verhältnis zur Macht folgt methodisch einer an die Overmannsche Sequenzanalyse angelehnte Variation und bleibt damit konsequent einem verstehenden Paradigma treu. In Artikel 5 und 6 zum Themenkreis der «Neuen Autorität» wird getreu den Prinzipien rekonstruktiver Forschung, von der Basis des Lehrpersonenhandelns ausgegangen (Link et al., 2025). Gefragt wird hier I.) nach den Bedingungen institutionell verankerter Bildungsprozesse, II.) nach der Bedeutung von emotionaler Bindung in ihnen, sowie 
III.) nach dem Zusammenhang des Verstehens eines Schüler:innenhandelns mit dem Unterstützen oder Bewältigen von Krisen.    
Die Studie folgt damit einem verstehenden Paradigma, das Problematisierung in den Mittelpunkt stellt. Heterologie dient als heuristische Klammer, die die Verbindung hermeneutischer, diskursanalytischer, phänomenologischer rekonstituier und empirisch-qualitativer rekonstruktiver Verfahren ermöglicht. Sonderpädagogik wird so als «Wissenschaft vom Anderen» profiliert, die offen, vulnerabel und konstellativ arbeitet. Sie wagt die Verwundbarkeit, setzt sich fremden Diskursen aus und gewinnt daraus die Möglichkeit, sich selbst neu zu bestimmen (Keul, 2021b, S. 56; vgl. hierzu Meyer-Drawe, 1996b).

Ergebnisse

Das Projekt leistet einen Beitrag zur macht- und professionstheoretischen und -ethischen Selbstaufklärung der Heil- und Sonderpädagogik. Es schärft Begriffe, macht implizite Machtlogiken sichtbar und entwickelt Kriterien, wie legitime pädagogische Macht von illegitimen Machtwirkungen unterschieden werden kann (Meyer-Drawe, 2001; Drinck, 2021, 2023; Misamer, 2023). Durch die Verbindung von Machtanalytik (Foucault) mit sprach- und alteritätstheoretischen Perspektiven (Butler; Waldenfels; Stinkes) wird sichtbar, wie Zuschreibungen zugleich notwendig und riskant sind (Laubenstein, 2011; Butler, 2021). Damit entsteht ein reflexiver Rahmen, um Diagnostik-, Förder- und Disziplinierungspraktiken nicht moralisch zu pauschalisieren, sondern machtsensibel zu differenzieren (Foucault, 2005a; Felder, 2022). Neben den einzelnen Teilstudien und veröffentlichten Beiträgen steht am Ende die kumulative Publikation als open-access Buch unter dem Titel «Die Sprache des Anderen brandet zurück». Analytik des sonderpädagogischen Machtdiskurses in heterologischer Perspektive.
Die Mantelschrift respektive Rahmenschrift hat zum Ziel, die Einzelstudien in einen grösseren Gesamtzusammenhang zu systematisieren, die einzelnen Beiträge zu erweitern und mitunter kritisch einzuholen, sowie sich jeweils aus der Sicht des aktuellen Forschungsstands und der Gesamtschau der Aufsatzsammlung weiterführende Perspektiven und Problematisierungen zu gewinnen. Dabei sollen Aspekte, die aufgrund der Rahmenbedingungen der Aufsätze nicht mehr adressiert werden konnten, weiter entfaltet konkretisiert werden. Zudem soll in der Mantelschrift die hier dargelegten forschungsmethodischen Überlegungen ausführlich dargestellt werden. Darüber hinaus sollen Limitationen der Studie, sowie wie im Sinne eines Ausblicks neue Forschungsdesiderate ausgelotet werden.    
Dabei soll auch Kritik an einer emanzipatorischen Sonderpädagogik entfaltet werden, die sich – auch unter Referenz auf Foucault – in eine «Machtmythologie» verstricken kann, weshalb auch dem Foucaultschen Machtkonzept immanente Probleme herausgestellt werden sollen. Unter einer stärker kritisch soziologischen Lesart (Kastl, 2016) Foucaults für die Sonderpädagogik und seiner Anwendung auf das Feld Schule und die Pädagogik im Förderschwerpunkt ESE, soll eine kritische und konkretisierte Analyse, der jederzeit situativ und kontextuell differenzierten Phänomene von Machtausübung ermöglicht werden. Deshalb soll u. a. anhand von Beispielen der «Neuen Autorität» gezeigt werden, was verleugnete Machtausübung im Einzelfall bedeutet und beinhaltet, welche Formen sie annehmen kann. Ohne Rekurs auf konkrete sozio-historische Kontexte, funktionale Zusammenhänge und damit jeweils zusammenhängenden Legitimations- und Deutungsstrukturen geht die Foucaultsche Machtanalyse selbst das Risiko ein, neue Probleme diskursiv hervorzubringen, für die sie eigentlich ein kritisches Potenzial entfalten könnte. Das analytische Potential Foucaults ist in der Sonderpädagogik nicht ausgeschöpft ist – selbst nicht in der Allgemeinen Pädagogik (Gehring, 2007a). Angesichts dessen erweckt es den Anschein, dass das kritische und analytische Potential Foucaults heute in den Erziehungs- und Bildungswissenschaften wohl eher in den Hintergrund tritt, bedenkt man das, was man Theoriekonjunkturen nennen könnte, in denen nicht zuletzt identitätspolitische Strukturlogiken oder normative (idealistische oder neu-materialistische) Positionierungen eine privilegierte theoretische und praktische Dominanz beanspruchen.

