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Berufswahlvorbereitung für Jugendliche mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung

Ausgangslage und Ziele

Um den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt bei Jugendlichen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen zu erleichtern, ist eine gezielte Vorbereitung auf die Phase des Übergangs nötig. Dabei kommt der Berufswahlvorbereitung in der Schule eine wichtige Rolle zu. Bei herkömmlichen Unterrichtsmaterialien stellt sich die Frage, wie gut sie sich für diese Jugendlichen eignen.

Fragestellung

Im ersten Teil des Projekts (2011-2012) wurde die Situation im Berufswahlunterricht in verschiedenen Schultypen evaluiert mit einem Fokus auf die verwendeten Lehr- und Arbeitsmittel. Dabei konnten Antworten auf folgende Fragen gewonnen werden (Auswahl):

  • Welches sind mögliche Zielgruppen von BWV-Materialien? Welche (unterschiedlichen) Bedürfnisse haben verschiedene Gruppen von Jugendlichen in der Phase der Berufswahl, insbesondere im Berufswahlunterricht?
  • Welche Unterrichtsmaterialien werden im Berufswahlunterricht bei verschiedenen Zielgruppen schon eingesetzt?
  • Wie werden diese Materialien von den verschiedenen beteiligten Personen (insb. Lehrpersonen und Jugendlichen) wahrgenommen und beurteilt?
  • Wo bestehen Lücken beim vorhandenen Unterrichtsmaterial?
  • Für welche Zielgruppen sollen weitere Unterrichtsmaterialien entwickelt werden? Wie sollen diese Materialien strukturell, inhaltlich und visuell aufgebaut sein?

Basierend auf den Erkenntnissen der Evaluation ist im zweiten Teil des Projektes (2013) allenfalls geplant, neue Unterrichtsmaterialien zu konzipieren und zu entwickeln.

Methodisches Vorgehen

Konzeption:

In einem ersten Schritt wurde ein exploratives und qualitatives Vorgehen gewählt, mit dem Ziel, das Spektrum der Meinungen und Erfahrungen der Beteiligten mit bestehenden Materialien im Berufswahlunterricht zu erfassen. In einem zweiten Schritt wurde eine quantitative, breit abgestützte Erhebung bei Lehrpersonen durchgeführt. Die Ergebnisse der Interviews stehen einerseits direkt für eine vorläufige, aber dennoch fundierte Planung der Neuentwicklung von Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, andererseits dienen sie der Entwicklung eines strukturierten Erhebungsinstruments, das für die Befragung einer breiteren Stichprobe von Lehrpersonen in verschiedenen schulischen „Settings“ der Oberstufe eingesetzt werden soll.

Die Ergebnisse des qualitativen und quantitativen Teils wurden in einer Projekt-Begleitgruppe regelmässig diskutiert (validiert) und sollen in die Entwicklungsarbeit der Unterrichtsmaterialien einfliessen.

Stichprobe:

Es wurden leitfadengestützte Interviews mit Lehrpersonen der Oberstufe in der deutschen und in der französischen Schweiz durchgeführt (N=26). Die verschiedenen schulischen „Settings“, in denen Berufswahlunterricht stattfindet, wurden bei der Auswahl der Interviewpartner/innen mit berücksichtigt , d.h. Regelklassen mit integrativ geführtem Unterricht, Sonderklassen und verschiedene Sonderschulen (Körper-/Sinnesbehinderungen, kognitive Beeinträchtigungen, Verhaltensauffälligkeiten). Weiter wurden rund 8 Fachpersonen (z.B. IV-Berufsberatung, INSOS, insieme) befragt, die eine bestimmte Aussensicht auf die Zielgruppen und/oder einen guten Überblick über die Situation in der Praxis haben. Um zu erfahren, wie der Unterricht gestaltet wird, welche Mittel eingesetzt werden und wie die Jugendlichen darauf reagieren wurden „Fokusgruppen“ durchgeführt (insgesamt 10 Fokusgruppeninterviews). Vier Eltern wurden zudem mittels telefonischer Kurzinterviews einbezogen, um den Berufswahlprozess aus dieser ebenfalls wichtigen Perspektive zu beleuchten. Bei der schriftlichen Befragung wurden 201 Lehrpersonen befragt (ca. die Hälfte davon unterrichte in Sonderschulen, die restlichen integrativ in Regelklassen, rund 10% in Sonderklassen). Auch in dieser zweiten Projektphase wurde die französische Schweiz einbezogen.

