«Mache ich einen guten Job? Das müssen sich Lehrpersonen laufend fragen»
Reportage
Der international bekannte Bildungsforscher John Hattie erklärt am HfH-Hochschultag, was einen erfolgreichen Unterricht ausmacht. Und er überrascht: Entscheidend ist nicht, was die Lehrperson tut, sondern wie sie darüber denkt.
Gute Lehrperson. John Hattie hat die Bildung vermessen wie kein zweiter. Die Datenbasis, auf die der Bildungsforscher und Bestsellerautor («Visible Learning») der University of Melbourne seine Aussagen stützt, ist eindrücklich: 2500 Metaanalysen, 160'000 Studien, 400'000 Effekte, 300 Millionen Schülerinnen und Schüler. Von jeder Massnahme im Unterricht kann der 76-jährige Hattie genau sagen, wie gut sie wirkt. Umso erstaunlicher ist der Leitsatz, den er dem Publikum am HfH-Hochschultag mitgibt: «It is less what teachers do, and more how they think about what they do.» Was er damit meint: Die gute Lehrperson spult im Unterricht nicht einfach im Autopilot-Modus ihre sorgfältig vorgeplanten Lektionen ab. Vielmehr denkt sie laufend über ihr eigenes Handeln nach, überlegt, was sie besser machen könnte, warum etwas funktioniert hat und etwas anderes nicht. Idealerweise macht sie das auch immer wieder mal laut: «Kinder wollen wissen, warum ihre Lehrperson das tut, was sie tut», ist Hattie überzeugt.
Interview mit den Bildungsexperten John Hattie und Janet Clinton aus Melbourne. Dazu einordnende Statements von Gästen des HfH-Hochschultages. (CC-Button für Untertitel, Einstellungs-Button für Sprache wählen.)
Lernen im Zentrum. Mehr und mehr zeichnen Hattie und Clinton im Verlauf des Abends das Bild eines Unterrichts, der nachweislich das Lernen aller Kinder fördert. Im Fokus der Lehrperson muss dabei immer der Lernfortschritt eines Kindes sein, egal auf welchem Niveau es sich befindet («Best schools do not produce high achievers, they allow to thrive»). Die Lehrperson sollte sich ständig fragen: Woran merke ich, dass das Kind etwas lernt? Was ist mein Einfluss darauf? Mache ich einen guten Job? «John hat gezeigt, dass eine Lehrperson im Durchschnitt nur zwanzig Prozent des Unterrichts wahrnimmt», sagt seine Frau Janet Clinton, selber eine ausgewiesene Bildungsexpertin. «Doch bei wirklich guten Lehrpersonen ist das anders: Diese sehen alles», ist Clinton überzeugt. Wichtiger Punkt für eine positive Lernentwicklung: Das Kind muss sich sicher fühlen – sicher genug, um Fehler machen zu können. Die Fehler sind dann Teil des Feedbacks, das den Lernprozess des Kindes massgeblich fördert. Noten sind in diesem Zusammenhang in erster Linie Rückmeldungen für die Lehrpersonen, ob sie einen guten Job gemacht haben. Als Grundlage für die Selektion eignen sich Noten nicht. Und auch hier ist Hattie sehr klar: Frühselektion nach der 6. Klasse schadet mehr, als dass sie nützt.
Heilpädagogik wirkt. Apropos Noten: Der Heilpädagogik verteilen John Hattie und Janet Clinton eine ausgesprochen gute («Special education is particularly effective»). Aber sie nennen auch Themen, bei denen sich die heilpädagogische Praxis kritisch hinterfragen sollte. Erstens: Diagnosen wie ADHS oder Dyskalkulie rauben laut Hattie Lebens- und Entwicklungschancen, weil man damit häufig das Potenzial des Kindes eingrenzt. Zweitens: Statt angepasste Lernziele lieber hohe Erwartungen an das Kind. Denn diese sind einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Das gilt besonders dann, wenn ein Kind kognitiv beeinträchtigt ist oder sein Potenzial wegen Verhaltensproblemen nicht abruft. Drittens: Differenzieren bedeutet nicht, nach Leistungsgruppen zu trennen, sondern jedem einzelnen Kind unterschiedliche Lernwege zu unterschiedlichen Zeiten anzubieten. Kinder sollen sukzessive ihr Lernen selber steuern («The goal is for students to drive their own learning»). So ist die Heilpädagogik wegweisend für eine inklusive Schule: «Was in der Heilpädagogik funktioniert, funktioniert für alle», ist John Hattie überzeugt. It's exactly the same, betont auch Janet Clinton. Ganz gemäss dem Vortragstitel und Hatties aktuellem Buch: «Every Child Deserves a Special Education».
«Wir stärken Teilhabe», ist HfH-Rektorin Barbara Fäh überzeugt. Expert:innen der HfH zeigen ganz konkret, was das für ihr Fachgebiet bedeutet. (Cc-Button für Untertitel, Einstellungs-Button für Sprache wählen.)
Der HfH-Hochschultag mit dem Titel «Every Child Deserves a Special Education» wurde am 17. März 2026 an der HfH in Zürich durchgeführt und online übertragen. 200 Personen vor Ort und über 1000 Personen online haben der Veranstaltung beigewohnt. Gäste waren die international bekannten Bildungsexperten John Hattie und Janet Clinton von der University of Melbourne (Australien). Die Podiumsdiskussion wurde moderiert von Christoph Suter, Institutsleiter an der HfH.
Autoren: Steff Aellig, Dr. und Dominik Gyseler, Dr., HfH-Wissenschaftskommunikation (März 2026)
Die Aufzeichnung des Hochschultags steht allen interessierten Personen via YouTube zur Verfügung.