Grenzen der Integration

Reportage

Integration vor Separation – darin sind sich alle einig. Doch wann ist es nicht mehr sinnvoll, ein Kind schulisch zu integrieren? Drei Beispiele aus Ringvorlesungen der HfH.

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Menschen mit Autismus haben dasselbe Spektrum an Gefühlen wie wir – aber sie ticken anders. «Wir sind zu schnell für sie, zu wenig voraussagbar, zu wenig verlässlich, zu stressig», sagt Elwira Wolgensinger von der Beratungsstelle Kind&Autismus in Urdorf. Deshalb hätten Autisten Mühe, mit uns in Beziehung zu treten. Es müssten aber beide Seiten aufeinander zugehen. Kinder mit Autismus müssen in der Schule gezielt beim sozialen Lernen unterstützt werden, indem man ihnen spezielle Programme anbietet, mit Visualisierungen arbeitet und das Tempo verlangsamt. Wir wiederum müssen Regeln des Zusammenlebens, die für uns selbstverständlich sind, transparent machen und pädagogisch aufgreifen – so zum Beispiel: «Warum darf man keine Geräusche machen im Unterricht? Wie holt man sich Hilfe, wenn man fertig ist oder nicht mehr weiter weiss? Das sind Fragen, die man sich stellen muss», so die Psychotherapeutin in der Tagesklinik für Kinder des KJPP Zürich.

Grenzen der Integration zeigen sich dann, wenn einzelne Akteure im System überfordert sind. Damit diese Grenzen auf Seiten der Schule ausgedehnt werden können, brauche es in erster Linie Fachwissen, so Wolgensinger. Was darüber hinaus eine autismusfreundliche Schule auszeichnet, erfahren Sie im Video-Interview.

Informationen zum Video. Das Interview wird geführt von Dr. Steff Aellig (Wissenschaftskommunikation HfH). Der Gesprächsgast ist MSc Elwira Wolgensinger (Beratungsstelle Stiftung Kind & Autismus).

Video-Interview mit Elwira Wolgensinger über autismusfreundliche Schulen

Video-Abspann in Textform

Interview mit Elwira Wollgensinger, MSc (Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Beratungsstelle Stiftung Kind & Autismus) im Rahmen der HfH Ringvorlesungsreihe «Integration korrekt - aus dem Nähkästchen geplaudert» (20.11.2019)

  • Interview: Dr. Steff Aellig
  • Kamera & Ton: Beni Schafheitle, www.pixair.ch
  • Produktion: Steff Aellig, Dr. und Dominik Gyseler, Dr. (Wissenschaftskommunikation HfH)

In der Schweiz gibt es derzeit rund 170 Kinder und Jugendliche mit einer Hörsehbehinderung. Das Spektrum reicht von der Regelschülerin mit Hörsehbehinderung und Lautsprache, die dank Beratung und Unterstützung voll in der Unterstufe integriert ist, bis zum Sonderschüler mit starker Hörsehbehinderung und Cerebralparese. «Die Förderung dieser Menschen stellt eine enorme Herausforderung dar», sagte Mirko Baur, Gesamtleiter der Schweizerischen Stiftung für Taubblinde «Tanne» in Langnau am Albis. Wie setzt man einen Screenreader ein, wenn das Kind kaum hört und sieht? Was ist mit Gebärden, wenn der gehörlose Jugendliche nur eine schemenhafte Wahrnehmung hat? «Es braucht eine spezifische Spezialisierung», fasste Mirko Baur die erforderlichen Kompetenzen der Fachpersonen zusammen. Wo die Grenzen der schulischen Integration liegen, hängt aber nicht nur vom Schweregrad der Beeinträchtigung und von der Expertise der Fachpersonen ab, sondern muss ganz individuell beurteilt werden: «Schulische Integration muss im Einzelfall sinnvoll sein – für dieses Kind, in dieser Schule, mit diesen Lehrpersonen, in diesem Ort.»

Informationen zum Video. Das Interview wird geführt von Dr. Steff Aellig (Wissenschaftskommunikation HfH). Der Gesprächsgast ist lic. phil. Mirko Baur (Gesamtleiter Tanne).

Video-Interview mit Mirko Baur über Schulische Integration

Video-Abspann in Textform

Interview mit Mirko Baur, lic. phil. (Gesamtleiter Tanne (Schweizerische Stiftung für Taubblinde)) im Rahmen der HfH Ringvorlesungsreihe «Integration korrekt - aus dem Nähkästchen geplaudert» (11.09.2019)

  • Interview: Dr. Steff Aellig
  • Kamera & Ton: Beni Schafheitle, www.pixair.ch
  • Produktion: Steff Aellig, Dr. und Dominik Gyseler, Dr. (Wissenschaftskommunikation HfH)

Die Grenzen zeigen sich auch bei der beruflichen Integration – trotz aller Bemühungen. «Die Abkürzung BSFH steht heute für den Ansatz der Schule: Bilden, Stärken, Fördern, Herausfordern», sagte Markus Wyss, Rektor der Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung (BSFH) in Zürich-Oerlikon. Die BSFH bietet angepassten Unterricht für etwa 80 verschiedene Berufe an. Zentral dabei ist die sozio-emotionale Begleitung der Lernenden. «Der offensive Umgang mit dem Handicap ist das A und O für einen erfolgreichen Berufseinstieg», sagt Markus Wyss. Dabei gehe es zum Beispiel darum zu lernen, wo die eigenen Grenzen seien und diese zu akzeptieren. Andererseits müssen den jungen Erwachsenen auch ihre Stärken bewusst gemacht werden: «Selbstvertrauen, Beharrlichkeit und Wille sind Grundvoraussetzungen für den beruflichen Erfolg», fasst er zusammen. Häufig gelingt dies. Doch Markus Wyss warnt auch vor möglichen Nebenwirkungen forcierter integrativer Lösungen: «Wenn Jugendliche mit Einschränkungen schon zu lange in Schule, Beruf und Alltag funktionieren mussten, dann können sich Überlastungssymptome einstellen – und als Folge davon auch gravierende psychische Störungen», so Wyss. In welcher Form und wie lange integrative Lösungen sinnvoll seien, könne deshalb nur im Einzelfall geprüft werden.

Informationen zum Video. Das Interview wird geführt von Dr. Steff Aellig (Wissenschaftskommunikation HfH). Der Gesprächsgast ist lic. phil. Markus Wyss (Rektor BSFH). Während dem ganzen Video sieht man eine Gebärdensprachdolmetscherin.

Video-Interview mit Markus Wyss, Rektor der BSFH

Video-Abspann in Textform

Interview mit Markus Wyss, lic. phil. (Rektor an der BSFH (Berufsfachschule für Lernende mit Hör- und Kommunikationsbehinderung)) im Rahmen der HfH Ringvorlesungsreihe «Integration korrekt - aus dem Nähkästchen geplaudert» (14.03.2019)

  • Interview: Dr. Steff Aellig
  • Gebärdensprachdolmetscherin: Corinne Stutz
  • Kamera & Ton: Beni Schafheitle, www.pixair.ch
  • Produktion: Steff Aellig, Dr. und Dominik Gyseler, Dr. (Wissenschaftskommunikation HfH)