«Weil ich gehörlos bin, habe ich Kraft für immer»
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Mit einer bewegenden Auftaktveranstaltung feierte die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik den Beginn des Jubiläumsjahres «40 Jahre Gebärdensprache an der HfH». Der Anlass gewährte einen Rückblick auf vier Jahrzehnte Engagement, Forschung und Professionalisierung im Bereich der Gebärdensprache.
Am Ausgangspunkt dieses Jubiläums steht nicht etwa eine akademische Initiative. Nein, den Grundstein für die Vielfalt an Ausbildungsangeboten zur Gebärdensprache legte die Emanzipation der Gehörlosengemeinschaft und der Kampf um die Anerkennung einer eigenen Sprache. Mittendrin in dieser Bewegung: Katja Tissi, heute Dozentin im Bachelor Gebärdensprachdolmetschen, damals eine der ersten Gebärdensprachlehrerinnen der Schweiz. Als Zeitzeugin, Wegbereiterin und Senior Lecturer an der HfH, nahm sie das Publikum am Jubiläumsanlass mit auf eine Reise durch Zeit. Ein Rückblick auf sehr viel mehr als nur akademische Errungenschaften.
Emanzipatorische Bewegung der 80er-Jahre
In den frühen 80er Jahren formierte sich eine starke, emanzipatorische Bewegung der Gehörlosen, die selbstbewusst einforderte: «Wir dürfen uns hinstellen und zeigen, wer wir sind», so Tissi. Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung war Penny Boyes Braem, die 1982 das private Forschungszentrum für Gebärdensprache mitgründete und entscheidende wissenschaftliche Impulse setzte. Ihre Forschung widerlegte die damals verbreitete Annahme, Gebärden seien lediglich unterstützende Gesten – sie zeigte, dass es sich um eine eigenständige Sprache handelte. Zum Thema «Gebärdensprachforschung»
Ebenfalls prägend war Felix Urech, der in den 1983 als Vertreter des Schweizerischen Gehörlosenbundes (SGB-FSS) «10 Thesen» zum Verhältnis zwischen Gebärden- und Lautsprache formulierte. Seine Arbeit stiess auf erhebliche Kritik. Viele Institutionen hielten an der Dominanz der Lautsprache fest. Gebärden galten als Gefahr für deren Erwerb. Doch Felix Urech und der SGB-FSS blieben kämpferisch und forderten den Einzug der Gebärdensprache in die Bildung gehörloser Personen. Auf die Frage von Katja Tissi im Rahmen des Bühneninterviews, wie viel Kraft ihn dieser Einsatz gekostet habe, antwortete er eindrücklich: «Weil ich gehörlos bin, habe ich Kraft für immer.»
Der erste Gebärdenkurs – ein mutiger Anfang
Auf die Thesen folgte trotz Ablehnung vieler Instanzen 1983 der erste Fingeralphabet-Kurs, 1984 dann der erste Gebärdenkurs – ein gewagtes Experiment. Um den Kurs durchführen zu können, wurde bewusst auf die Benennung als «Gebärdensprach-Kurs» verzichtet. Man wollte nicht unnötig provozieren. Das Interesse am Kurs war trotz Skepsis riesig. Statt der erwarteten 30 Teilnehmenden meldeten sich 90 Personen an, darunter Gehörlose, Schwerhörige und Hörende. Für Aufsehen sorgte die Regel, dass während des gesamten Kurses kein Wort gesprochen werden durfte.
So wurde der erste Gebärdensprachkurs nicht nur ein Unterrichtsangebot – er wurde ein Wendepunkt. «Wir haben gesunde Gehirne, das Gehör fehlt einfach», betonte der Schweizerische Gehörlosenbund damals und machte den Bildungsauftrag deutlich. 1986 startete schliesslich die Ausbildung der Gebärdensprachdolmetschenden an der HfH (damals HPS) – ein Meilenstein, von dem aus sich bis heute Vieles weiterentwickelt hat. Seit 2006 kann Gebärdensprachdolmetschen als Bachelorstudiengang absolviert werden; mittlerweile wurden über hundert Fachpersonen ausgebildet.
Ausbildung zur Gebärdensprachlehrperson
1990 startete als Konsequenz der Professionalisierung auch die Ausbildung von Gebärdensprachlehrpersonen. Katja Tissi gibt einen Einblick in die Anfänge der Ausbildung: «Wir Gebärdensprachlehrer:innen hatten ursprünglich handwerkliche Berufe gelernt. Wir wussten nicht, wie wir didaktisch vorgehen sollten». Die ersten Ausbildungen münden 2021 in die Anerkennung des Berufs «Gebärdensprachlehrer:in» vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Zur Ausbildung «Gebärdensprachlehrer:in»
Forschung für die Praxis
Die Dynamik der Professionalisierung der Ausbildung im Bereich der Gebärdensprache strahlte auch auf die Forschung ab. Wieder war es Penny Boyes Braem, die die Initiative ergriff. Vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) aufgefordert, sich eine grössere Institution als Forschungspartnerin zu suchen, fragte sie die HfH (damals HPS) an. Sie gewann Henrietta Urech als Mitstreiterin, obwohl diese zur Zeit der Anfrage noch keine Gebärden im Unterricht einsetzen durfte. Fortan war die HfH auch in der Forschung tätig. Zu Forschungsprojekten
Verbesserte Lebenssituation
«Ich stehe heute hier vorne als Mensch mit Selbstvertrauen», betonte Ruedi Graf, Co-Geschäftsleiter des SGB-FSS. Er hob an der Auftaktveranstaltung des Jubiläumsjahres hervor, wie stark Forschung und Ausbildungen zur Verbesserung der Lebenssituation gehörloser Menschen beitragen.
Die HfH setzt diese Entwicklung fort: Mit neuen Studiengängen, darunter ein Master Gebärdensprachdolmetschen ab 2027, und innovativen Forschungsprojekten wie BAG-SIGN, das gebärdensprachliche Unterrichtsmaterialien weiterentwickelt oder dem Handbuch Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS).
Das Jubiläum zeigt: Gebärdensprache ist heute sichtbarer, anerkannter und professioneller verankert denn je – dank vier Jahrzehnten Engagement, Forschung und der tiefen Überzeugung, dass Sprache der Schlüssel zur Teilhabe ist.
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- In ihrer Präsentation wies Katja Tissi auf zahlreiche Meilensteine, Persönlichkeiten und positive Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten hin. Zum Zeitstrahl
- Weitere Inhalte zur Gebärdensprache an der HfH finden Sie im Top-Thema «Gebärdensprache». Zum Top-Thema