Institutsthema

Psychomotorische Entwicklungsförderung

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Ilona
Widmer
Titel
MSc
Funktion
Advanced Lecturer
E-Mail
ilona.widmer [at] hfh.ch

Psychomotorische Entwicklungsförderung. In diesem Feld wird der Zusammenhang von psychischen und motorischen Prozessen thematisiert. Insbesondere soll der Beitrag der psychomotorischen Förderung mit ihren kreativtherapeutischen Zugängen, wie Bewegung, Musik, Malen und Gestalten, zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Kontexten geklärt werden.

Spiel und Bewegung. Als Setting bietet die Psychomotoriktherapie ihrer Klientel eine Bewegungsumwelt an, von der angenommen wird, dass besonders gute «Lernerfahrungen» in den Bereichen Motorik, Kognition, Emotion und Sozialverhalten gemacht werden können. Von zentraler Bedeutung sind dabei die Medien Spiel und Bewegung, welche in der kindlichen Lebenswelt relevante Lern- und Entwicklungselemente darstellen. Sie bieten den Kindern die Möglichkeit, sich mit ihrer personellen und materiellen Umwelt auseinanderzusetzen, auf sie einzuwirken und diese für sich zu konstituieren. Die erlebnis- und bewegungsorientierten Angebote ermöglichen den Kindern und Jugendlichen neue Problemlösungsstrategien zu erproben sowie ihre Kommunikationsfähigkeit und ihre Handlungskompetenzen zu erweitern. So kann eine positive Beziehung zum eigenen Körper und damit zu sich selbst aufgebaut werden, was die Beziehung zu anderen positiv beeinflussen kann. Auf der körperlichen und emotionalen Ebene können in der Psychomotorik schliesslich bestimmte Stimmungszustände provoziert werden, die ihrerseits Veränderungen auf der kognitiven und auf der Verhaltensebene nach sich ziehen können, mit dem Ziel, diese in den Alltag zu transferieren.

Mehr zur Psychomotoriktherapie

Entwicklungsmodell. Die Psychomotorik orientiert sich an einem Entwicklungsmodell, welches die dynamischen Prozesse der kindlichen Entwicklung betont. Die vom Kind selbst gestalteten Interaktionen werden in den Vordergrund gerückt. Physische, psychische und soziale Faktoren spielen dabei eine interaktive Rolle. Als Settingangebot bietet die Psychomotoriktherapie ihrer Klientel eine Bewegungsumwelt an, von der angenommen wird, dass besonders gute „Lernerfahrungen“ in den Bereichen Motorik, Kognition, Emotion und Sozialverhalten gemacht werden können. Die alltagsnahen Angebote ermöglichen es den Kindern und Jugendlichen, neue Problemlösungsstrategien zu erproben und ihre Handlungskompetenzen zu erweitern.

Möglichkeiten auf vielen Ebenen. Neue Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten sollen geschaffen werden, die dann in den Alltag integriert werden können. Auf der körperlichen und emotionalen Ebene können durch gezielte Interventionen bestimmte Stimmungszustände provoziert werden, die ihrerseits Veränderungen auf der kognitiven und auf der Verhaltensebene nach sich ziehen. Hierzu gehören neben dem freien Spiel beispielsweise Phantasiereisen, Entspannungsübungen, therapeutisches Zaubern, Geschichten erzählen und spielen, Malen und Gestalten.

Bewegung und Spiel. Im Mittelpunkt der Psychomotorik stehen die Medien Bewegung und Spiel. Dies sind kindgemässe Formen, sich mit der personalen und materialen Umwelt auseinanderzusetzen, auf sie einzuwirken und diese für sich zu konstituieren. In der kindlichen Lebenswelt stellen sie zentrale Lern- und Entwicklungsmedien dar und bieten vielfältige Zugangsmöglichkeiten zum Kind.

Begrifflichkeiten der Psychomotoriktherapie

Bewegung. Mit Bewegung etwas erreichen, herstellen, ausdrücken, darstellen und durchsetzen sowie durch Bewegung etwas über Körperlichkeit, materiale Beschaffenheit der Dinge und die eigene Person erfahren (vgl. Grupe 1976). Ebenso das Erleben der Bewegung an sich und das Selbsterleben durch Bewegung sowie das Erfahren von Möglichkeiten, sich selbst zu verändern und zu verwirklichen. Mit und durch Bewegung Beziehungen zu anderen Menschen herstellen und wahrnehmen.

