Mathematik, nicht nur Bauklötze

Tagungsrückblick

Lange wurde Lernenden mit einer geistigen Behinderung wenig zugetraut. Doch in den letzten Jahren wurde im Unterricht vermehrt auch auf anspruchsvolle Themen gesetzt. Fachorientierung heisst das neue Schlagwort. Was das bedeutet, zeigte die Tagung «Unterricht bei kognitiver Beeinträchtigung» an der HfH in Zürich.

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Lars Mohr Titel Dr. phil.

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Senior Lecturer

Drei Prinzipien. Alter und Entwicklungsstand können weit auseinanderklaffen. So gibt es 15-jährige Jugendliche, die in ihrer intellektuellen und emotionalen Entwicklung Bedürfnisse zeigen, wie man sie in der regulären Entwicklung im Kindergartenalter kennt. Für Unterricht und Förderung ist das eine echte Herausforderung. Was ist hier das Erfolgsrezept? «Fachpersonen müssen drei Prinzipien befolgen, um Lernende mit einer kognitiven Beeinträchtigung erfolgreich fördern zu können», sagt Lars Mohr. Der langjährige Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) und Co-Tagungsleiter zählt auf: «Altersgemäss, entwicklungsgerecht und fachorientiert – darum geht’s». Holger Schäfer, Professor an der Universität Koblenz, steht neben ihm und nickt. Zusammen haben die beiden in den letzten zwanzig Jahren das Feld der Geistigbehindertenpädagogik geprägt – nicht zuletzt mit der Praxisreihe «Schule und Unterricht bei intellektueller Beeinträchtigung».

Steff Aellig und Dominik Gyseler im Gespräch mit Referent:innen der Tagung.

Über Fussball reden. Holger Schäfer zeigt anhand eines kurzen Rückblicks auf, dass die Geistigbehindertenpädagogik in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte gemacht hat. «Noch in den 1970er Jahren hat man sich strikt am Entwicklungsalter orientiert», sagt er. Ein 15-jähriger Knabe interessiere sich aber oft für Fussball und nicht für Sandburgen. «In den 1990er Jahren hat man begonnen, über Aneignungsmöglichkeiten im Unterricht nachzudenken, die dem kognitiven und sozio-emotionalen Entwicklungsstand entsprechen.» Bei «entwicklungsgerecht» geht es also darum, wie man den Lernenden etwas beibringt. Im Beispiel des 15-Jähringen könnte man das TV-Fussballspiel vom Wochenende beziehen und die damit verbundenen Emotionen thematisieren: Umgang mit dem Frust, wenn die Lieblingsmannschaft verloren hat.

Etwas zutrauen. «Neu ist, dass wir auch komplexere Fachthemen einbinden – warum nicht sogar mal was aus den Naturwissenschaften», sagt Holger Schäfer. Früher befürchtete man, die Lernenden mit dem Fachbezug zu überfordern. Heute würde man am Beispiel des Fussballs Daten vergleichen und Tabellen darstellen. Oder statt nur Lesen und Schreiben auch Literaturunterricht pflegen. Das führt Ingeborg Thümmel von der Uni Oldenburg so aus: «Wir erarbeiten auch den Zauberlehrling oder den kleinen Prinzen. Und wir vereinfachen nicht einfach, sondern fokussieren Schlüsselmomente», erklärt Thümmel.

Form und Vielfalt. Die Beispiele zeigen: Es braucht immer einen Bildungsraum, in den sich die Lernenden alters- und entwicklungsgemäss einbringen und sich ausdrücken können. «Einen solchen Raum bietet die Kunst», ist Anja Hefti überzeugt. Die HfH-Dozentin arbeitet auch als Schulische Heilpädagogin an der Fachschule Viventa 15plus und hat dort Jugendliche mit kognitiven Beeinträchtigungen dabei begleitet, sich in Form von Bildern auszudrücken. Zehn Monate hätten sie an ihren Werken gearbeitet, erzählt Hefti, mindestens drei Lektionen pro Woche. Entstanden ist die Kunstausstellung «Form und Vielfalt», die seit November 2025 in der HfH besucht werden kann.

Kunstausstellung «Form und Vielfalt»: Blick hinter die Kulissen.

Die Tagung «Unterricht bei kognitiver Beeinträchtigung» fand am 15. November 2025 in Zürich statt. Die Impulsreferate und Teile der Workshops wurden online übertragen. Die Tagung war ein Anlass des Instituts für Behinderung und Partizipation und wurde von Lars Mohr, Dr. (HfH) und Holger Schäfer, Prof. Dr. (Universität Koblenz), geleitet. 

Autoren: Steff Aellig, Dr., und Dominik Gyseler, Dr., HfH-Wissenschaftskommunikation (November 2025).

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