Lerncoaching
Kategorie Institutsthema
Lernende sollen das eigene Lernen planen, steuern und reflektieren können – aber wie können diese überfachlichen Kompetenzen gestärkt werden? Der Beitrag zeigt auf, was unter Lerncoaching zu verstehen ist und gibt Inputs für die Gestaltung der Lernprozesse im schulischen Kontext.
Zeitgemässer Unterricht geht über die reine Vermittlung fachlicher Inhalte hinaus und zielt darauf ab, Lernende in der Entwicklung überfachlicher Kompetenzen gezielt zu unterstützen. Dazu gehört insbesondere die Fähigkeit zum selbstregulierten Lernen, also das eigene Lernen planen, steuern und reflektieren zu können. Diese Kompetenzorientierung bildet entsprechend dem Lehrplan 21 die Grundlage schulischen Lernens und verändert zugleich das professionelle Selbstverständnis von Lehrpersonen: Ihre Rolle verschiebt sich von der primären Wissensvermittlung hin zur aktiven Lernbegleitung und zum Lerncoaching. Dieser Beitrag zeigt auf, was unter Lerncoaching verstanden wird, welche zentralen Merkmale es auszeichnen und welche Bedeutung es für die Gestaltung von Lernprozessen im schulischen Kontext hat.
Was ist Lerncoaching?
Lerncoaching unterstützt Lernende dabei, ihr Lernen zunehmend eigenverantwortlich und reflektiert zu gestalten und ihre Fähigkeiten zum selbstregulierten Lernen gezielt weiterzuentwickeln. Im Zentrum stehen strukturierte Gespräche, in denen Lernende ihre Ziele klären, Strategien reflektieren und nächste Schritte planen. Lerncoaching kann sowohl im Unterricht als auch darüber hinaus stattfinden und von Lehrpersonen oder weiteren Fachpersonen übernommen werden.
Lerncoaching ist ressourcenorientiert: Es knüpft an Stärken, Interessen und bereits vorhandene Kompetenzen der Lernenden an. Gleichzeitig verfolgt es einen ganzheitlichen Ansatz, indem neben fachlichen auch kognitive, motivational-emotionale, soziale und organisatorische Aspekte des Lernens berücksichtigt werden. Inhalte, Methoden und Tempo der Begleitung werden individuell auf die jeweilige Situation abgestimmt. In diesem Verständnis stellt Lerncoaching eine zielgerichtete, ressourcenorientierte, ganzheitliche und passgenaue Form der Lernbegleitung dar (Hagmann-von Arx & Müller Bösch, 2026).
Lerncoaching ist keine Nachhilfe – vielmehr zielt es darauf ab, zukünftiges Lernen zu verbessern. Ebenso ist es keine Therapie, kein Notfallinstrument und kein Zaubermittel. Beim Lerncoaching handelt es sich um eine Begleitung mit Blick auf längerfristige Lernziele, bei der der Lernprozess im Zentrum steht. Lerncoaching kann als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden werden.
Merkmale des Lerncoachings
Dialogisch: Lerncoaching basiert auf strukturierten Gesprächen, die Reflexion und Perspektivenwechsel ermöglichen.
Ganzheitlich: Neben fachlichen werden auch kognitive, motivational-emotionale, soziale und organisatorische Aspekte des Lernens berücksichtigt.
Hilfe zur Selbsthilfe: Lerncoaching stärkt die Fähigkeit der Lernenden, ihr Lernen eigenständig zu gestalten.
Individuell abgestimmt: Inhalte, Methoden und Tempo werden passgenau auf die jeweilige Situation der Lernenden ausgerichtet.
Längerfristig ausgerichtet: Die Lernbegleitung zielt auf nachhaltige Entwicklungen und längerfristige Lernziele ab.
Prozessorientiert: Im Fokus steht der Lernprozess und die Entwicklung nachhaltiger Strategien.
Ressourcenorientiert: Stärken, Interessen und vorhandene Kompetenzen der Lernenden werden gezielt einbezogen und gestärkt.
Zielgerichtet: Lerncoaching setzt an konkreten, individuell vereinbarten Zielen an.
