Melanie Willke übernimmt Institutsleitung: «Diversität und Vielfalt erfordern Expertise»
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Prof. Dr. Melanie Willke, Professorin für Bildung im Bereich körperlich-motorische Entwicklung und chronische Krankheiten, übernimmt per 1. Juli die Leitung des Instituts für Behinderung und Partizipation von Prof. Dr. Carlo Wolfisberg. Ein Gespräch über das, was das Institut auszeichnet und welche Haltung ihr wichtig ist.
Nina Hug: Das Institut für Behinderung und Patizipation ist eines der kleineren Institute an der HfH und scheint sich auf den ersten Blick mit Nischenthemen im grossen Kontext der Heilpädagogik zu beschäftigen. Teilen Sie diesen Eindruck?
Prof. Dr. Melanie Willke: Das Institut zeichnet sich durch eine hohe Spezialisierung aus, die in der Schweiz einmalig ist. Ich möchte als Institutsleiterin das Verständnis dafür schärfen, dass eine Gesellschaft, die auf Vielfalt und Diversität ausgerichtet sein soll, in der Konsequenz auch eine hohe Expertise im Umgang mit dieser Vielfalt erfordert. Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als beschäftigten wir uns mit Nischenthemen, wenn man unsere Schwerpunkte zum Beispiel mit Themen wie Lese-Rechtschreibschwäche vergleicht.
Doch auf den zweiten Blick wird klar: Heilpädagogische Expertise in Themenfeldern wie beispielsweise körperlich-motorische Entwicklung oder Lernen bei chronischen Krankheiten sind für eine breite Gruppe von Kindern und Jugendlichen relevant. In jeder Regelklasse sitzen mindestens zwei Schüler:innen, die eine chronische Krankheit haben. Wie stark das Lernen durch chronische Krankheit beeinträchtigt sein kann, ist vielen nicht bewusst. Auch körperlich-motorische Einschränkungen sind teilweise unsichtbar, haben aber eine grosse Auswirkung auf das Lernen im Alltag.
Sie sprechen die Bedeutung der Expertise im Institut für das Lernen der Schüler:innen an. Im Namen des Instituts ist das Wort «Partizipation» grossgeschrieben. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Im Zentrum unserer Arbeit am Institut stehen immer die Bedürfnisse der Menschen, der Schülerinnen und Schüler. Unsere Haltung ist klar: deren Partizipation steht an oberster Stelle. Die hohe Fachlichkeit in den Bereichen Pädagogik bei Blindheit und Sehbeeinträchtigung, Heilpädagogische Früherziehung, kognitive Beeinträchtigung, körperlich-motorische Beeinträchtigungen und Hörsehbeeinträchtigung zeichnet das Institut auch künftig aus. Neu wird ein Schwerpunkt des Instituts auch bei den Themen Künstliche Intelligenz und Assistive Technologien in heil- und sonderpädagogischen Kontexten liegen. Unser Anspruch ist, dass diese Fachlichkeit immer in die Praxis hineinwirkt. Das Institut pflegt enge Kontakte mit Kooperationspartnern in Schulen, in Institutionen und in der Bildungsverwaltung. Diese Nähe zum Feld ermöglicht uns, aktuelle Entwicklungen aufzugreifen und zu bearbeiten.
Die Praxisnähe ist auch prägend für Ihre eigene Biografie. Welche Ihrer Stationen haben Sie auf dem Weg an die HfH und in die Institutsleitung geprägt?
Ich habe selbst mehrere Jahre in der Sonderschule gearbeitet, bevor ich an der Universität zu Köln zu Themen wie Unterstützte Kommunikation und Schriftspracherwerb von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen in der Lehre, der Beratung und in der Forschung gearbeitet habe. Was ich aus der Praxiserfahrung mitbringe, ist die Wertschätzung der Arbeit in interdisziplinären Teams: Eine Schule, in der Lehrpersonen, Assistenzpersonen und Therapeut:innen eng zusammenarbeiten, gehört aus meiner Sicht zu den Gelingensbedingungen einer Bildung, die Teilhabe ermöglicht. Aus der Forschung bringe ich den strukturierten Blick mit, den es braucht, um einzelne Bereiche sehr fokussiert anzuschauen. Daraus ergibt sich für mich die Ausrichtung, auf die wir in unserer Arbeit am Institut viel Wert legen. Die ständige Bearbeitung der Frage: «Wie können Praxis und Theorie voneinander profitieren?»
