IFO 2023: 36. Jahrestagung der Inklusionsforscher:innen

Event

Die Tagung nimmt das Verhältnis von Inklusion und Demokratie sowie Chancengerechtigkeit aus einer interdisziplinären und internationalen Perspektive in den Blick.

Kontakt

Kathrin
Müller
Titel
Prof. Dr.

Funktion

Professorin für Inklusion und chancengerechtes Lernen

Ingo
Bosse
Titel
Prof. Dr.

Funktion

Professor für ICT for Inclusion

Daniela
Nussbaumer
Titel
Prof. Dr.

Funktion

Professorin für MINT-Lernen und -Lernentwicklung unter erschwerten Bedingungen

Überblick

Was als Netzwerktreffen engagierter Eltern und Wissenschaftler:innen vor mehr als 30 Jahren begann, ist inzwischen zu einem der renommiertesten Kongresse im deutschsprachigen Raum zum Thema Inklusion angewachsen. Wir freuen uns sehr, dass wir die 36. Jahrestagung der Inklusionsforscher:innen nach Zürich bringen konnten.

Die IFO-Tagung 2023 in Zürich nimmt das Ziel, das Verhältnis von Inklusion und Demokratie sowie Chancengerechtigkeit aus einer interdisziplinären und internationalen Perspektive in den Blick. Bedeutsam ist vor allem die Beziehung zwischen demokratischen Strukturen und Inklusion auf System-, Handlungs- sowie Subjektebene. An den drei Tagen werden fächerübergreifende sowie methodisch vielfältige Perspektiven präsentiert und diskutiert.

Ausgangslage und Fragestellungen

Wenngleich es in der Inklusions- und Teilhabeforschung eine lange Tradition gibt, sich auf demokratische Theorien zu beziehen – gerade in der Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und Chancengerechtigkeit, fordert uns das aktuelle Weltgeschehen auf, Fragestellungen zu Inklusion aus demokratischer und internationaler Perspektive weiterzuentwickeln, zu schärfen und zu klären. Mit dem Standort Schweiz eröffnen sich dazu vielfältige Bezugspunkte auf internationale und demokratische Perspektiven auf Inklusion und Chancengerechtigkeit.

Laut Demokratie-Index ist die Schweiz eines der demokratischsten Länder dieser Erde. Zentrale Merkmale sind die direkte Demokratie und ein stark föderalistisches System. Gleichzeitig ratifizierte die Schweiz die BRK der Vereinten Nationen erst im Jahr 2014 und damit im Verhältnis zu ihren europäischen Nachbarländern relativ spät. Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz erst 1971 eingeführt, im letzten Kanton erst 1990. Auch hier bewilligte die Schweiz wiederum als eines der letzten europäischen Länder dem weiblichen Anteil der Bevölkerung die vollen Bürgerrechte.

Aus diesen kurzen Darlegungen lassen sich Fragen nach den Grundlagen einer funktionierenden Demokratie ableiten und welche Rolle dabei die Themen Gleichberechtigung und Chancengleichheit, Teilhabe, Anerkennung und Freiheit spielen.

  • Findet derzeit eine Repolitisierung der Inklusion statt?
  • Welche gesellschaftstheoretische Fundierung liegt dem Inklusionsdiskurs zu Grunde?
  • Inwiefern verfolgt der Inklusionsdiskurs die ständige Reflexion gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse?
  • Welche Analysen nicht-realisierter gesellschaftlicher Teilhabe liegen bisher vor und nicht vor?
  • Impliziert Inklusion auch Exklusion?

Fakten

  • Ort: HfH und online
  • Zielgruppe: Die Tagung richtet sich an alle Personen, die sich mit dem Thema Inklusion beschäftigen, insbesondere an Hochschulen, in der Bildungsadministration, in Schulen und in der Politik.
  • Die Tagung ist ein Anlass des Instituts für Lernen unter erschwerten Bedingungen.

Programm

Vier Keynotes sowie verschiedene Einzelbeiträge, Symposien, Forschungswerkstätten sowie Postersessions zu verschiedenen Fragestellungen bieten neue Impulse und vielfältige Perspektiven. Das Tagungsprogramm wird laufend vervollständigt und ist in der Tagungssoftware Converia abgebildet.

