Mit Haltung, Scharfsinn und Humor: Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Carlo Wolfisberg

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Carlo Wolfisberg hat die HfH über viele Jahre fachlich und menschlich geprägt. An seiner Abschiedsvorlesung blickte die Hochschule auf sein Wirken zurück – und er selbst auf die Geschichte der Heilpädagogik, ihre Mythen, Wendepunkte und bleibenden Fragen.

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Nina Hug Titel Dr. rer. soc.

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Leiterin Hochschulkommunikation / Senior Consultant

«Frühzeitig in Pension zu radeln»: Moderatorin Prof. Christina Koch beschrieb diesen Schritt zu Beginn des Abends als wohlüberlegte Entscheidung eines gradlinigen, bestens informierten und begeisterungsfähigen Menschen. Die Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Carlo Wolfisberg wurde so zu einem Abend des Rückblicks, der Würdigung und der fachlichen Auseinandersetzung.

Eine Würdigung seines Wirkens an der HfH. Prof. Dr. Barbara Fäh, Rektorin der HfH, würdigte Carlo Wolfisberg als jemanden, der die HfH fachlich und menschlich geprägt hat. Im Zentrum stand dabei nicht eine Aufzählung seiner Leistungen, sondern die Art und Weise, wie er wirkte: mit Haltung, Würde und Humor. Als roter Faden seines Engagements zog sich eine klare inhaltliche Haltung durch seine Arbeit – insbesondere sein Einsatz für Teilhabe, Ethik und die Perspektive der UN-Behindertenrechtskonvention.

Teilhabe verstand Carlo Wolfisberg, der das Institut für Behinderung und Partizipation elf Jahre lang leitete, dabei nie als abstraktes Konzept. Menschen sollten tatsächlich einbezogen und sichtbar werden, ihre Perspektiven sollten gehört und anerkannt werden. Heilpädagogik war für ihn immer auch eine gesellschaftliche Aufgabe – verbunden mit Rechten, Anerkennung und der Frage, wie Institutionen Verantwortung übernehmen.

Als Historiker ordnete er Entwicklungen nicht isoliert ein, sondern stellte Zusammenhänge her: gesellschaftlich, politisch und historisch. Damit brachte er an der Hochschule eine Stimme ein, die nicht nur organisierte, sondern deutete, verband und zum Weiterdenken anregte. Auch in der Lehre nahm er Studierende ernst. Er vermittelte nicht nur Inhalte, sondern stellte Fragen, eröffnete Kontexte und regte dazu an, Verantwortung mitzudenken. Gleichzeitig hatte Carlo Wolfisberg den Mut, ungewöhnliche Projekte und Formate zu lancieren – etwa die heilpädagogische Stadtführung zum 100-Jahr-Jubiläum der HfH.

Seine Arbeit war geprägt von Perspektivenwechseln, fachlicher Fundierung und einem breiten Netzwerk – innerhalb der HfH, in der Schweiz und darüber hinaus. Vernetzung verstand er nicht als Selbstzweck, sondern als Möglichkeit, Teilhabe zu ermöglichen, Austausch zu fördern und Kooperationen tragfähig zu machen.

Die Geschichte der Heilpädagogik in 10,5 Kapiteln

In seiner Abschiedsvorlesung nahm Carlo Wolfisberg das Publikum mit auf eine pointierte Reise durch die Geschichte der Heilpädagogik. Der Titel «Eine Geschichte von Behinderung und Heilpädagogik in 10,5 Kapiteln» spielte auf Julian Barnes’ Werk «Eine Geschichte der Welt in 10½ Kapiteln» an – und machte deutlich, dass es nicht um eine lineare Erfolgsgeschichte ging, sondern um Brüche, Konstruktionen und kritische Fragen. 

Warum braucht die Heilpädagogik ihre Geschichte? Geschichte, so Wolfisberg, stiftet Identität, kann Orientierung geben und hat zugleich Unterhaltungswert. Doch gerade dort, wo Narrative Selbstgewissheit erzeugen, lohnt sich der kritische Blick. Am Beispiel von Wilhelm Tell zeigte er, wie wirkmächtig historische Erzählungen sein können – selbst dann, wenn ihre Faktizität fraglich ist.

Für die Heilpädagogik bedeute dies, eigene Fortschrittserzählungen zu hinterfragen. «Wenn wir uns zu sehr als ‹Krone der Geschichte› verstehen, geraten jene Aspekte aus dem Blick, die bis heute nachwirken: Stigmatisierung, Ausgrenzung, das lange Verbot von Gebärden oder die Frage, welche Mythen das Fach über sich selbst erzählt», so Wolfisberg.

Carlo Wolfisberg hielt die Abschiedsvorlesung aus seiner Perspektive als Historiker.

