Geistige Behinderung und psychische Störung

Tagungsrückblick

Im Schatten einer geistigen Behinderung werden psychische Störungen manchmal nicht als solche erkannt – mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen und deren Umfeld. In der Tagung «Geistige Behinderung und psychische Störung» vom 17. November 2017 wurden diese Probleme hell beleuchtet. Wussten Sie zum Beispiel, dass bei einer Eskalation der Selbstschutz zwingend an erster Stelle stehen sollte?

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Der junge Erwachsene im Wohnheim hat eine besondere Fähigkeit: Er kann den Betreuerinnen aus vier Metern Entfernung genau ins Gesicht spucken. Im Therapiezimmer, am Mittagstisch, in der Pause. Immer und immer wieder. Eine Provokation? «Nein, das ist ein Hilferuf», sagt die Heilpädagogin Olivia Lutz. «Jede Eskalation ist ein Versuch, sich mitzuteilen.»

Hinter einem herausfordernden Verhalten stecken häufig noch andere Ursachen als die geistige Behinderung. Das können etwa Symptome psychischer Störungen sein wie Ängste, Zwänge, Depressionen – oder Aggressionen wie im Beispiel des jungen Erwachsenen. Manchmal liegen aber auch Epilepsien oder die Folgen einer Traumatisierung vor. Im Schatten der geistigen Behinderung werden diese Ursachen jedoch häufig nicht differenziert wahrgenommen, wie die folgende Infografik zeigt.

Grafik «im Schatten der geistigen Behinderung»: Hinter geistigen Behinderungen stecken oft noch andere Erkrankungen wie psychische Störungen (18 bis 23 Prozent haben Ängste, Depressionen etc.), Epilepsie (30 Prozent sind betroffen) oder Traumata (das Risiko ist drei- bis viermal erhöht).

«Dieses sogenannte Overshadowing erschwert eine präzise Problemanalyse», sagt der Heilpädagoge Alois Grüter. Leuchtet man den ganzen Menschen, seine Biografie und Umwelt jedoch gut aus, wird eine ganze Palette an Zugängen ersichtlich. Die Basis der Förderung ist eine tragfähige Beziehung. «Es braucht eine psychische Begleitung dieser Menschen», sagt Alois Grüter. Bei Medikamenten dagegen fällt die Bilanz gemischt aus. Neuroleptika etwa können bei diagnostizierten psychischen Störungen sinnvoll sein, nützen aber bei gelernten Aggressionen wie der des Spuckens nicht. «In der Praxis wird zwar immer wieder versucht, diese Abkürzung zu nehmen», sagt der Psychiater Christian Schanze, aber ohne Erfolg: «Das führt in eine Sackgasse.» Vielmehr sind pädagogisch-therapeutische Interventionen angezeigt. Olivia Lutz rät den Betreuungspersonen im Beispiel des Spuckenden zunächst einmal zum Selbstschutz: «Wenn er spuckt, dann drehen Sie sich um und zählen innerlich bis drei.» In anderen Fällen kann auch der originelle Einsatz einer Wolldecke Teil des Erfolgsrezepts sein. Wie das genau geht? Das erfahren Sie in der Film-Reportage.

Autoren: Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation HfH

Dokumente

Informationen zum Video. Zu Beginn wird der Text «Geistige Behinderung und psychische Störung, Film zu Tagung» eingeblendet. Die Referenten und Referentinnen werden im Abspann erwähnt.

Folgende Themen werden diskutiert:

  • 0:06: Das Problem: Herausforderndes Verhalten
  • 2:44: Die Analyse: Ursachen im Schatten der geistigen Behinderung
  • 5:21: Die Massnahmen: Es lebe die Extrawurst!

Film zur HfH-Tagung «Geistige Behinderung und psychische Störung»

Video-Abspann in Textform

Geistige Behinderung und psychische Störung, Film zu Tagung

  • Tagungsleitung und Moderation: Verena Kostka und Lars Mohr
  • Begrüssung: Barbara Fäh
  • Tagungskoordination: Sandra Hiltbrunner
  • Tagungssekretariat: Ereleta Mehmeti
  • Foto, Ton, Technik: Reto Schürch, Sandro Raveane und Alexandra Meyer
  • Technik, Kamera, Schnitt: Beni Schafheitle, www.pixair.ch
  • Konzeption und Regie: Steff Aellig und Dominik Gyseler

Referenten und Referentinnen

  • Trudy Aebischer (Schulische Heilpädagogin, Gesamtleiterin Stiftung Sonderschulheim Mätteli, Münchenbuchsee (BE))
  • Alois Grüter (Heilpädagoge und Supervisor, Leiter Heilpädagogisch-Psychiatrische Fachstelle der Luzerner Psychiatrie)
  • Lic. phil. Verena Kostka (Sonderpädagogin, Dozentin HfH Zürich; Tagungsleitung)
  • Lic. phil. Olivia Lutz (Heilpädagogin und Supervisorin, Fach- und Krisenberatung, Basel)
  • Dipl. Psych. Birgit Mayer (Psychologin, Agogische Leitung Wohnheim Tilia, Rheinau (ZH))
  • Dr. phil. Lars Mohr (Sonderpädagoge, Dozent HfH Zürich; Tagungsleitung)
  • Dr. med. Andrea Preiss (Kinder- und Jugendpsychiaterin, Fachstelle Entwicklungspsychiatrie für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung, Psychiatrische Universitätsklinik, Zürich)
  • Dr. phil. Nicole Rihs (Sozial- und Sonderpädagogin, Bildung und Entwicklung Sozial- und Sonderpädagogik, EPI WohnWerk, Schweizerische Epilepsie-Stiftung, Zürich)
  • Lic. phil. Judith Ruben (Sozial- und Sonderpädagogin, Bildung und Entwicklung Sozial- und Sonderpädagogik, EPI WohnWerk, Schweizer Epilepsie-Stiftung, Zürich)
  • Eva Ruchti (Heilpädagogin, IFJ, Stiftung Bühl, Wädenswil (ZH))
  • Dr. med Christian Schanze (Psychiater und Pädagoge, Supervision, Beratung und Ausbildung, Schwifting (D))
  • Stefan Stauffenegger (Sozialpädagoge, Bereichsleiter Kriseninterventionsgruppe und Therapien, Stiftung Sonderschulheim Mätteli Münchenbuchsee (BE))

Tagungen

Zu aktuellen Themen finden regelmässig Tagungen an der HfH statt. Sie ermöglichen Ihnen, sich innert kürzester Zeit auf den neusten Stand der Fachdiskussion zu bringen und bieten Ihnen die Gelegenheit, mit den Referenten und Referentinnen sowie anderen Fachleuten ins Gespräch zu kommen. Zu den aktuellen Tagungen