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«Transit»: Wenn Behinderung zur Flucht wird

Der neue Film von Produzent Christian Petzold, eine deutsch-französische Koproduktion, ist eine Offenbarung. Er ist so raffiniert gemacht, wie kaum ein anderer Film. «Transit» muss man gesehen haben, um die heutige Welt zu verstehen, insbesondere die Flüchtlingsthematik. Aber genauso vermittelt er neue Sichtweisen über Behinderung.

Der politische Flüchtling Georg (Franz Rogowski) gelangt durch Zufall in den Besitz der Ausweispapiere und eines Manuskripts des bekannten Schriftstellers Weidel, der sich in seinem Hotelzimmer das Leben genommen hat. Georg flüchtet mit dem beinamputierten Kameraden Heinz (Ronald Kukulies) im Zug nach Marseille. Während Heinz auf der Zugfahrt stirbt, erreicht Georg unbeschadet Marseille. Er überbringt die Nachricht von Heinz‘ Tod dessen gehörloser Frau Melissa (Maryam Zaree) und Sohn Driss (Lilien Batman), die wie viele andere illegal Schutz in der Hafenstadt gesucht haben. Georg freundet sich mit dem Jungen an und verbringt Zeit mit ihm.

Flucht und Flüchtlinge sind Hauptthema von «Transit». Nicht zuletzt im Kontext von Menschen mit Behinderung und deren Einschränkungen als Flucht vor sich selbst. Georg verbringt Zeit mit Melissa, die weder hören noch sprechen kann und aus dem Maghreb stammt. Melissa steht symbolisch für jene Flüchtlinge, die nichts zu sagen haben und weil sie nichts hört, kann sie die Umwelt um sich herum kaum wahrnehmen. Produzent Petzold zitiert in seinem Statement zum Film aus der Autobiographie des Schriftstellers Georg K. Glaser: «Plötzlich, am Ende meiner Flucht, war ich umgeben von etwas, was ich Geschichtsstille nannte.» Und auch in «Transit» wird Stillstand Bedeutung zugemessen: all die Flüchtlinge, die wegwollen und doch nicht können. Und wenn es doch gelingt zu flüchten, endet dies oft im Tod. Die gehörlose Melissa verkörpert all diese Zustände. In «Transit» ist Behinderung nur ein Nebenaspekt, der trotzdem eine wichtige symbolische Bedeutung hat. In der zweiten Filmhälfte wird Behinderung nicht mehr thematisiert, aber auch das kann dahingehend interpretiert werden, dass Menschen mit Behinderung ignoriert werden.

Seiner Identität darf sich niemand sicher sein, gerade in Beziehungen sind Personen in «Transit» nicht das, was sie vorgeben zu sein. Dies gilt genauso für Bilder und Dialoge, die in sich und zueinander widersprüchlich sein können. Wenn etwa auf der Erzählebene eine Person als nichtexistent angegeben wird, zeigen Bildsequenzen, wie sie die Strasse hinunterläuft. Auch tauchen in Einstellungen gleichzeitig Gegenwart und Vergangenheit auf: Weder Handys noch Computer sind sichtbar, aber die Autos sind aus der Jetztzeit. Der Begriff «Transit» bezeichnet einen Zwischenraum, der sich ebenfalls auf Behinderung beziehen lässt: Personen mit Behinderung sind zweifelsohne Menschen, und gehören doch nicht richtig dazu.

Der Film orientiert sich frei am gleichnamigen Roman der deutschen Schriftstellerin Anna Seghers. Von dessen Reichhaltigkeit und Komplexität wird jedoch nur ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben. Es ist ein Film, der keine faulen Kompromisse eingeht, alles in der Schwebe hält und auf den Kopf stellt. Ein unergründliches, verschachteltes Knäuel und ein filmisch umgesetztes Vexierbild. Der Film lässt sich aber genauso auf einer anderen Ebene geniessen: als bezaubernde Romanze oder spannender Thriller.

Autor: Achim Hättich, Dr. phil.

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