Tagungsrückblick

Heterogenität ist schlicht ein Fakt

An ihrer dritten Jahrestagung gibt die «Swiss Society for Early Childhood Research» Einblicke in den internationalen Forschungsstand zur frühen Kindheit.

Kontakt
Andrea
Lanfranchi
Titel
Prof. Dr.
Funktion
Leiter Institut für Professionalisierung und Systementwicklung / Professor

#comebackstronger: So lautet das Motto der Jahrestagung der «Swiss Society for Early Childhood Research» (SSECR). «Forschung zur frühen Kindheit ist zentral und hat eine hohe heilpädagogische Relevanz», meint Andrea Lanfranchi, Professor an der HfH und Mitorganisator der SSECR-Jahrestagung. Deshalb bietet die HfH den Forschenden aus verschiedenen Ländern eine Plattform, um ihre Resultate zu präsentieren (siehe Video-Interview am Ende dieses Beitrags).

Stress ist häufig, die Art der Bewältigung relevant. Ein wichtiges Thema an der Tagung war Stress bei kleinen Kindern. «Kinder erleben dann Stress, wenn die Anforderungen der Umwelt die eigenen Reaktionsmöglichkeiten übersteigen», fasst es Lieselotte Ahnert zusammen. Und dies, so die emeritierte Professorin der Freien Universität Berlin, komme häufiger vor, als man meint – auch in ganz normalen Familien. In der so genannten Trotzphase zum Beispiel, wo Eltern irritiert mitansehen müssen, wie sich ihr Kind im Supermarkt schreiend auf den Boden wirft, wenn es die Süssigkeiten nicht bekommen kann. Relevant an solch alltäglichen Situationen: Wie das Kind solche Momente erlebt, prägt seinen Umgang mit Stress im späteren Leben – in Schule, Beruf oder in der Beziehung. Und Eltern haben einen entscheidenden Einfluss darauf.

Sind Väter die besseren Mütter? «Wir haben in experimentellen Situationen bei kleinen Kindern Frustrationen provoziert», erklärt Ahnert ihre Forschung. So durften Kinder mit einem Kuscheltier spielen, das dann plötzlich in einer geschlossenen Box versorgt wird. «Kinder gehen ganz unterschiedliche mit diesem Frust um», so Ahnert. Und auch bei den Eltern gebe es grosse Unterschiede in der Reaktion auf den Stress ihres Kindes. Überraschend: «Die grössten Unterschiede haben wir zwischen Vätern und Müttern gefunden», fasst Ahnert die Befunde ihrer Forschung zusammen. «Mütter wollen ihr Kind vor allem beschützen und trösten. Väter dagegen lenken ab oder suchen Lösungen, um aus der stressauslösenden Situation heraus zu kommen.» Und was ist besser für das Kind? «Die väterliche Reaktion scheint förderlicher für die kindliche Entwicklung zu sein», bringt es Ahnert auf den Punkt. Wie sich Stress im Körper von kleinen Kindern nachweisen lässt und wann Stress zum Problem werden kann, erklärt Lieselotte Ahnert im nachfolgenden Video-Interview.

Video-Interview mit Prof. Dr. Liselotte Ahnert

Heterogenität ist ein Fakt. In solchen Situationen stellt sich die Frage: Wie gross ist die Bandbreite bei kleinen Kindern? Heterogenität ist seit Jahrzehnten einer der Forschungsschwerpunkte von Oskar Jenni, dem leitenden Arzt der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich. Ganz bewusst bezeichnet Jenni es als «Vielfalt» und will damit sagen: «Heterogenität ist schlicht ein Fakt, den wir nicht wegdiskutieren können, sie ist einfach da.» In der pädagogischen Arbeit gehe es deshalb vor allem darum, diese Vielfalt zu akzeptieren und einen konstruktiven Umgang mit ihr zu finden. «Wir müssen das Beste draus machen. Und letztlich brauchen wir ja Vielfalt, damit unsere Gesellschaft als solche funktioniert», ist Jenni überzeugt.

Eine Frage der Passung. Doch in der Schule wird Heterogenität nicht nur als Chance, sondern vor allem als Herausforderung empfunden. «Diese Belastungen im Schulumfeld muss man ernst nehmen», meint Oskar Jenni. «Aber wir kommen nicht drum herum, uns auf die Entwicklungseigenheiten der Kinder einzustellen und den Unterricht entsprechend zu adaptieren.» Was es vor allem brauche: Eine Passung zwischen den Erwartungen der Erwachsenen – in der Schule, aber auch in der Familie – und der Leistungsfähigkeit der Kinder. Und trotzdem: Es gibt Kinder mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen, die durch die Angebote der Regelschule schwierig zu bedienen sind. Das seien aber nur ganz wenige, wie Oskar Jenni im nachfolgenden Video-Interview ausführt.

Video-Interview mit Oskar Jenni

Andrea Lanfranchi ist als Mitorganisator sehr zufrieden mit Inhalt und Qualität der Forschungsbeiträge. Nach einem Jahr Covid-Pause hat die SSECR-Jahrestagung wieder zahlreiche Teilnehmende angezogen. Was gibt es für Neuigkeiten zum Thema frühe Kindheit? «Covid an sich ist natürlich ein ganz neues Forschungsfeld», meint Lanfranchi. Zum Beispiel die Frage, wie kleine Kinder emotional auf Masken reagierten. Und? «Ganz normal!», gibt der HfH-Professor Entwarnung. «Das Erleben der Kinder ist nicht beeinträchtigt, wenn die erwachsenen Bezugspersonen Masken tragen. Da haben wir uns unnötig Sorgen gemacht.» Wieso wir noch stärker in die frühe Förderung investieren sollten statt immer nur die Schule zu kritisieren, erklärt Andrea Lanfranchi im nachfolgenden Video-Interview.

Video-Interview mit Prof. Dr. Andrea Lanfranchi

Die dritte Jahrestagung der «Swiss Society for Early Childhood Research» (SSECR) fand am 23./24. November 2021 an der HfH statt. Verschiedene HfH-Forschende haben sich mit Tagungsbeiträgen beteiligt. Im Organisationskomitee waren Karina Iskrzycki (SSECR) und Andrea Lanfranchi (HfH). Der Anlass wurde gesponsert von der Jacobs Foundation, von MAM und der HfH.

Autoren: Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation HfH

 

Tagungen

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