Spiel. Neben der Bewegung kommt auch dem Spiel, als ein weiteres zentrales Medium der Psychomotorik, eine grosse Bedeutung zu. Kinder spielen aus innerer Motivation heraus und geben ihrem Spiel einen eigenen Sinn. Sie entdecken, dass sie etwas selbst bewirken können. So wählen sie auch, in den von ihnen gewählten, Bewegungsspielen meist Themen aus, die mit ihrer momentanen Lebenssituation in Zusammenhang stehen. Neben dem Rollenspiel / Symbolspiel werden in der Psychomotorik aber auch vielfältige Regelspiele eingesetzt, bei denen das gemeinsame miteinander oder gegeneinander Spielen der Förderung sozialer Kompetenzen dient. Gewinnen und verlieren, mit seinen Schwächen und Stärken umgehen zu lernen sowie Rücksicht auf andere zu nehmen sind hier wesentliche Zieldimensionen.

Arbeitsfelder. Psychomotorische Förderung als pädagogisch-therapeutische Massnahme ist in der Schweiz meist dadurch gekennzeichnet, dass sie ein schulnahes Angebot ist, aber separativ durchgeführt wird. Das Kind erhält einzeln oder in einer Kleingruppe ausserhalb des üblichen Schulunterrichts ein Förderangebot. Neben dieser therapeutischen Arbeit, die bis anhin im Vordergrund stand, kommen Arbeitsschwerpunkte im Bereich der Prävention und Integration hinzu. Psychomotoriktherapeut*innen führen präventive Angebote durch, um negative Entwicklungsverläufe zu vermeiden. Konkret heisst dies, präventive und integrative Förderung findet (zunehmend) in grösseren Gruppen statt. Auch als Förderung im Rahmen eines integrierten Unterrichts durch Regel- und Förderlehrpersonen erhält die psychomotorische Arbeit einen immer grösseren Stellenwert.

Psychomotorik und Prävention im Frühbereich. In der deutschsprachigen Schweiz ist die Psychomotoriktherapie als sonderpädagogische Massnahme im Schuldienst angesiedelt und hat ihr Betätigungsfeld erst ab dem Kindergartenalter. Der vorschulische Bereich ist aktuell eine Lücke im Feld der Prävention in der Psychomotorik, die nicht übersehen werden und auf die an dieser Stelle aufmerksam gemacht werden soll. Es zeigen sich jedoch erste Tendenzen: im Bereich der Kindertagesstätten werden zunehmend bewegungsfördernde Konzepte aus der Psychomotorik eingesetzt und Fortbildungen zur Entwicklung und Förderung des Kindes aus der Perspektive der Psychomotorik angeboten.

Psychomotorik und Prävention. Über die Medien Bewegung und Spiel kann das Ziel der Prävention in der Psychomotorik eine Kompetenzerweiterung sein, so dass sich das Kind mit sich selbst, seiner materialen sowie personalen Umwelt auseinandersetzt und entsprechend einer Problemlösung handeln kann. Zielpersonen sind (immer) die Kinder, trotzdem sind sie nicht immer die Adressaten der Massnahme. Die Grundintention jeder Prävention ist, die Kinder zu fördern, bevor sich Störungen manifestieren. Die Zielorientierung der Prävention kann dabei zwei Gewichtungen haben, die sich unterschiedlich auf die Zielgruppe und die Massnahmen auswirken. Einerseits kann das Ziel der Prävention in der Verhinderung bestehen und anderseits in der Stärkung.

  • Verhinderung. Ziel ist es, zukünftige Störungen, Beeinträchtigungen oder Schädigungen zu verhindern. Dies geschieht im Sinne einer Problemvorbeugung, die im direkten Zusammenhang mit den Annahmen über die Ursachen der zu vermeidenden Krankheiten oder den normalen Entwicklungsverläufen steht (vgl. Kuschel 2008),
  • Stärkung. Ziel ist es, das Risiko für eine negative Entwicklung zu minimieren und die kindlichen Kompetenzen zu stärken. Dies kann durch die Minimierung von Risikofaktoren und dem Aufbau von Schutzfaktoren erreicht werden. Dazu gehören bspw. die Verbesserung der sozialen Beziehungen von Elternhaus und Kindergarten sowie die guten Beziehungen zu Gleichaltrigen (vgl. Beelmann 2000). Kontrollierte Risiken sollen zugelassen werden und die Kinder darin ermutigt, ihre Grenzen zu erweitern (vgl. Vetter, Kuhnen & Lensing-Conrady 2008, S. 30). In diesem Sinne geht es nicht um eine Verhinderung von Risiken, sondern um eine bewusste Auseinandersetzung damit. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es wichtig, dass die Zielgruppe miteinbezogen wird. "Prävention bedeutet, Kinder in ihrer Auseinandersetzung mit Risiken zu begleiten und zu unterstützen" (Knauer 2006, S. 4).

