Weiterentwicklung inklusive Berufsbildung – Ergänzungsstudie Kanton ZH (WIB-ZH)

Kategorie Projekt

Ausgangslage und Ziele

Die Ergänzungsstudie «Weiterentwicklung inklusive Berufsbildung im Kanton Zürich» (WIB-ZH) untersucht, wie Zürcher Lehrbetriebe die Ausbildung von Lernenden mit erhöhtem Unterstützungsbedarf erleben. Sie ergänzt die schweizweite Studie «Weiterentwicklung inklusive Berufsbildung (WIB)», die untersucht, unter welchen Bedingungen die Ausbildung von Lernenden mit Beeinträchtigungen im ersten Arbeitsmarkt gelingt und welche Formen der Begleitung dabei unterstützend wirken.
Es wird eine kantonsweite Online-Umfrage aller Ausbildungsbetriebe durchgeführt. Anschliessend werden dazu ergänzend qualitative Interviews geführt. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für Handlungsempfehlungen für das Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA).

Projektleitung

Claudia Schellenberg Titel Prof. Dr.

Funktion

Professorin für die berufliche Integration von Jugendlichen mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen

Fakten

  • Dauer
    12.2025
    09.2026
  • Projektnummer
    2_42

Finanzielle Unterstützung

  • Mittelschul- und Berufsbildungsamt, Kanton Zürich

Ausgangslage

Die berufliche Integration junger Menschen ist eng mit gesellschaftlicher Teilhabe und langfristigen Bildungs- und Entwicklungsverläufen verbunden. Ein entsprechend wichtiges gesellschaftspolitisches Ziel ist demnach die Ausbildung im ersten Arbeitsmarkt für Jugendliche mit erhöhten Unterstützungsbedarfen und Beeinträchtigungen (Sempert & Kammermann, 2011; Zemp & Staub, 2022). In der Schweiz erfolgt ein grosser Teil dieser Ausbildungen im dualen Berufsbildungssystem, in dem Lehrbetriebe eine zentrale Rolle bei der Gestaltung von Ausbildungsbedingungen und Übergängen in den Arbeitsmarkt übernehmen (Neuenschwander, 2021).

Studien weisen darauf hin, dass rund 20% der Jugendlichen auf Sekundarstufe II Anzeichen sozio-emotionaler Schwierigkeiten zeigen (Schellenberg et al., 2020). Solche Belastungen stehen in einem engen Zusammenhang mit erhöhten Risiken für verzögerte Ausbildungseintritte, instabile Ausbildungsverläufe oder Lehrvertragsauflösungen (Schmocker et al., 2025). Dies unterstreicht die zentrale Rolle der Lehrbetriebe. Denn sie regeln den Zugang zu Ausbildungsplätzen, gestalten den betrieblichen Lernort und bilden einen wichtigen Rahmen für die berufliche Sozialisierung und Selbstwirksamkeit, insbesondere für Auszubildende mit erhöhtem Unterstützungsbedarf (Bonoli & Wilson, 2019; Hofmann et al., 2014).

Während viele Studien Lernende oder Unterstützungsangebote in den Blick nehmen, sind die Perspektiven der Lehrbetriebe bislang weniger umfassend untersucht worden (Enggruber & Rützel, 2014; Jansen et al., 2021). 
Die Ergänzungsstudie WIB-ZH greift diese Fragestellung für den Kanton Zürich auf. Sie untersucht systematisch, welche Erfahrungen Lehrbetriebe machen, wo sie Herausforderungen sehen und welche Rahmenbedingungen aus ihrer Sicht eine gelingende Ausbildung begünstigen.

Vorgehen

Die Ergänzungsstudie verfolgt das Ziel, die betrieblichen Bedingungen zu identifizieren, die eine erfolgreiche Ausbildung von Lernenden mit erhöhtem Unterstützungsbedarf im ersten Arbeitsmarkt fördern oder erschweren und welche Handlungsempfehlungen sich daraus für das Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) des Kantons Zürich ergeben. Im Zentrum stehen dafür die Erfahrungen der Berufsbildner:innen.

Untersucht werden diese Erfahrungen aus den Lehrbetrieben entlang verschiedener Themenbereiche. Berücksichtigt werden unter anderem die Ausgangslage im Betrieb sowie der Zeitpunkt, zu dem ein erhöhter Unterstützungsbedarf bekannt wurde. Darüber hinaus werden konkrete Herausforderungen im Ausbildungsalltag und in unterschiedlichen Phasen der Ausbildung in den Blick genommen. Ebenso werden förderliche Rahmenbedingungen innerhalb und ausserhalb des Betriebs, vorhandene Kompetenzen und Unterstützungsstrukturen sowie zentrale Erfolgsfaktoren aus Sicht der Berufsbildner:innen untersucht. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Weiterentwicklungs- und Unterstützungsbedarf der Betriebe.

Das Evaluationsdesign basiert auf einer kantonsweiten querschnittlichen, quantitativen Erhebung und richtet sich an alle im Kanton Zürich zugelassenen Lehrbetriebe (angeschriebene Stichprobe: N ≈ 12’000). Die Datenerhebung erfolgt über einen standardisierten Online-Fragebogen (LimeSurvey). Der Fragebogen umfasst überwiegend geschlossene und teilweise ergänzende offene Fragen, die eine zusätzliche oder weiterführende Erläuterung ermöglichen. Die Entwicklung des Fragebogens knüpft zum einen an bestehende Forschung zur Rolle von Betrieben in der (inklusiven) Berufsausbildung (z. B. Enggruber & Rützel, 2014; Knispel et al., 2021; Stalder & Schmid, 2006, 2008) und baut zum anderen auf Vorarbeiten der WIB-Studie auf. Aus diesem Datensatz werden rund sechs Betriebe ausgewählt, welche anhand von qualitativen Erhebungen (Interviews mit Ausbildungsverantwortlichen und Lernenden) weiter untersucht werden. Ziel ist, «Situationsvignetten» zu erstellen, bei welchen Herausforderungen und Lösungsansätze sichtbar werden – mit dem Fokus auf Lernenden, bei denen erst während der Ausbildung besonderer Unterstützungsbedarf sichtbar wurde.