Themen im Lerncoaching
Lerncoaching ist besonders dann hilfreich, wenn Lernende ihr Lernen als herausfordernd erleben oder ihre Lernprozesse weiterentwickeln möchten. Typische Anlässe sind beispielsweise Schwierigkeiten, mit dem Lernen zu beginnen oder dranzubleiben, fehlende Struktur im Lernprozess, Konzentrationsprobleme oder ein geringer Zugang zu wirksamen Lernstrategien. Auch bei Motivationsschwierigkeiten, Unsicherheiten im Umgang mit Anforderungen oder bei der Vorbereitung auf Prüfungen kann Lerncoaching gezielt unterstützen. Darüber hinaus eignet sich Lerncoaching nicht nur zur Bewältigung von Herausforderungen, sondern auch zur Weiterentwicklung bereits vorhandener Kompetenzen – etwa um Lernstrategien zu optimieren, die Selbststeuerung zu stärken oder das eigene Lernen bewusster zu gestalten. Im Lerncoaching werden diese Themen stets in Bezug zur individuellen Situation der Lernenden bearbeitet, mit dem Ziel, ihr Lernen nachhaltig zu verbessern und ihre Selbststeuerung zu stärken.
Beispiele aus der Praxis
Esra hat Mühe, mit Lernaufgaben zu beginnen, und schiebt diese häufig vor sich her. Im Lerncoaching wird gemeinsam geklärt, was ihr den Einstieg erschwert und welche Gedanken dabei eine Rolle spielen. Anschliessend entwickeln Lerncoach und Schülerin konkrete Strategien, etwa ein Einstiegsritual, feste Startzeiten oder klare erste Handlungsschritte. Diese werden im Alltag erprobt und im Unterricht aufgegriffen. So gelingt es ihr zunehmend, leichter in den Lernprozess zu kommen und Aufgaben selbstständiger anzugehen. (Thema: Motivation)
Miro lässt sich im Unterricht leicht ablenken und hat Mühe, bei Aufgaben dranzubleiben. Im Lerncoaching wird analysiert, in welchen Situationen die Konzentration besonders schwerfällt. Gemeinsam werden Strategien entwickelt, wie etwa kurze Arbeitsphasen mit klaren Zielen, reduzieren der Ablenkungen oder einfache Strukturierungshilfen. Im Unterricht werden diese gezielt eingesetzt und reflektiert, sodass der Schüler seine Aufmerksamkeit zunehmend besser steuern kann. (Thema: Konzentration)
Nora reagiert vor Prüfungen mit starker Nervosität und ist während der Aufgabenbearbeitung blockiert. Im Lerncoaching werden zunächst ihre Gedanken und Gefühle rund um Prüfungssituationen thematisiert. Anschliessend werden Strategien zur Emotionsregulation sowie konkrete Vorgehensweisen für die Prüfung erarbeitet, etwa Atemtechniken oder ein klarer Ablaufplan. Durch wiederholtes Üben gewinnt sie Sicherheit und kann Prüfungen zunehmend ruhiger angehen. (Thema: Prüfungskompetenz)
Leo hat Mühe, mit starken Emotionen umzugehen, und reagiert in belastenden Situationen schnell mit Wut. Im Lerncoaching wird gemeinsam erarbeitet, in welchen Momenten diese Gefühle auftreten und was ihm helfen könnte, damit umzugehen. Daraus entsteht die Idee einer «Wutkiste» mit Materialien und Strategien zur Beruhigung. Diese wird im Klassenzimmer eingerichtet und steht allen Schüler:innen zur Verfügung. So lernt der Schüler, seine Emotionen besser zu regulieren, und gleichzeitig wird ein unterstützendes Angebot für die gesamte Klasse geschaffen. (Thema: Emotionsregulation)
Sprache im Lerncoaching und die Kraft der Fragen
Lerncoaching entfaltet seine Wirkung vor allem durch Sprache. Statt Ratschläge zu geben, fördern offene und lösungsorientierte Fragen die Lernenden darin, neue Sichtweisen zu entwickeln, eigene Ressourcen zu erkennen und ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern (Steiner & Berg, 2016; Retzlaff, 2019). Der Fokus richtet sich dabei auf Stärken, bereits Erreichtes und angestrebte Entwicklungen. Im nachfolgenden Element zum Aufklappen sind verschiedene Typen von offenen, lösungsorientierten Fragen aufgelistet.
