Mehrsprachigkeit als Motor für das Lernen

Reportage

Die Herkunftssprache eines Kindes kann eine Ressource sein – wenn sie gezielt im Unterricht eingesetzt wird. Das war die Grundidee des Netzwerkanlasses der HfH, an dem mehrsprachige Kinder und Jugendliche im Fokus standen.

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Britta Massie Titel Prof., Dr. rer. biol. hum.

Funktion

Professorin für Sprachförderung und Sprachdidaktik in heterogenen Lerngruppen (in Stellenteilung)

Erstsprache nutzen. In einer typischen Schulklasse im Kanton Zürich sind heute die meisten Kinder mehrsprachig. Sie sprechen zu Hause Albanisch, Portugiesisch, Türkisch, Tamilisch, Arabisch, Italienisch oder eine andere Sprache – und lernen in der Schule auf Deutsch. «Diese Konstellation wird oft als Problem betrachtet, kann aber auch eine Ressource sein», wie Karo Sammann zu Beginn sagte. Damit setzt die Leiterin des Instituts für Sprache und Kommunikation an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) den Ton. «Mehrsprachigkeit kann ein Motor für das Lernen sein», nimmt Maja Kern, Professorin für Sprachförderung und Sprachdidaktik in heterogenen Lerngruppen an der HfH in Zürich, den Faden auf. Weil durch den gezielten Einbezug der Erstsprache in den Unterricht das Lernen verbessert, die Motivation erhöht und das Nachdenken über die Sprache angeregt werde. Das zeige die Forschung. Wie das in der Praxis konkret umgesetzt werden kann, wird am Netzwerkanlass an der HfH diskutiert.

«Mehrsprachige Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf den Erwerb der Bildungssprache(n).»

Britta Massie, Professorin

Institut für Sprache und Kommunikation, HfH

«Mehrsprachigkeit ist Realität – Bildungssprache entsteht dort, wo Schule Teilhabe ermöglicht und begleitet.»

Karoline Sammann, Institutsleiterin

Institut für Sprache und Kommunikation, HfH

«Bei der Begleitung mehrsprachiger Kinder sind die multiprofessionelle Zusammenarbeit, eine gemeinsame Wahrnehmung und Einschätzung der kommunikativ-pragmatischen Kompetenzen zentral. »

Mona Ledergerber, Logopädin

Schule Opfikon, Zürich

«Mir ist wichtig, dass die Erst- und Zweitsprachen der Schülerinnen und Schüler im Kindergartenunterricht sowohl mündlich als auch schriftlich präsent sind.»

Maja Beutler, Kindergartenlehrperson

Schule Sihlfeld, Zürich

«Weg von der assimilationistischen Ausländerpolitik hin zur Politik der inklusiven Sprachheterogenität.»

Ajnur Hürsever, Schulische Heilpädagogin

Schule Zurlinden, Zürich

«Von sprachbewusstem Fachunterricht profitieren alle Kinder und Jugendlichen.»

Nina Gregori, Senior Lecturer

Institut für Sprache und Kommunikation, HfH

«Es ist wichtig, die Mehrsprachigkeit der Schüler:innen als Ressource im Unterricht sichtbar zu machen und fürs Lernen zu nutzen.»

Maja Kern, Professorin

Institut für Sprache und Kommunikation, HfH

«Es geht um die Rahmenbedingungen unter denen Potenziale unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund entfaltet werden können.»

Marianne Corvera Charaf, Co-Präsidentin

Ausländer:innen-Beirat Zürich

«Die Mehrsprachigkeit von Kindern fasziniert Erwachsene, verunsichert aber auch. Eltern und Lehrpersonen sollen mit Fakten unterstützt werden, damit sie die Entwicklung und Bildung der Kinder sowie ihre Mehrsprachigkeit gut begleiten können.»

Selin Öndül, Fachspezialistin

Migration & Schule, Zürich

Zugang ermöglichen. Im Zentrum standen vier Einblicke in die Praxis, in denen die Mehrsprachigkeit als Ressource betrachtet wurde. Maja Beutler von der Schule Sihlfeld leitet das Lesen mit Leseschritten an. So sucht sich beispielsweise ein Kind in der Bibliothek ein türkisches Bilderbuch aus und stellt es den anderen im Kindergarten vor: wie lautet der Titel, was hat mir gefallen, worum geht es. «So bekommen sie einen Zugang zur Bücherwelt», beobachtet Beutler, «und sie lernen: Meine Herkunftssprache ist okay.» Manchmal steht zuerst auch die non-verbale Kommunikation im Vordergrund. Mona Ledergerber von der Schule Opfikon erzählt von einem Knaben, der nur Russisch spricht und still beim Mittagessen sitzt. Gleichzeitig versteht er aber fast alles, was seine Mitschüler:innen sprechen. Also greift Ledergerber mit ihm zu Papier und Stift. «Zeichnen ist eine Brücke zur Sprache», sagt sie, «so holt man ein Kind ab und ermöglicht Teilhabe.» 

Kultur verstehen. Wie entscheidend die Kooperation unter den Fachpersonen ist, betont Ajnur Hürsever von der Schule Zurlinden am Beispiel des Unterrichts in Heimatlicher Sprache und Kultur, kurz: HSK. Dort werden wichtige Themen der Kinder aufgegriffen und in der Herkunftssprache vertieft. «Die Zusammenarbeit mit den HSK-Lehrpersonen ist entscheidend», betont sie: «Nur so kann gleichzeitig die Identität der Kinder gestärkt und die Integration in die Regelschule gefördert werden.» Mit dem Unterricht selber beschäftigt sich Nina Gregori. Die HfH-Dozentin hat untersucht, wie ein sprachbewusster Fachunterricht das Lernen unterstützt – auch im Sport. Wenn Kinder zum Beispiel eine neue Sportart lernen, können auch Wörter aus ihren Herkunftssprachen benutzt werden, das erleichtert den gemeinsamen Austausch: «Wenn man die Brille der bewussten Mündlichkeit aufsetzt, profitieren alle davon», sagt sie.

Ängste abbauen. Doch genauso wichtig wie konkrete Ansätze und Techniken ist eine offene Haltung gegenüber Mehrsprachigkeit. Das zeigt die abschliessende Podiumsdiskussion, die von der HfH-Professorin Britta Massie virtuos geleitet wird. «Klassenzimmer sind ein Spiegelbild der Gesellschaft», sagt Selin Öndül, Fachspezialistin Migration & Schule der Stadt Zürich. Es sei enorm wichtig, Ängste abzubauen. Wenn zwei Kinder in der Pause Albanisch miteinander sprechen, ist das in Ordnung. Letztlich geht es auch um Bildungsgerechtigkeit. «Es geht etwa um die Selektion nach der 6. Klasse, das sind dann die entscheidenden Fragen», sagt Marianne Corvera Charaf vom Ausländer-Beirat Zürich. Je mehr Mehrsprachigkeit als Ressource für den Lernerfolg genutzt werden kann, desto näher kommt man diesem Ziel.

Die Fachveranstaltung «Bildungssprache(n) und Mehrsprachigkeit» fand am 20. Januar 2026 an der HfH in Zürich statt. Sie war ein Anlass des Instituts für Sprache und Kommunikation und wurde von Karo Sammann, Prof. Dr. und Britta Massie, Prof. Dr. geleitet.

Autoren: Steff Aellig, HfH und Dominik Gyseler, HfH (Januar 2026)