Ergebnisse

Die Interviewergebnisse zeigen, dass Jugendliche mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen ähnliche Stadien in der Berufswahl durchlaufen wie ihre nichtbehinderten Kollegen und Kolleginnen. Auch sie haben berufliche Träume, die zu Beginn oft wenig mit den realen Möglichkeiten zu tun haben. Lehrpersonen vollziehen in dieser Situation eine schwierige Gratwanderung: „Manchmal weiss ich auch nicht, soll ich es ihnen schon sagen, das ist jetzt ein Traumberuf oder warten, bis sie es selber merken. Das braucht ein "Gschpüri", wie viel "mag es verlide" (Lehrperson, Sonderschule).

Viele Lehrpersonen plädieren deshalb dafür, möglichst früh praktische Erfahrungen zu sammeln. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Schultypen zeigt sich in den institutionellen Vorgaben: In Sonderschulen arbeitet intern und extern ein umfangreiches Netzwerk zusammen. Die Elternzusammenarbeit ist im Rahmen der Förderplanung meist bereits eingespielt und wird in der Berufswahlphase entsprechend eng fortgeführt. Zudem ist die IV oft „mit im Boot“. Eine Jugendliche aus einer Sonderschule erlebt diese Situation zwiespältig: „Wir sind nicht alleine. Ich habe immer jemanden, der mir gut erklärt. Aber manchmal ist es schwierig, dann sagen nicht alle das Gleiche.“ Viele Lehrpersonen zeigen sich in unserer schriftlichen Befragung grundsätzlich zufrieden mit den Rahmenbedingungen und Vorgaben, z.B. der oft fächerübergreifenden Unterrichtsweise.

Gleichzeitig führen schulische Reformen zu heterogenen Klassen mit unterschiedlichen Bedürfnissen im Berufswahlprozess, und die sich wandelnde Berufsbildungslandschaft verlangt, stets „am Ball“ zu bleiben und sich mit den lokalen Betrieben zu vernetzen. All dies kann auch zu Unsicherheiten führen. Ein Hinweis darauf ist der oft geäusserte Wunsch der befragten Lehrkräfte nach Aus- und Weiterbildung in diesem Bereich. Die für den Berufswahlunterricht gängigen Arbeitsmittel (Berufswahltagebuch, Wegweiser Berufswahl) werden von rund 60% der Lehrpersonen im Unterricht eingesetzt. In den Sonderschulen werden sie weniger verwendet und überwiegend als sprachlich und inhaltlich zu anspruchsvoll beurteilt. Gewünscht werden Arbeitsmittel, die weniger textlastig und mit Erfahrungsberichten, Bildern und mehr Informationen zu niederschwelligen Ausbildungen angereichert sind. Zwei Drittel der Lehrpersonen würden die Neuentwicklung eines Arbeitsmittels grundsätzlich begrüssen. Bei der Entwicklung von Unterlagen sind das fachliche Know-how, die Erfahrungen und das Engagement der Heilpädagoginnen und -pädagogen erneut gefragt. 
zum Forschungsbericht Link zum Forschungsbericht im HfH-Shop

Publikationen

  • Krauss, A. & Schellenberg, C. (2018). «Meine Berufswahl und ich». Ein neues Arbeitsmittel für den berufsvorbereitenden Unterricht. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 24(3), 44-45.
  • Hofmann, C. & Schellenberg, C. (2016). „Zwischen Stuhl und Bank“ beim Berufseinstieg – Tagungsrückblick, HfH-News 5, Dezember 2016.
  • Hofmann C. & Schaub, S. (2016) Junge Berufsleute mit Beeinträchtigungen beim Einstieg in den  Arbeitsmarkt und die Rolle von „Supported Education“. bwpat@ - Berufs- und Wirtschaftspädagogik online (30). Online
  • Schellenberg, C. & Hofmann, C. (2016). Fit für die Berufslehre! Forschungsbericht zur Berufswahlvorbereitung an der Schule bei Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf. Reihe 33, 1.aktualisierter Nachdruck. Bern: szh-Verlag.
  • Hofmann, C., Stalder, B.E., Tschan, F. & Häfeli, K. (2014). Support from teachers and trainers in vocational education and training: The pathways to career aspirations and further career development. International Journal for Research in Vocational Education and Training, 1 (1), 1-20.
  • Schellenberg, C. & Hofmann, C. (2014). Der nächste Schritt: Chance oder Enttäuschung? Fritz+Fränzi. Das Elternmagazin. 4, 44-47. PDF
  • Schellenberg, C. & Hofmann, C. (2012). Berufsorientierung in der Schule bei Jugendlichen mit Behinderungen: Zwischen Traumberuf und realen beruflichen Möglichkeiten, SZH 18 (10), 12-18. PDF
  • Hofmann, C. & Schellenberg, C. (2012). Berufsorientierung: konkret und praktisch. heilpädagogik aktuell, 7, 6.

Fakten

Laufzeit
10/2011-09/2012
Nr.
3_09

Kontakt

Zentrum Forschung und Entwicklung
Tel: +41 44 317 11 46

zfe[at]hfh.ch zfe