Lösungsorientierte Fragetypen
Ausnahmefragen können positive Ausnahmen sichtbar machen: Wann war es anders? Wann hat es funktioniert? Wie hast du dich damals verhalten?
Skalierungsfragen können Entwicklung sichtbar machen: Auf einer Skala von 1 bis 10, wo stehst du? Was tust du dafür, dass du schon so weit bist? Wo möchtest du hin? Was hast du bei dieser Zahl erreicht?
Wunder- und Feenfragen können Visionen und Ziele aktivieren: Stell dir vor, ein Wunder ist geschehen und alle deine Probleme sind über Nacht verschwunden. Woran merkst du das? Was ist anders?
Bewältigungsfragen können Ressourcen und bisherige Strategien aufzeigen: Wie schaffst du es, mit schwierigen Zeiten umzugehen? Was hilft dir durchzuhalten?
Hypothetische Zukunftsfragen können neue Perspektiven eröffnen und Handlungsspielräume erweitern: Angenommen, du gehst motiviert zur Schule, wie würde sich das zeigen? Welche Folgen hätte es, wenn du die Prüfung nicht bestehen würdest?
Reframing-Fragen können Probleme neu deuten und positive Aspekte erkennen lassen: Welche Vorteile könnte dein Problem haben? In welchen Situationen hilft dir dieses Verhalten? Was könnte das Gute an der Schwierigkeit sein?
Zirkuläre Fragen können Perspektivwechsel ermöglichen: Was erwarten deine Eltern von dir? Was würde deine Lehrperson über dein Lernverhalten sagen? Was denken deine Freund:innen darüber?
So läuft ein Lerncoaching ab
Das Lerncoaching folgt in der Regel einem strukturierten, aber flexibel handhabbaren Ablauf. Zu Beginn steht der Beziehungsaufbau, der durch eine wertschätzende Haltung sowie kurze Gesprächseinstiege (z. B. Aufgreifen der aktuellen Befindlichkeit) unterstützt wird. Anschliessend wird das Anliegen der Lernenden geklärt und präzisiert. Darauf folgt eine Phase der Informationsgewinnung, in der sowohl Herausforderungen als auch vorhandene Ressourcen sowie die aktuelle Lernsituation in den Blick genommen werden. Auf dieser Grundlage werden gemeinsam Ziele erarbeitet, die als Orientierung für den weiteren Prozess dienen.
In der anschliessenden Lösungsarbeit entwickeln Lernende passende Strategien, Methoden und Techniken. Ein zentraler Schritt im Lerncoaching ist der Transfer in den Alltag, bei dem konkrete nächste Handlungsschritte vorausgedacht und geplant werden. Gerade im schulischen Kontext ist es entscheidend, diesen Transfer von Anfang an mitzudenken. Lerncoach und Lernende entwickeln gemeinsam, wie die erarbeiteten Strategien im Alltag umgesetzt werden können.
Lehrpersonen nehmen dabei eine doppelte Funktion wahr: Zum einen begleiten sie die individuelle Entwicklung der Lernenden im Coachingprozess, zum anderen gestalten sie den Unterricht so, dass die Umsetzung im Alltag unterstützt wird. Lerncoaching wird damit zu einem zentralen Instrument, um Unterricht gezielt an den Bedürfnissen der Lernenden auszurichten und Lernprozesse wirksam zu unterstützen. Orientiert man sich am Universal Design for Learning (CAST, 2024) schafft man Lernumgebungen, die den Transfer erleichtern. Erinnerungshilfen, ritualisierte Abläufe und vereinbarte Anschlussgespräche tragen zusätzlich dazu bei, die Anwendung nachhaltig zu sichern. So kann Lernen insgesamt gestärkt und ein lernförderliches Miteinander im Unterricht gezielt aufgebaut werden.
Lerncoaching eröffnet Räume für ein unterstützendes Miteinander: Lernende werden ermutigt, sich gegenseitig zu helfen, voneinander zu lernen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Lehrpersonen begleiten diesen Prozess, indem sie kooperative Lernformen wie Tutoring oder Peer-Mentoring gezielt anregen und strukturieren.
