Die Suche nach Herkunft und Identität
Kategorie News
Bereits zweimal war Susanne Schriber mit ihren autobiografischen Erzählungen zu Gast an der HfH, ihrer alten Wirkungsstätte. In ihrer neuen Publikation steht ihre lebenslange Frage nach ihrer Herkunftsfamilie im Zentrum.
In ihrer neuen Publikation nimmt uns die emeritierte HfH-Professorin und Autorin Susanne Schriber mit auf eine intensive Spurensuche nach ihrer biologischen Mutter – eine Reise durch Archive, Institutionen und innere Landschaften. Jahrzehnte lang wusste sie kaum etwas über ihre biologische Mutter – nur Andeutungen und die Erfahrung, als Kind in verschiedenen Institutionen aufgewachsen zu sein, machten ihr klar, dass es da eine «Leerstelle» gab. Was sie findet, sind Bruchstücke einer Biografie und zugleich ein neues Verständnis ihrer eigenen Geschichte.
Im Rahmen der Lesung sagt sie: «Statt meiner Geschichte als Opfer ausgeliefert zu sein, eigne ich mir meine Geschichte als handelndes, erzählendes Subjekt an. Damit wird es – im doppelten Sinne – meine Geschichte.»
Die Mutter
Die Reise nach Horgen: Eine erste Spur zur Mutter. Den Namen ihrer Mutter las sie erstmals, als ihr ihre soziale Mutter anlässlich der Volljährigkeit den Geburts- und Taufschein überreichte: Lilly Hilda Schriber. Weitere Informationen – so etwa den Geburtsort ihrer Mutter – konnte sie dem Scheidungsprotokoll der Mutter und ihres ersten Ehemannes entnehmen. Susanne Schriber begab sich daraufhin nach Horgen, wo ihre Mutter aufgewachsen war, und klopfte – unbeholfen, wie sie rückblickend sagt – an die Tür des Bruders ihrer Mutter. Die Begegnung blieb kurz und von der Trauer der Ehefrau überschattet, kurz zuvor hatte sie ihren Ehemann nach schwerer Krankheit verloren. Die Frau überreichte Susanne Schriber einen Briefumschlag mit einigen Fotos der Mutter. Sie erinnert sich: «Es war ein mächtiges Glücksgefühl, diese Bilder in der Hand zu halten.»
Eine Kindheit zwischen Verlust und Fremdplatzierung. Im Gespräch mit Steff Aellig von der HfH-Wissenschaftskommunikation rekonstruiert Susanne Schriber die tragische Biografie ihrer Mutter – ein Jugendleben, das von frühen Verlusten geprägt war: Das Mädchen war fünfzehnjährig, als seine Mutter verstarb, ein Jahr später verlor es durch einen tragischen Verkehrsunfall den Vater. Damit begann eine Kaskade von Fremdplatzierungen in Waisenhäusern und Erziehungsanstalten, eine Entwurzelung und Entfremdung vom Elternhaus. Susanne Schriber fasst zusammen: «Das psychologische Drama, die Eltern zu verlieren, führt nicht zwingend in ein soziales Drama mit Fremdplatzierungen – bei Lilly Hilda jedoch war es so.»
Ein instabiles Ehe- und Familienleben. Auch das spätere Erwachsenenleben der Mutter blieb geprägt von sozialer Instabilität. Lilly Hilda heiratete einen Mann, der ebenfalls auf eine schwierige Kindheit und Jugendzeit zurückblickte und in Erziehungsheimen aufgewachsen war. Dieser Ehemann wurde wegen wirtschaftlicher Kleinkriminalität verhaftet. Das erstgeborene Kind kam früh in eine Pflegefamilie, das zweitgeborene – die Autorin Susanne Schriber – ist Frucht einer ausserehelichen Beziehung von Lilly Hilda Schriber. Mit der Scheidung wurde das Kind als «ausserehelich» erklärt, oft wurden damals nichteheliche Kinder auch als «illegitim» bezeichnet.
Publikation
Susanne Schriber (2025), Ich suchte die Mutter. Ich fand sie nicht. Erinnerungen, Erkundungen und Erzählungen. Zollikerberg: Verlag Das Archiv. 60 Seiten, geheftet, mit zahlreichen Abbildungen. ISBN 978-3-906919-23-2
Die Tochter
Die Kindheit der Autorin: Geborgenheit einer sozialen Familie. Susanne Schriber erzählt dem interessierten Publikum jedoch auch von ihrer eigenen geglückten Lebensgeschichte. Nach ersten Lebensmonaten im Säuglingsheim Rosenberg in Zürich wurde sie in das Erholungshaus Adetswil gebracht – ein Ort, an dem sie Wärme und Fürsorge fand. Von diesem Lebenskapitel erzählte Susanne Schriber bereits an ihrer Abschiedsvorlesung im Winter 2021. Zum Nachbericht
Die Leiterin der Institution, Loni Madliger, und ihre Freundin, Rosa Egli, wurden ihr zu «sozialen Eltern». Etwas später – mit Blick auf notwendige Therapien und die Einschulung – kam Susanne Schriber in die Mathilde Escher Stiftung. Ihre Ferien verbrachte sie weiterhin in Adetswil. Dreizehnjährig kam sie nach Winterthur zu den «sozialen Eltern»; die beiden Frauen hatten sich inzwischen aus der Leitung des Erholungshauses zurückgezogen. Der Bruder von Loni Madliger, Onkel Kurt, wurde privater Vormund. Diese soziale Familie bildete das stabile Gegenstück zur unbekannten biologischen Herkunft.
Schreiben als Akt der Selbstermächtigung. Der Kern der Publikation ist, dass sich Identität nicht nur biologisch, sondern viel mehr sozial und insbesondere auch erzählend formt. Durch das Recherchieren, Schreiben und Ordnen von Fakten, Bildern und Erinnerungen wurde das «Illegitime legitimiert», wie Susanne Schriber sagt, die Lücke zwischen biologischer und sozialer Identität schloss sich. So gesehen, ist die Suche nach der Mutter, dem Vater und Halbgeschwistern ein gewinnbringendes Projekt, obwohl die Mutter nicht gefunden wurde.
Eine persönliche Geschichte mit gesellschaftlicher Bedeutung. Susanne Schribers persönliche Spurensuche öffnet den Blick für grössere gesellschaftliche Fragen: Wie tragfähig sind soziale Netze? Wie beeinflussen soziale Benachteiligungen, Stigmatisierungen, erzwungene Umplatzierungen und staatliche Eingriffe Lebensläufe und Identitätsprozesse der Betroffenen? Und welche Bedeutung hat das Erzählen der eigenen Geschichte(n)? Das Gespräch zwischen Susanne Schriber und Steff Aellig lud ein, familiäre Herkunft zu überdenken und neu zu denken als etwas, das nicht nur gegeben, sondern auch identitätsstiftend gestaltet und in eigenverantwortlicher Souveränität selbstwirksam gedeutet werden kann.
Die Veranstaltung fand am 24. Februar 2026 in der Aula der HfH statt unnd wurde von Steff Aellig moderiert.