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09.11.2021

Diversity Lunch Talk: Chancengerechtigkeit in der Bildung

Anhand aktueller Forschungsergebnisse zeigte Mirjam Eser Davolio Ungleichbehandlungen in der Bildung und Unterschiede in der Bildungsmobilität junger Menschen in der Schweiz auf, vor dem Hintergrund ihrer kulturellen und sozialen Herkunft.

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Chantal
Deuss
Titel
lic. rer. soc.
Funktion
Advanced Consultant

Prof. Dr. Mirjam Eser Davolio ist Dozentin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe an der ZHAW Soziale Arbeit, wo sie unter anderem zu Extremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit forscht. An der Online-Veranstaltung der HfH sprach sie über den Einfluss von kultureller und sozialer Herkunft auf Bildung.

Schweizer Bildungsschere bildet Benachteiligungen ab

Ihren reichhaltigen Vortrag beginnt Mirjam Eser mit der Abbildung einer Schere, welche deutlich macht, dass sich die Benachteiligungen auch im schweizerischen Bildungssystem facettenreich zeigen und sich aus individuellen, familiären und gesellschaftlichen Aspekte zusammensetzen. Angefangen in der frühen Kindheit durchlaufen Menschen mit Migrationserfahrung oder Migrationshintergrund eine «Laufbahn», welche sich durch die Schulzeit zieht und sich auf die Berufswahl sowie auf das Berufsleben auswirkt – und letztlich auch auf das lebenslange Lernen beispielsweise in Form von Weiterbildungen.

Fördern und fordern?

Mirjam Eser nimmt in ihrer Präsentation Bezug auf die Zeppelin-Studie von Prof. Dr. Andrea Lanfranchi (HfH). Wie die Zeppelin-Studie eindrücklich zeigt, leistet die Förderung ab der frühen Kindheit einen zentralen Beitrag zur Verbesserung von Bildungschancen. Förderungsangebote haben zum Ziel das soziale Umfeld der Kinder, konkret die Familie, zu stärken. Gleichzeitig hält sich in der Schweiz nach wie vor die Vorstellung, dass wer Förderung erhält auch gefordert ist, sich zu integrieren. Ein konkretes Beispiel sind die Spielgruppen für fremdsprachige Kinder im Kanton Basel-Stadt. Diese Verknüpfung von fördern und fordern bildet eine Hemmschwelle und negiert, dass spezielle Angebote, wie Lerngruppen, für alle Kinder angeboten werden sollten. Denn Kinder lernen viel von anderen Kindern.

Migration als Prädikator für Bildungsmobilität und Berufschancen?

Ja, ein Migrationsvorder- oder hintergrund ist ein wesentlicher Faktor, ob ein Kind oder eine Jugendliche in der Schule gut abschneidet, die Chance erhält, ihren Traumberuf auszuüben und sich lebenslang weiterzubilden. Prof. Dr. Eser betont an dieser Stelle, dass dies stark abhängig davon ist, aus welchen Ländern die Familien stammen. Menschen, auch in zweiter Generation, aus Portugal, der Türkei oder dem Balkan sind um ein Vielfaches stärker stigmatisiert und dadurch wesentlich mehr benachteiligt, als solche aus Deutschland, England oder Frankreich.

Die zweite Generation – wird es besser?

Nicht nur Förderung und spezielle Programme sind wichtig, auch Zugehörigkeit – explizit in Form von Einbürgerung – ist ein Prädiktor für einen Aufstieg in der zweiten Generation (Aufwärtsmobilität). Mirjam Eser verweist auf ein Paradoxon der zweiten Generation (Bolzmann, Fibbi & Vial, 2003): «Junge Menschen ausländischer Herkunft zeigen praktisch identische Erfolge (Bildung, Statusposition, Lebenssituation) wie Einheimische gleichen Milieus.» Aber dennoch: «Jugendliche aus Einwandererfamilien sind in Klassen mit Schwierigkeiten oft übervertreten.» Eingebürgerte Secondas sind die Gruppe, welche sich in den letzten Jahren am erfolgreichsten positionieren konnte. Dies kann damit zusammenhängen, dass bei höherer Bildung der Eltern, eine Einbürgerung wahrscheinlicher ist.

Bedeutung für die Hochschule

Wie Forschungsergebnisse zeigen, spielen sich viele persönliche Diskriminierungserfahrungen in der Schule und im Studium ab. Die Diskussion am Ende des Vortrages machte unter anderem deutlich, dass die Bewertung der Sprachfähigkeit zur Aufnahme eines Studiums in einer pädagogischen und/oder pädagogisch-therapeutischen Disziplin relativiert werden sollte, um Bewerber:innen mit Migrationshintergrund zu gewinnen. Auch als Arbeitgeberin ist die Hochschule gefragt. Hochqualifizierte Migrant:innen erster Generation, vor allem aus Entwicklungsländern, werden bei der Stellensuche häufig diskriminiert. Diese Tatsache kann die Hochschule bewusst antizipieren. Zum Beispiel in der aktiven positiven Wertschätzung der Bi-Kulturalität ihrer Mitarbeiter:innen und Anerkennung von Zwei- oder Mehrsprachigkeit als Ressource. Die Hochschule kann viel zur gesellschaftlichen Aufnahmefähigkeit von Menschen aus anderen Ländern beitragen, in dem sie diese mit dem Integrationspotenzial einzelner Menschen zusammen denkt und das Thema kulturelle und soziale Herkunft aktiv angeht.

Der Diversity Lunch Talk zum Thema «Chancengerechtigkeit in der Bildung» fand am 4. November 2021 statt. An der Online-Veranstaltung nahmen 30 Personen teil, aus dem Hochschulkontext und aus der Praxis.

Veranstaltungsreihe Diversity Lunch Talk

Die Veranstaltungsreihe Diversity Lunch Talk der Stabsstelle Diversity und Gleichstellung ist öffentlich. Zweimal jährlich über Mittag bietet der Diversity Lunch Talk der HfH ein niederschwelliges Angebot zur Sensibilisierung von Student:innen und Mitarbeiter:innen sowie Interessierten aus dem Hochschulkontext. Namhafte Gäste nehmen aktuelle Themen auf, teilen ihre Erfahrungen und diskutieren diese mit dem Publikum. Weitere Veranstaltungen finden Sie in der Agenda.