Diskussion

Wenn davon ausgegangen werden kann, dass die Sonderpädagogik zugleich die Subjekte hervorbringt, deren Anwältin sie zu sein beansprucht, dann stellt sich darüber hinaus die Frage, wie und inwiefern sie sich selbst als machtvolle Ordnung konstituiert und wie sie als machtvolle und ambivalente Kulturpraxis verstanden werden kann. Die Studie trägt zur Rekonstruktion einer machtanalytischen Perspektive auf die Sonderpädagogik bei.
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, sonderpädagogische Praxis konsequent machtsensibel und -kritisch zu reflektieren, ohne Macht vorschnell zu negieren oder zu moralisieren. Pädagogisches Handeln in Schule ist immer machtvoll, weil es Verhalten rahmt, Normen setzt, Deutungen anbietet und Entwicklungsverläufe beeinflusst. Professionelle Verantwortung besteht daher nicht in der Illusion «machtfreien» Handelns, wie im Beispiel des Konzepts der «Neuen Autorität», sondern in der bewussten, begrenzten und begründbaren Ausübung pädagogischer Macht.

  • Für die schulische Praxis bedeutet dies, Förderdiagnostik, Regelsetzung, Beziehungsgestaltung und Disziplinierung nicht allein funktional oder vermeintlich objektiv wissenschaftlich zu legitimieren, sondern ihre normierenden und potenziell verletzenden Effekte mitzudenken. Insbesondere Konzepte, die sich als deeskalativ oder dialogisch präsentieren, müssen daraufhin befragt werden, ob sie Macht lediglich entpersonalisieren oder verschleiern.
  • Eine machtkritische Haltung eröffnet die Möglichkeit, Grenzverletzungen frühzeitig wahrzunehmen, Verantwortlichkeiten transparent zu halten und pädagogische Führung als relationale, begründungsbedürftige Praxis zu gestalten. Damit wird Schule nicht machtärmer, aber reflexiver, verantwortungsvoller und professionell begrenzter im Umgang mit Macht.
     