Das Coaching wird mit einem Abschluss beendet, das Rückblick, Feedback und einen Ausblick umfasst. Ergänzend dazu spielt die Selbstreflexion der Lerncoaches eine wichtige Rolle, um die eigene Haltung und das Vorgehen im Lerncoaching kontinuierlich weiterzuentwickeln. Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem Coaching fliessen dabei wiederum in die Planung und Gestaltung der Lerncoachings und des Unterrichts ein und tragen dazu bei, diese fortlaufend adaptiv weiterzuentwickeln.
Lerncoaching aktiv gestalten
Lerncoaching beschränkt sich nicht auf das Gespräch im Sitzen, sondern kann bewusst durch aktive und anschauliche Elemente erweitert werden. Durch das Materialisieren und Visualisieren von Gedanken – etwa mit Karten, Skizzen oder Modellen – werden Inhalte greifbarer und strukturierter.
Auch Bewegung kann den Prozess unterstützen, indem Perspektivwechsel erleichtert und Denkprozesse angeregt werden. Solche Zugänge fördern das Verständnis, aktivieren unterschiedliche Lernkanäle und helfen Lernenden, ihre Gedanken zu ordnen und neue Lösungen zu entwickeln. Lerncoaching wird dadurch lebendiger, handlungsorientierter und nachhaltiger wirksam. Folgende Materialien können eingesetzt werden:
- Karten (z. B. Moderationskarten, Impulskarten, Emotionskarten), ein Beispiel sind die Gefühlskarten Moody Cats
- Visualisierungshilfen (z. B. Mindmaps, Skalen, Zielscheiben)
- Timer oder Sanduhr zur Strukturierung von Arbeitsphasen
- Bodenanker oder Klebeband für Positionsarbeit im Raum
- Gegenstände zur Symbolisierung (z. B. Figuren, Steine, Bilder)
- Checklisten oder einfache Arbeitsblätter
- «Werkzeugkisten» (z. B. Strategiekarten, «Wut-Kiste», Konzentrationshilfen)
Weiterbildungs- und Beratungsangebote
Fachstelle. Bei Themen rund um Lernen stehen Ihnen die Expert:innen der Fachstelle «Verhalten und Lernen (VeLer)» gerne zur Verfügung. Zur Fachstelle
Weiterbildung. Die HfH bietet diverse Zertifikatslehrgänge und Kurse zum Thema «Lernen», stöbern Sie im Weiterbildungsplaner der Hochschule und entdecken Sie passende Angebote. Zum Weiterbildungsplaner
- CAS Lerncoaching: Alle Kinder und Jugendlichen stärken (in Kooperation mit dem Institut für Behinderung und Partizipation)
- Erfolgreich Lernen: Volle Konzentration, bitte! (Kurs)
- Erfolgreich Lernen: Motivation – der innere Funke (Kurs)
Kontakt. Bei Interesse an weiteren Angeboten können Sie sich direkt an Sandra Derflinger, Assistentin Leiterin Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen, sandra.derflinger [at] hfh.ch wenden.
Literaturhinweise
- Biesel, V. (2025). Praxishandbuch Ressourcenorientiertes Lerncoaching. Grundlagen, Haltung, Methoden und Beispiele in einem integrativen Rahmenmodell. Springer.
- CAST (2024). The UDL Guidelines 3.0. Zur Website
- Eschelmüller, M., Kummer Wyss, A. & Baeriswyl, F. (2020). Lerncoaching im Unterricht. Gesamtkonzeption und Praxis. Schulverlag.
- Hagmann-von Arx, P. & Müller Bösch, C. (2026). Lerncoaching in offenen Lernsettings: Kinder und Jugendliche wirksam stärken. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 32(2), 20–26. Zum Artikel
- Hardeland, H. (2023). Lerncoaching und Lernberatung. Lernende in ihrem Lernprozess wirksam begleiten und unterstützen. Schneider.
- Kindl-Beilfuss, C. (2025). Fragen können wie Küsse schmecken. Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene (13. Aufl.). Carl-Auer.
- Retzlaff, R. (2019). Lehrbuch der systemischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Klett-Cotta.
- Steiner, T. & Berg, I. K. (2016). Handbuch lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern. Carl-Auer.
- Wiethoff, C. & Stolcis, M. (2018). Systemisches Coaching mit Schülerinnen und Schülern. Kohlhammer.