Zum Programm

Keynotes

Inklusion und demokratische Partizipation – Reflexionen aus der politischen Philosophie, Prof. Dr. Franziska Felder, Universität Zürich

Die bildungs- und erziehungswissenschaftliche Inklusionsdebatte mit ihrem starken Fokus auf schulische Kontexte tendiert (zumindest meiner Ansicht nach) dazu, den normativen Gehalt von Inklusion für ausserschulische, gesellschaftliche Teilhabe und insbesondere für demokratische Partizipation zu vernachlässigen. Dieser weiteren normativen Bedeutung möchte ich mich in meinem Beitrag widmen. Dabei möchte ich zeigen, dass und vor allem wie Ideen aus der politischen Philosophie genutzt werden können, um zentrale normative Leerstellen im Inklusionsdiskurs zu identifizieren und zu füllen. Im Besonderen im Blick habe ich die Theorien von Iris Marion Young und Kevin Olson zum Verhältnis zwischen Demokratie und Inklusion respektive zur Gestalt reflexiver, partizipativer Demokratie. Mit der Fokussierung auf diese normativen Theorien aus der politischen Philosophie verfolge ich zwei Ziele.

Zum einen geht es mir darum, einen kritischen Blick auf die Debatte um Inklusion in der inklusiven Pädagogik zu werfen. Diese ist meiner Ansicht nach in zentralen Aspekten verengt. Der von mir gewählte Fokus wird angestossen durch die Art und Weise, wie der Gegenstand der Inklusion in politphilosophischen Theorien diskutiert wird, welche Fragen darin aufgeworfen werden und welche normative Bedeutung Inklusion darin zugewiesen wird – und in der kritischen Wendung wie eben gerade nicht im Kontext der inklusiven Pädagogik.

Zum anderen geht es mir aber auch darum, konstruktiv Wege aufzuzeigen, wie sich die inklusive Pädagogik neu positionieren könnte, um den Argumenten, die eigentlich aus der normativen Forderung nach Inklusion entstehen würden, mehr Gewicht zu verleihen. Wie das geschehen könnte, dazu liefern die Theorien Iris Marion Youngs (v.a. 1990, 2002 und 2011) und Kevin Olsons (v.a. 2006) interessante Impulse.

Franziska Felder, Prof. Dr., Professorin für Inklusion und Diversität, Universität Zürich

Wie Demokratie durch partizipative Praktiken Inklusion verwirklichen hilft, Prof. Dr. Lisa Pfahl, Universität Innsbruck

Die Tagung verfolgt den Anspruch, den Stand und die Zukunftsaussicht von Inklusion in Gegenwartsgesellschaften zu verorten, aber gleichzeitig auch die Rolle und die Rückwirkung von Inklusion auf diese Gesellschaften zu verstehen. Im Beitrag wird die These vertreten, dass ein Bedarf danach besteht, die konkrete demokratische Ausgestaltung pädagogischer Beziehungen und Organisationen konzeptuell und praktisch zu bestimmen.

Eine Bestandsaufnahme der jüngeren Geschichte demokratischer und inklusiver Diskurse und Institutionen erlaubt es, die realisierten, latenten und unterdrückten Verweisungszusammenhänge von Demokratie und Inklusion ins Licht zu rücken. Insbesondere der Zusammenhang von Demokratie und Bildung zeichnet sich durch Diskurskonjunkturen und immer wieder abbrechende Initiativen und Suchbewegungen aus, die sich aus dem wechselhaften Prestige radikaler Demokratiekonzepte erklären lassen.

Anschließend soll ein Erklärungsversuch für das gegenwärtige Stagnieren der Umsetzung von Inklusion gewagt werden: Eine mangelhafte Verbindung demokratischer und demokratiepädagogischer Konzepte und Praktiken mit der Inklusion. Partizipation als kooperatives und zugleich konflikthaftes Prinzip wird dabei als Bindeglied zwischen Demokratie und Inklusion bestimmt: Partizipation heisst, Zugang zu Drittenpositionen erhalten oder zu erzwingen mit dem Ziel, diesen Zugang für alle zu sichern. Dabei soll auch deutlich werden, dass und wie die Disability Studies und inklusive Pädagogik zur Subjektivierung demokratischer Akteure beitragen kann und damit ihren gesellschaftlichen Auftrag erweitert.

Aus diesem erweiterten Verständnis können Impulse für das pädagogische Kerngeschäft der inklusiven Bildung und Inklusionsforschung erwartet werden. Im Ausblick werden aus dieser Diagnose aktuelle Aufgaben und Entwicklungspotentiale der Inklusionsforschung abgeleitet. Dabei werden beispielhaft Initiativen und Organisationen benannt, die sich den Themenfeldern Demokratie und Partizipation bereits widmen.

Lisa Pfahl, Prof. Dr., Professorin für Disability Studies und Inklusive Pädagogik, Universität Innsbruck

Zwischen Transformation und Delegation – international vergleichende Perspektiven auf schulische Inklusion(sforschung), Prof. Dr. Andreas Köpfer, Pädagogische Hochschule Freiburg

Vor dem Hintergrund des programmatischen Reformprozesses Inklusion zeigen sich im internationalen Kontext unterschiedliche Umsetzungsformen in Schule und Unterricht. Diese können zurückgeführt werden auf die je unterschiedlichen, kulturell eingebetteten, sozialen, politischen und schulischen Rahmenbedingungen.