Die Auswertung des quantitativen Teils erfolgt mit SPSS und umfasst deskriptive wie auch multivariate Verfahren. Das Ziel besteht darin, Zusammenhänge zwischen Betrieben und Branchen sowie verschiedenen Einflussfaktoren, wie Einstellungen, Ausbildungspraxis von Lernenden und Unterstützungsbedarf, systematisch zu analysieren. Zur Identifikation von Mustern und Typologien kommen neben Regressions- und Faktorenanalysen gegebenenfalls auch Clusteranalysen zum Einsatz. Die Antworten auf offene Fragen aus dem Fragebogen werden ergänzend inhaltlich ausgewertet. Die Antworten werden kategorisiert und thematisch strukturiert, um wiederkehrende Muster, Argumentationslinien und Bedarfe sichtbar zu machen.

Das MBA begleitet die Studie fachlich, unterstützt bei der Fragebogenentwicklung, stellt Kontakte zu Betrieben bereit und wirkt bei der Einordnung der Ergebnisse sowie bei der Ableitung möglicher Massnahmen mit.

Erwartete Ergebnisse

Die Studie soll einen Überblick darüber liefern, wie Zürcher Lehrbetriebe die Ausbildung von Lernenden mit erhöhtem Unterstützungsangebot erleben und einschätzen sowie welche Faktoren aus ihrer Sicht für das Gelingen entscheidend sind.

Erwartet werden differenzierte Erkenntnisse zu branchenspezifischen Herausforderungen, zu betrieblichen Rahmenbedingungen sowie zu vorhandenen Kompetenzen und Unterstützungsstrukturen. Ausserdem sollen mögliche wiederkehrenden Muster im Umgang mit Unterstützungsbedarfen sichtbar werden.

Die Ergebnisse sollen schliesslich als Grundlage für Handlungsempfehlungen des MBAs für die Weiterentwicklung bestehender Unterstützungsangebote in der Ausbildung im Kanton Zürich dienen.

Literatur

  • Bonoli, G., & Wilson, A. (2019). Bringing firms on board. Inclusiveness of the dual apprenticeship systems in Germany, Switzerland and Denmark. International Journal of Social Welfare, 28(4), 369–379. https://doi.org/10.1111/ijsw.12371
  • Enggruber, R., & Rützel, J. (2014). Berufsausbildung junger Menschen mit Behinderungen.
  • Hofmann, C., Stalder, B. E., Tschan, F., & Häfeli, K. (2014). Support from teachers and trainers in Vocational education and training: The pathways to career aspirations and further career development. International Journal for Research in Vocational Education and Training, 1(1), 1–20. https://doi.org/10.13152/IJRVET.1.1.5
  • Jansen, J., Van Ooijen, R., Koning, P. W. C., Boot, C. R. L., & Brouwer, S. (2021). The Role of the Employer in Supporting Work Participation of Workers with Disabilities: A Systematic Literature Review Using an Interdisciplinary Approach. Journal of Occupational Rehabilitation, 31(4), 916–949. https://doi.org/10.1007/s10926-021-09978-3
  • Knispel, J., Wittneben, L., Slavchova, V., & Arling, V. (2021). Skala zur Messung der beruflichen Selbstwirksamkeitserwartung (BSW-5-Rev). Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen (ZIS). https://doi.org/10.6102/ZIS303
  • Neuenschwander, M. P. (2021). Schule und Beruf. In T. Hascher, T.-S. Idel, & W. Helsper (Hrsg.), Handbuch Schulforschung (S. 1–19). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-24734-8_33-1
  • Schellenberg, C., Krauss, A., Pfiffner, M., & Georgi-Tscherry, P. (2020). Inklusive Didaktik und Nachteilsausgleich an Berufs­fachschulen und Gymnasien.
  • Schmocker, B., Schmaeh, N., Anastasiou, K., Bonfadelli, L., Heimgartner, D., Hool, J., Krause, A., Kuhn, S., Steiner, M., Weber, N., & Baer, N. (2025). Biografie, Belastung, Wachstum und Erfolgsfaktoren von Lernenden in der dualen Berufsbildung in der Schweiz.
  • Sempert, W., & Kammermann, M. (2011). Über die Problematik der Berufsbildung im niederschwelligen Bereich. Zentrale Ergebnisse und weiterführende Gedanken aus der Evaluation der Praktischen Ausbildung (PrA) INSOS. Zeitschrift für Heilpädagogik.
  • Stalder, B. E., & Schmid, E. (2006). Lehrvertragsauflösungen, ihre Ursachen und Konsequenzen.
  • Stalder, B. E., & Schmid, E. (2008). Projektdokumentation LEVA: erste und zweite Erhebung.
  • Zemp, A., & Staub, J. (2022). Die inklusive Berufsausbildung: Revolution des zweiten Arbeitsmarkts?
     

Konferenzbeiträge