Spezifische Ziele der Psychomotorik in der Prävention. Neben der Stärkung der (senso-)motorischen Kompetenzen (Grob-, Fein- und Grafomotorik sowie Wahrnehmung im Hinblick auf die Förderung der Eigentätigkeit des Kindes, die Anregung zum selbstständigen Handeln und die Erweiterung seiner Handlungskompetenz und Kommunikationsfähigkeit), sollen sozio-emotionale Kompetenzen gestärkt werden, wie beispielsweise prosoziale Fähigkeiten, Konfliktlösefähigkeiten und Beziehungsfähigkeiten im Zusammenspiel mit kognitiven Fähigkeiten, verbaler und nonverbaler Ausdruck von Emotionen sowie das Erkennen, Verstehen und Regulieren eigener und fremder Emotionen Unterstützung der Eltern und Bezugspersonen. Ein weiteres Ziel ist das Networking, d. h. Intensivieren der Beziehungen zwischen Eltern, Kindergarten und Schule, sowie themenspezifische Aufklärung und die Früherfassung.

Mehr zur Prävention

Allgemeine Definition. Prävention wird je nach Fachgebiet und Zielsetzung unterschiedlich umschrieben und definiert. Ältere Definitionen sind auf den Zeitpunkt der Massnahme ausgerichtet, neuere auf den Weg und das Ziel oder sie differenzieren nach der Zielgruppe. Der Begriff Prävention stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: zuvorkommen. Ziel ist die Verhinderung oder Minderung von zukünftigen Störungen, Beeinträchtigungen oder Schädigungen im Sinne einer Problemvorbeugung. Historisch hat sich das heutige Verständnis von Prävention aus der medizinischen Gesundheitsvorsorge entwickelt und lässt sich zunehmend in fast allen Fachrichtungen finden, die sich im weitesten Sinne mit Gesundheit beschäftigen. Die Zielgruppe der Prävention kann sehr breit angelegt oder auch gezielt auf eine bestimmte Risikogruppe ausgerichtet sein. Prävention versucht, Probleme zu verhindern, indem sie Einflussfaktoren definiert und Massnahmen entwickelt und durchführt, um Risikofaktoren zu beseitigen sowie Schutzfaktoren zu stärken (vgl. Hafen 2007, Hurrelmann 2014).

Zielorientierung. Die Zielorientierung steht im Zusammenhang mit dem theoretischen Modell der Prävention - es stellt sich die Frage, ob die Ausrichtung des Verständnisses auf Risikofaktorenmodelle der Medizin oder zum Beispiel auf verhaltenstheoretische Modelle aus der Pädagogik bzw. der sozialen Arbeit angelegt ist. Ein weiterer Unterschied in den Theorien bezieht sich darauf, ob die Intention auf einen bestimmten Zeitpunkt oder auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet ist. Eine Unterteilung, die sich vordergründig auf den Zeitpunkt bezieht, wird Caplan (1964) zugerechnet. Ausgangspunkt war die Klassifikation von Massnahmen zur Verhinderung von psychischen Störungen (vgl. Begrifflichkeiten der Prävention sowie Hafen 2007, Kuschel 2008, Hurrelmann 2014 etc.).

Kritik an Präventionsansätzen. Die Kritik an präventiven Ansätzen bezieht sich vor allem auf Aspekte der Zielgruppe und der Ziele. Beispielsweise wird eine präventive Sichtweise beanstandet, die explizit auf Defizite ausgerichtet ist. Ein weiterer Kritikpunkt befasst sich mit der ‚Normalisierungsfalle der Prävention‘. Das Nicht-Normale soll verhindert werden, die Falle dabei liegt in der Definition der Grenzlinie zwischen 'Normal' und 'Nicht-Normal' (vgl. Bundschuh und Bach 2009, Lindner u. Freund 2001) . Folgende Fragen fassen die erwähnten Aspekte kurz zusammen und sollten in die Überlegungen zur Prävention mit einbezogen werden: Wie wird die Zielgruppe definiert? Gibt es einen 'Normalitätsanspruch'? Welche Auswirkungen hat die Prävention für die Zielgruppe? Wird die aktuelle Situation der Zielgruppe berücksichtigt? Werden die angestrebten Ziele wirklich erreicht und kann dies überprüft werden?

Prävention und Gesundheitsförderung. Der Begriff Prävention steht im engen Zusammenhang mit dem der Gesundheitsförderung. Es gibt Theorien, die eine Überschneidung der beiden Begriffe sehen und andere, die ausdrücklich auf die Unterschiede aufmerksam machen. Das Ziel der Gesundheitsförderung ist es, ein höheres Niveau der Gesundheitsqualität zu erreichen.