Können Sie an einem konkreten Beispiel aufzeigen, wie brennende Fragen der Praxis adressiert werden?
Ein Thema, das aktuell vielen unter den Nägeln brennt, ist das Thema herausforderndes Verhalten. Was häufig in diesem Zusammenhang angenommen wird: Das herausfordernde Verhalten ist ein erlerntes Verhalten, das man wieder verlernen kann, wenn man es nur trainiert. Doch dem ist nicht immer so. Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen wird oft ausgelöst durch Überempfindlichkeiten auf Sinneswahrnehmungen oder sozial-emotionale Überforderungen. Wenn das Kind einen kognitiven oder sozial-emotionalen Entwicklungsstand von einem Dreijährigen aufweist, ist es mit Situationen, in denen ein Verhalten eines 10-Jährigen erwartet wird, überfordert. Das herausfordernde Verhalten resultiert daher aus den Anforderungen des Umfeldes. Das Thema «Herausforderndes Verhalten bei kognitiver und komplexer Beeinträchtigung» adressieren wir zum Beispiel mit unseren Praxispartner:innen in Weiterbildungen und in Dienstleistungsaufträgen.
Was bedeutet der Blick auf das Umfeld genau für Lehrpersonen und andere Fachkräfte, die im Sonderschulsetting mit herausforderndem Verhalten an ihre eigenen Grenzen stossen?
Den Blick stark auf das Umfeld zu richten, nebst dem Blick auf die selbstbetroffene Person, hat den Vorteil, oft rasch Veränderungen anstossen zu können. Wir können die Schülerinnen und Schüler und ihre grundlegenden Lernvoraussetzungen nicht ändern. Aber wir können uns und das Umfeld fragen: «Was können wir konkret tun?»
Wir können gute Umgebungen für die Lernenden schaffen, in denen sie sich ihren Möglichkeiten entsprechend entfalten können. Nicht selten ist dies auch die Möglichkeit für Bezugspersonen, sich wieder als handlungsfähig und wirksam zu erleben. Ein gutes Beispiel ist das Projekt «Banking Time». Der Ansatz setzt gezielt bei der Beziehung zwischen Bezugsperson und Kind an: In regelmässigen, kurzen Einheiten verbringt die Fachperson Zeit mit dem Kind, in der dieses die Aktivität bestimmt und positive, wertschätzende Erfahrungen im Kontakt macht – unabhängig von Verhalten oder Leistung.
Warum soll die Fachperson, welche die Beziehung zum Kind als herausfordernd erlebt, ausgerechnet mehr Zeit mit diesem Kind verbringen?
Die Grundidee dahinter ist folgende: Eine tragfähige, verlässliche Beziehung ist eine wichtige Ressource, um herausforderndem Verhalten präventiv zu begegnen, da sie dem Kind Sicherheit gibt und Bezugspersonen wieder Selbstwirksamkeit erleben lässt. Uns ist dabei wichtig, dass wir nicht nur ein Praxisinstrument vermitteln, sondern den Ansatz auch wissenschaftlich begleiten: «Banking Time» wird fortlaufend evaluiert, um die Wirksamkeit fundiert zu überprüfen und die Erkenntnisse wieder in die Weiterbildung und Beratung unserer Praxispartner:innen einfliessen zu lassen. Damit steht das Projekt exemplarisch für unsere Arbeit im Institut. Ich freue mich, das Institut für Behinderung und Partizipation von Prof. Dr. Carlo Wolfisberg per 1. Juli übernehmen zu dürfen.
Prof. Dr. Melanie Willke übernimmt offiziell den Schlüssel des Instituts für Behinderung und Partizipation von Prof. Dr. Carlo Wolfisberg, der das Institut elf Jahre lang geleitet hatte.
Die HfH gratuliert Melanie Willke herzlich zur neuen Position und wünscht viel Erfolg für die Zukunft!