Literatur

  • Ahrbeck, B. (2016). Inklusion – eine Kritik (3., aktualisierte Aufl.). Kohlhammer.
  • Bauer, C. (2016). Konstellative Pastoraltheologie. Erkundungen zwischen Diskursarchiven und Praxisfeldern. Kohlhammer.
  • Boger, M.-A. (2018). Depathologisierung: Diagnostik der emotionalen und sozialen Entwicklung im inklusiven Kontext. Zeitschrift für Inklusion, (3). https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/462
  • Boger, M.-A. (2019d). Die Methode der sozialwissenschaftlichen Kartographierung – eine Einladung zum Mitfühlen – Mitdiskutieren – Mitdenken. edition assemblage.
  • Butler, J. (2021). Sinn und Sinnlichkeit des Subjekts. Turia + Kant.
  • de Certeau, M. (2009). Glaubensschwachheit. Kohlhammer.
  • Drinck, B. (2021). Die moralische Verantwortung der Pädagogik im Umgang mit Macht. In T. Bahne (Hrsg.), Verletzbarkeit des Humanen. Sexualisierte Gewalt an Minderjährigen im interdisziplinären Diskurs (S. 250–264). Pustet.
  • Drinck, B. (2023). Schule und ihre Macht. In N. Leonhardt, A. Goldbach, L. Staib & S. Schuppener (Hrsg.), Macht in der Schule. Wissen – Sichtweisen – Erfahrungen. Texte in Leichter Sprache, Einfacher Sprache und Fachsprache (S. 127–138). Klinkhardt. https://doi.org/10.35468/5980-07
  • Falkenstörfer, S. (2020). Zur Relevanz der Fürsorge in Geschichte und Gegenwart: Eine Analyse im Kontext komplexer Behinderungen. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-30482-9
  • Felder, F. (2022). Ethik inklusiver Bildung. Metzler.
  • Flick, U. (2020). Triangulation. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie: Band 2. Designs und Verfahren (S. 185–200). Springer.
  • Foucault, M. (1967). Andere Räume. In K. Barck & P. Gente (Hrsg.), Aisthesis (S. 34–46). Reclam.
  • Foucault, M. (1978). Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Merve.
  • Foucault, M. (1992). Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp.
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  • Han, B.-C. (2005). Was ist Macht? Reclam.
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  • Kastl, J. M. (2016). Einführung in die Soziologie der Behinderung (2. Aufl.). Springer VS.
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  • Keul, H. (2021b). Schöpfung durch Verlust. Band II: Eine Inkarnationstheologie der Vulnerabilität, Vulneranz und Selbstverschwendung. Würzburg University Press.
  • Koller, H.-C. (2021). Grundbegriffe, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft – eine Einführung (9. Aufl.). Kohlhammer.
  • Konrad, F.-M., & Sailer, M. (2024). Forschungsmethoden der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung. Kohlhammer.
  • Lacan, J. (1986). Das Seminar, Buch XX (Encore, 1972–1973). Quadriga.
  • Lacan, J. (1991). Schriften I (3., korr. Aufl.). Quadriga.
  • Langnickel, R. (2020). Das umgekehrte Machtdispositiv der Pädagogik eines gespaltenen Subjekts: Orte der Psychoanalytischen Pädagogik als Gegenmacht. Emotionale und Soziale Entwicklung (ESE), 2, 80–91. https://doi.org/10.35468/5819_06
  • Langnickel, R. (2021). Prolegomena zur Pädagogik des gespaltenen Subjekts: Ein notwendiger RISS in der Sonderpädagogik. Verlag Barbara Budrich. https://doi.org/10.5281/zenodo.10683083
  • Laubenstein, D. (2008). Sonderpädagogik und Konstruktivismus: Behinderung im Spiegel des Anderen, der Fremdheit, der Macht. Waxmann.
  • Laubenstein, D. (2011). Über die Wirkmacht von Sprache im sonderpädagogischen Diskurs. Journal für Psychologie, 19(1). https://journal-fuer-psychologie.de/article/view/19
  • Link, P.-C. (2020). Andersorte als «gesprengte Institutionen»? Emotionale und Soziale Entwicklung (ESE), 2(2), 46–59. https://doi.org/10.35468/5819-04
  • Link, P.-C., Ummel, H., Jeurgens, C., Wattenhofer, J., & Felkendorff, K. (2025). Wenn alle Straßen mit Gold gepflastert sind, liegt darunter immer noch kein Strand: Die Unabhängigkeit des Professionellen vom Kind als Leugnung von Macht. Kritische Anmerkungen zum Konzept der «Wachsamen Sorge» in der «Neuen Autorität». Emotionale und Soziale Entwicklung (ESE), 7(7), 176–185. https://doi.org/10.35468/6178-11
  • Métraux, A. (2017). Verfahrenskunst, Methodeninnovation und Theoriebildung in der qualitativen Sozialforschung. In U. Flick, E. von Kardorff & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S. 643–652). Rowohlt Taschenbuch Verlag.
  • Meyer-Drawe, K. (1996b). Vom anderen lernen: Phänomenologische Betrachtungen in der Pädagogik. In M. Borrelli & J. Ruhloff (Hrsg.), Deutsche Gegenwartspädagogik (S. 85–98). Schneider Verlag Hohengehren.
  • Meyer-Drawe, K. (2001). Erziehung und Macht. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 77(4), 446–457.
  • Misamer, M. (2023). Machtsensibilität in der Sozialen Arbeit. Grundwissen für reflektiertes Handeln. Kohlhammer.
  • Peirce, C. S. (1991). Vorlesungen über Pragmatismus. Meiner Verlag.
  • Stinkes, U. (1998). Spuren eines Fremden in der Nähe. Das «geistigbehinderte» Kind aus phänomenologischer Sicht. Königshausen & Neumann.
  • Stinkes, U. (2013). «Was wir sind, sind wir niemals ganz und gar …» – Sichtweisen der Beziehung zum anderen Menschen. Sonderpädagogische Förderung heute, 1.
  • Stinkes, U. (2016). Phänomenologische Zugänge. In I. Hedderich, G. Biewer, J. Hollenweger & R. Markowetz (Hrsg.), Handbuch Inklusion und Sonderpädagogik (S. 66–70). Klinkhardt.
  • Stinkes, M. (2024). Antwortverhältnisse. Anni N. und das Nichtzuhausesein in der Welt. Universitätsverlag Winter.
  • Ricken, N. (2008). Bildung als Dispositiv. In N. Ricken & A. Liesner (Hrsg.), Die Macht der Bildung (S. 6–22). Universität Bremen.
  • Rieger-Ladich, M. (2017). Ordnungen stiften, Differenzen markieren. Machttheoretische Überlegungen zur Rede von Heterogenität. In T. Bohl, J. Budde & M. Rieger-Ladich (Hrsg.), Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht (S. 27–42). Klinkhardt.
  • Rieger-Ladich, M. (2019). Wissen und Macht, Wissenschaft und Disziplin. Eine Einführung. In M. Rieger-Ladich, A. Rohstock & K. Amos (Hrsg.), Erinnern, Umschreiben, Vergessen. Die Stiftung des disziplinären Gedächtnisses als soziale Praxis (S. 7–16). Velbrück.
  • Stein, R., & Müller, T. (2016). Wissenschaftstheorie für Sonderpädagogen. Klinkhardt.
  • Stein, R., & Müller, T. (Hrsg.). (2018). Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (2. Aufl.). Kohlhammer.
  • Waldenfels, B. (2016). Grenzen der Normalisierung. Studien zur Phänomenologie des Fremden 2. Suhrkamp.
  • Waldenfels, B. (2019a). Erfahrung, die zur Sprache drängt. Suhrkamp.
  • Waldenfels, B. (2019b). Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden. Suhrkamp.
  • Waldenfels, B. (2020). Topographie des Fremden. Studien zur Phänomenologie des Fremden 1. Suhrkamp.