Begrifflichkeiten der Prävention

Einteilung nach Zeitpunkt. a) Primärprävention umfasst alle Massnahmen, die vor dem Erstauftreten eines unerwünschten Zustands durchgeführt werden. b) Sekundärprävention zielt auf Menschen mit Problemen, Störungen oder Krankheiten. Durch Früherkennung sollen Anzeichen für das zu verhindernde Problem erkannt und die geeignete Frühbehandlung eingeleitet werden. c) Tertiärprävention meint Massnahmen, die im Frühstadium oder nach einer Therapie (Behandlung) einsetzen. Das Ziel ist die Kompensation von Problemen sowie die Vermeidung von Folgeproblemen.

Einteilung nach Zielgruppe. Gegenüber den universellen Ansätzen, die unabhängig von eventuell vorhandenen Risikofaktoren auf die gesamte Bevölkerungsgruppe zielen, stehen zielgruppenspezifische Ansätze: Selektive präventive Ansätze finden ihre Anwendung bei Teilgruppen, die von einem Risikopotential betroffen sind. Auf Grund verschiedener Faktoren haben diese Personen im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Störungen bzw. sie weisen schon erste Symptome auf. Indizierte präventive Ansätze beziehen sich auf Personen, die Symptome einer Störung haben, aber noch nicht die Kriterien für eine Diagnose erfüllen.

Verhaltens- und Verhältnisprävention. Weiter wird im Fachdiskurs oft zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention unterschieden, die sich in ihren Ansatzpunkten unterscheiden. Während in der Verhaltensprävention beim individuellen Gesundheitsverhalten selbst angesetzt wird (z. B. schulisches Programm zur Verminderung von Aggressivität), werden bei der Verhältnisprävention ökologische, soziale, ökonomische und kulturelle Umweltbedingungen verändert, um so auf die Gesundheit/Krankheit des Individuums Einfluss zu nehmen (z. B. anregende Spielplatzgestaltung).

Mehr zur Prävention in der Psychomotorik

Präventive Arbeitsweisen: Methoden und Strategien der Prävention.

  • Aufklärung. Im Vordergrund steht hierbei die Sensibilisierung und Information bzgl. des ausgewählten Themas. Die Methoden der Aufklärung zielen darauf ab, ein erweitertes Problembewusstsein zu erzeugen. Zu den Methoden der Aufklärung gehören themenspezifische Informationsanlässe wie Elternabende, Weiterbildungen für Fachpersonen sowie im weiteren Sinne die Öffentlichkeitsarbeit.
  • Früherkennung. Zur Früherkennung gehören alle Massnahmen mit dem Ziel, die Beobachtung von Problemen in einem frühen Stadium oder von Anzeichen für diese Probleme zu systematisieren, den Austausch dieser Beobachtungen zu regeln und entsprechende behandelnde Massnahmen einzuleiten. Klassische Beispiele für Massnahmen der Früherkennung sind die Reihenuntersuchungen oder das Screening nach Naville. Die HfH hat in Zusammenarbeit mit der Fachstelle Psychomotorik-Therapie der Stadt Zürich ein Verfahren entwickelt, das einen engen Bezug zur ICF und zum schulischen Standortgespräch aufweist und damit an aktuelle Instrumente und Verfahren im Rahmen der Psychomotoriktherapie anknüpft, mit dem Ziel, eine gemeinsame "Sprache" zu sprechen.
  • Präventive Programme bzw. Projektarbeit. Diese Massnahmen setzen direkt bei der Zielgruppe an und haben den Aufbau und die Stärkung von kindlichen Kompetenzen zum Ziel. Neben gezielten Projekten zu ausgewählten Thematiken und Zielgruppen lassen sich hier auch sogenannte "Fördergruppen" sowie die Arbeit in bzw. mit der ganzen Klasse finden. Diese Kinder benötigen nicht das Setting einer Therapie, sondern profitieren von der Arbeit mit grösseren Gruppen. Verschiedene Förderprogramme setzen an dieser Stelle an (z. B. G-Fipps, Bewegungslandschaften, Bewegungsbaustelle). Weiterhin haben viele engagierte Psychomotoriktherapeutinnen und -therapeuten eine Vielzahl an Praxisprojekten erarbeitet.

Dokumente

Psychomotorik: Grundverständnis
Prävention: Grundverständnis

Vertiefungstext Psychomotorik und Prävention, mit Literaturangaben

Bücher und Programme

Zusammenstellung ausgewählter Bücher und Programme.

Screenings

Dokumentation psychomotorischer Vorabklärung (HfH).

Vorbereitung eines Präventionsprojekts

Checkliste mit Hinweisen.