In diesem Vortrag werden entlang von empirischen Beispielen, u.a. Interviewdaten zur Einführung und Praxis paraprofessioneller Rollen in unterschiedlichen europäischen Ländern (Fritzsche & Köpfer 2021), grundlegende Ambivalenzen bezogen auf die schulisch-unterrichtlichen Umsetzungsformen von Inklusion herausgearbeitet. Mittels einer Systematisierung von Inklusionsverständnissen im internationalen Fachdiskurs wird eine Einordnung der paraprofessionellen Praktiken vorgenommen zwischen einerseits transformatorischen, schulkulturellen und demokratischen Entwicklungen schulischer Inklusion und, auf der anderen Seite, «kosmetischen» Modifikationen unterrichtlicher Praxis zur individuumsbezogenen Integration, Platzierung und Delegation defizitär gerahmter Kinder. Grundlegendes Ziel ist es, herauszuarbeiten, welche (impliziten) Inklusionsbedingungen fortlaufend an die Schüler:innen vermittelt werden (Weisser 2017).

Abschliessend werden hieraus Überlegungen abgeleitet, wie Inklusion international vergleichend erforscht werden kann (Köpfer, Powell & Zahnd 2021) und welche methodologischen Spannungsfelder hier zutage treten – mit spezifischem Blick auf den Umgang mit Kategorien und die Eingebundenheit der Forschenden in die Herstellung von Differenzen (Hummrich 2017).

Andreas Köpfer, Prof. Dr., Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Inklusionsforschung, Pädagogische Hochschule Freiburg

Ausgrenzende Mitte – inklusive Demokratie: Eine sozialpsychologische Sicht auf Polarisierungen in Krisenzeiten, Prof. Dr. Andreas Zick, Universität Bielefeld

Viele Gesellschaften, in denen wir leben, sind in tiefe Krisen geraten. Der Coronapandemie und ihre Folgen, der Krieg in der Ukraine, der Klimawandel, die Inflation und viele andere Herausforderungen erzeugen sie. Krisen sind Momente und Zeiten, in denen die Zukunft ungewiss ist oder erscheint. Entscheidungen scheinen notwendig, aber sie scheinen auch nicht sicher. Zentral für Krisen ist, in welchem Masse Rituale nicht mehr greifen, Routinen abhandenkommen, Regeln und Normen nicht mehr einfach aufgerufen werden können oder gar nicht mehr greifen. Krisen sind – gesellschaftlich wie psychologisch betrachtet - Belastungen, für die keine einfachen Lösungen zu finden sind, bei denen es aber schnell gehen muss. Wenn Stabilitäten und Normalitäten sich auflösen, gibt es neue Inklusionschancen wie aber auch Gelegenheiten für neuen Populismus und Extremismus, der inklusive Orientierungen angreift.

Seit mehr als 20 Jahren untersuchen wir vor allem in repräsentativen Studien für Deutschland menschenfeindliche, rechtspopulistische und rechtsextreme Überzeugungen in der Mitte der Gesellschaft. Die Studien zeigen, dass gerade jene Gruppen, auf die sich inklusive Bemühungen der Demokratie richten, um die Demokratie stabiler zu machen, angegriffen werden. Ein neuer autoritärer, neurechter und vermeintlich rebellischer Extremismus in der Mitte versucht, radikale und ultrakonservative Normalitätsvorstellungen zu besetzen. Zugleich bewegt sich ein weiterer Teil der Mitte in einer Grauzone unklarer Einstellungen, wenn es um Höher- oder Minderwertigkeitszuschreibungen gegenüber Gruppen geht. Es ist also eine gute Zeit, die Inklusionsforschung und -praxis deutlicher in den Vordergrund auch der Debatten um die Frage nach der Zukunft demokratischer Gesellschaften zu stellen.

Inklusionsforscher:innen wissen um das, was notwendig ist, um Gesellschaften in ihren Pfeilern zu stützen. Sie können beitragen zur Frage, welche Leitbilder in Krisenzeiten besonders relevant sein sollten. Ein paar Gedanken dazu, welche Leitbilder es sein können, sollen zur Diskussion gestellt werden, auch wenn der Vortragende kein Inklusionsforscher ist.

Andreas Zick, Prof. Dr., Institutsleiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld

Anmeldung für Online-Teilnahme

Die IFO findet vor Ort an der HfH in Zürich sowie online statt. Bis am 31. Januar 2023 können Sie sich noch für eine Online-Teilnahme via Tagungssoftware Converia anmelden.

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