Zeitschriftenartikel (peer-reviewed)

Bücher und Buchbeiträge

  • Langnickel, R., Weber, J.-M., & Link, P.-C.
    (2026).
    Die Illusionen durchlöchern. Mangel, Begehren und das Nicht-Wissen: Selbstreflexion und sonderpädagogische Professionalisierung aus der Perspektive der Pädagogik des gespaltenen Subjekts.
    In L. Dietrich, U. Fickler-Stang, J. Hofman, & D. Zimmermann (Hrsg.),
    Förderung von professionellen Selbstreflexionskompetenzen im Hochschulstudium: Am Beispiel der Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen
    (S. 48–60).
    Klinkhardt (peer-review).
  • Link, P.-C., & Langnickel, R.
    (2026).
    Macht in der Etablierten-Außenseiter-Figuration.
    In R. Markowetz, T. Hennemann, D. C. Hövel, & G. Casale (Hrsg.),
    Handbuch Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung
    (S. 536–539).
    Beltz Juventa.
  • Link, P.-C., Becker, U., & Langnickel, R.
    (2026).
    The institution éclatée: A structural-psychoanalytical approach to transforming educational institutions.
    In M. Jopling, S. Marques da Silva, & D. Zimmermann (Hrsg.),
    Handbook of Children and Youth at Risk and Education.
    Bloomsbury (peer-review).
  • Link, P.-C.
    (2022).
    Machtanalytische Perspektiven auf (sonder)pädagogische Erziehungsverhältnisse - Zur fragilen Verantwortung einer machtvollen Disziplin: Vulneranz als la part maudite der Sonderpädagogik.
    In R. Thümmler, & S. Leitner (Hrsg.),
    Die Macht der Ordnung. Perspektiven auf Veranderung in der Pädagogik.
    (S. 81–97).
    Beltz.
  • Link, P.-C.
    (2020).
    Gott im Knast – Machtvollen Spiralen der Verwundbarkeit befreiend begegnen - humanwissenschaftliche Perspektiven.
    In H. Keul, & T. Müller (Hrsg.),
    Verwundbar. Theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Vulnerabilität
    (S. 188–200).
    echter.
  • Link, P.-C.
    (2018).
    SCHULE - MACHT - INKLUSION? Machtanalytische Überlegungen zur (sonder)pädagogischen Wissenschaft.
    In K. Müller, & S. Gingelmaier (Hrsg.),
    Kontroverse: Inklusion - Anspruch und Widerspruch in der schulpädagogischen Auseinandersetzung
    (S. 94–107).
    Beltz Juventa.