Trotz der Rekordtemperaturen im Juni war die Veranstaltung vor Ort gut besucht.

Viele Institutsmitarbeitenden waren vor Ort anwesend und haben sich persönlich von ihrem Institutsleiter verabschiedet.

Auch die Familienmitglieder wollten sich die Möglichkeit, Ehemann und Vater bei seinem letzten offiziellen HfH-Auftritt live zu sehen, nicht entgehen lassen.

Reeto von Gunten war der Überraschungsgast des Abends – und gab Tipps für den Ruhestand. Die HfH wünscht Carlo Wolfisberg viel Zeit und gute Gesundheit für seine Hobbys.

Behinderung im sozialen und historischen Kontext. Ein zentrales Motiv seiner Vorlesung war das soziale Verständnis von Behinderung: Behinderung entsteht nicht allein durch individuelle Voraussetzungen, sondern in Wechselwirkung mit dem Umfeld. Wie existenziell diese soziale Dimension sein kann, verdeutlichte Wolfisberg anhand eines erschütternden historischen Beispiels aus dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm. Neben Diagnosen und Listen spielte soziale Isolation eine entscheidende Rolle für den Entscheid über Leben und Tod. Ob sich jemand nach einer aus der Institution in eine andere Anstalt verlegte Person erkundigte, gab schlussendlich den Ausschlag für den Verbleib auf der Liste zu tötender Personen.

Mit dem Hinweis «Follow the money» zeigte Wolfisberg zudem, wie stark finanzielle Anreizsysteme die Entwicklung heilpädagogischer Strukturen beeinflusst haben. Von der Einführung des Volksschulsystems, über Dispensartikel in Volksschulgesetzen bis zur Gründung von Pro Infirmis und später zur Invalidenversicherung wurde sichtbar, wie Etikettierungen und Geldflüsse zur Entstehung und Stabilisierung separierender Systeme beitrugen.

Ein weiteres Beispiel führte ins Jahr 1803: Philipp Albert Stapfers Umfrage zur Zahl gehörloser Kinder in der Schweiz. Wolfisberg warf die Frage auf, welche Entwicklungen möglich gewesen wären, wenn aus dieser Umfrage ein gesamtschweizerisches Institut für gehörlose Kinder entstanden wäre. Hätte sich dieses möglicherweise orientiert am französischen Modell, in dem bereits in Gebärden unterrichtet wurde? Hätten wir dann heute eine Schweizer Gebärdensprache statt derer drei und wäre diese bereits die fünfte Landessprache? Auch hier ging es ihm nicht um einfache Antworten, sondern um die produktive Kraft historischer Gegenfragen.

Persönliche Zugänge zur Heilpädagogik. Zum Schluss gab Carlo Wolfisberg Einblick in seinen eigenen Weg zur Heilpädagogik. Erste Erfahrungen machte er bereits in der Primarschule, als ein Mädchen nach einem Unfall mit einer Beeinträchtigung weiterhin die Regelschule besuchte und er sie unterstützte. Später arbeitete er bei Pro Infirmis und begegnete Menschen mit Behinderungen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Besonders prägend war die Begegnung mit einer mehrfach beeinträchtigten Frau. Als sie ihm mitteilte, sie habe eine eigene Wohnung gemietet, erschien dies damals kaum vorstellbar. Carlo Wolfisberg unterstützt die Frau in ihrer Absicht. Hieraus entstand eines der ersten Projekte für assistiertes Wohnen – zu einer Zeit, als Unterstützung vor allem Institutionen und nicht Personen zugutekam.

Diese Erfahrungen führten Carlo Wolfisberg schliesslich dazu, nach seinem Geschichtsstudium auch Sonderpädagogik zu studieren. Rückblickend verband sich damit ein Motiv, das den ganzen Abend prägte: genau hinzuschauen, historische Zusammenhänge ernst zu nehmen und heilpädagogische Praxis immer wieder kritisch zu befragen.

Ein Abschied mit Dank

Christina Koch fasste den Abend mit den Worten zusammen, Carlo Wolfisberg habe mit viel Hintergrund und Scharfsinn alle Anwesenden nochmals herausgefordert. Zum Abschluss und als Geschenk an Carlo trat der Radiomoderator und Künstler Reeto von Gunten auf. Er präsentierte mit seinem Programm «Ideene» kuriose und spannende Denkansätze und überreichte ein persönliches Geschenk: eine «Special Edition» von Ideen für den Ruhestand.

Die HfH dankt Prof. Dr. Carlo Wolfisberg herzlich für sein langjähriges Wirken, seine fachliche Klarheit, seine menschliche Haltung und seine Fähigkeit, historische Perspektiven mit aktuellen Fragen der Heilpädagogik zu verbinden.