Reportage

Es ist viel mehr als nur draussen spielen

Im Konzept BEKOM entwickeln kleine Kinder ihre Kommunikation und Motorik durch Spielen und Entdecken. Videos unterstützen bei der spezifischen Sprachförderung.

Kontakt
Daniel
Jucker
Titel
lic. phil.
Funktion
Senior Lecturer

Die Spielgruppenkinder ziehen mit ihrem Handwagen durch den urbanen Raum oder in die Natur. Dabei machen sie Erfahrungen, die für ihre Entwicklung wichtig sind. Das ist aber noch nicht alles: Diese «Expeditionen», wie sie im Konzept «BEKOM» heissen, werden gefilmt. Und mit den Videos wird spezifische Spracharbeit betrieben – in der Kita durch Betreuerinnen und Logopäden und zuhause durch die Eltern.

Entwicklung nicht altersgemäss. «Wir suchten einen Weg, wie wir drei Dinge sinnvoll verknüpfen können: Das eigentliche Erlebnis, die Sprachförderung und die Ressourcen der Familie», erzählt Daniel Jucker, HfH-Dozent und Psychomotoriktherapeut. Gerade die Elternarbeit sei ein zentraler Pfeiler im Konzept «BEKOM». Das Kürzel steht für «Bewegung – Kommunikation – Mobilität». Viele Kinder, die Jucker in seiner Tätigkeit als Psychomotoriktherapeut sieht, sind in allen drei Bereichen «unterfordert», wie er es nennt. Wenn diese Kinder in den Kindergarten eintreten, können sie nicht nur kein Deutsch, sondern auch ihre Muttersprache nur rudimentär, ihre Bewegungskoordination und die soziale Interaktion: auffällig. «Das Problem ist gross», so Jucker, «und wenn man erst im Kindergarten mit der Förderung beginnt, ist das bei manchen viel zu spät. Diese Kinder holen das Verpasste nicht mehr auf.»

Alle Kinder dabei. Deshalb hat man bei Spielgruppen- und Kita-Kindern angesetzt. «Ganz zu Beginn haben wir einfach unsere Ausflüge mit Fotos und Videos dokumentiert», berichtet Jucker über die Anfänge des Projekts vor ein paar Jahren. «Daraus sind dann Fotobüchlein in einfacher Sprache entstanden, die wir den Eltern mitgegeben haben.» So konnten die Erlebnisse zu Hause nacherzählt oder noch besser: draussen noch einmal durchlebt werden. «Moos spüren» oder «Feuer machen» stand dann neben den Bildern. Mit der Zeit habe sich das immer mehr ausgeweitet und professionalisiert – unter anderem dank der finanziellen Unterstützung einer Stiftung. «Heute verfügen wir über hundert Videos von unseren Expeditionen, die sich nicht nur in der Arbeit mit den Kindern, sondern auch in der Aus- und Weiterbildung von Fachleuten sehr gut einsetzen lassen», meint der HfH-Dozent. Wichtiger Grundsatz bei BEKOM: «Wir arbeiten immer mit allen Kindern, nicht nur mit jenen, die auffällig sind.» Inklusion ist hier also nicht nur Etikett. «Kinder lernen in erster Linie voneinander und nicht von uns Erwachsenen», ist Jucker überzeugt. Und zweitens könne man direkt mit der Förderarbeit beginnen, ohne zuerst langwierige Diagnostik und Selektion durchführen zu müssen. «Der Hintergrund von BEKOM ist Prävention, nicht Therapie. Und davon profitieren alle Kinder», so Jucker.

Arbeit mit multiprofessionellen Teams. Und damit diese Prävention Wirkung zeigt, sind auf den BEKOM-Expeditionen immer Fachleute aus mehreren Disziplinen dabei: Psychomotorik, Logopädie und Betreuung, machmal auch noch eine Kindergartenlehrperson. «Das Setting ist nicht nur interdisziplinär, wo man nur zusammenkommt, um über Kinder zu sprechen, sonst aber alleine mit dem Kind arbeitet», erklärt Daniel Jucker den Unterschied. «Wir sind als echtes mutiprofessionelles Team gemeinsam unterwegs.» Und dabei sei ihm wichtig, dass alle beteiligten Erwachsenen permanent in der Interaktion mit den Kindern seien. «Es ist nicht die Idee, dass die Erwachsenen zusammen plaudern und die Kinder nebenher spielen lassen», so Jucker, «hinter BEKOM steckt viel mehr als nur draussen spielen.» Worauf die Erwachsenen dabei besonders achten, und warum sie die Kinder kaum loben, erklärt Daniel Jucker im nachfolgenden Video-Interview.

Video-Interview mit Daniel Jucker

Autoren: Dr. Steff Aellig und Dr. Dominik Gyseler, HfH-Wissenschaftskommunikation