Weitere Publikationen

Konferenzbeiträge

  • Link, P.-C.
    Vulnerable Voices (VulVoi). Sonderschüler:innen im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung als Wissenssubjekte sonderpädagogischer Forschung
    [Konferenzvortrag].
    Arbeitsgruppe, "Teilhabe in unruhigen Zeiten", 61. Jahrestagung der Sektion Sonderpädagogik der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften), Pädagogische Hochschule Ludwigsburg,
    Ludwigsburg, Deutschland.
  • Link, P.-C.
    Ohnmacht - Allmacht - AndersMacht: Konstellative Perspektiven auf Sonderpädagogik und Theologie
    [Konferenzvortrag].
    Netzwerktagung „Dis/ability und Theologie“ Macht: Zwischen Ohnmacht, Allmacht und Ermächtigung. Ableismus als theologische Kategorie, Humboldt-Universität zu Berlin, Kirchliche Hochschule Wuppertal, Technische Universität Dortmund, Universität Münster, Universität Bielefeld, Tagungsstätte Haus Villigst, Bildungs- und Begegnungsstätte der Evangelischen Kirche von Westfalen,
    Schwerte, Deutschland.
  • Richter, H., Link, P.-C., Langnickel, R., & Leitner, S.
    Das Ringen um Handlungsmacht und strukturell-machtvolle Positionierung in der inklusiven Schule
    [Konferenzvortrag].
    Jahrestagung des Graduiertenkollegs „Inklusion – Bildung – Schule: Analysen von Prozessen gesellschaftlicher Teilhabe“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, Zentrum für Inklusionsforschung,
    Berlin, Deutschland.
  • Link, P.-C.
    „seiner selbst mächtig zu bleiben“ (Adorno) – Bildung bei Beeinträchtigungen der sozio-emotionalen Entwicklung. Konturen eines konstellativen Bildungsbegriffs
    [Konferenzvortrag].
    13. Konferenz der Dozierenden im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Universität Erfurt,
    Erfurt, Deutschland.
  • Link, P.-C.
    Machtanalyse und Pädagogik bei Verhaltensstörungen - Inklusionspädagogik als machtvolle Kulturtechnik?
    [Konferenzvortrag].
    8. Dozent*innentagung der Pädagogik bei Gefühls- und Verhaltensstörungen, Universität Köln,
    Köln, Deutschland.

Andere Referate/Vorträge (im Berufsfeld, Vorlesung an Hochschule etc.)

  • Becka, M., & Link, P.-C.
    Gott im Knast. Machtvollen Spiralen der Verwundbarkeit befreiend begegnen.
    Ringvorlesung "Gemischtes Doppel: theologische und humanwissenschaftliche Perspektiven zur menschlichen Verwundbarkeit", Kooperationsveranstaltung der Würzburger Forschungsgruppe "Vulnerabilität, Sicherheit und Resilienz", der Katholisch-Theologischen Fakultät, dem Würzburger Studienprogramm GSiK und der Domschule ,
    Würzburg, Deutschland.
  • Link, P.-C.
    SCHULE MACHT INKLUSION – Machtanalyse und Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Inklusionspädagogik als machtvolle Kulturtechnik?
    Ringvorlesung "Inklusion aus schulpädagogischer Sicht", Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg,
    Ludwigsburg, Deutschland.
  • Link, P.-C.
    Machtanalytische, metaethische und psychoanalytische Bedeutungshorizonte von Inklusions- und Exklusionsprozessen für die Pädagogik bei Verhaltensstörungen.
    Forschungstag, Institut für Sonderpädagogik, Universität Würzburg,
    Würzburg, Deutschland.