Reportage

Integration – aber nur auf Zeit?

Für Eltern von Kindern mit einer geistigen Behinderung beginnt die Integration meist voller Zuversicht. Doch der Weg ist für alle Beteiligten anspruchsvoll. Und wenn das Kind dann trotzdem in eine Sonderschule wechselt, ist das für viele Eltern schmerzhaft – aber auch entlastend.

Kontaktstelle
Steff
Aellig
Titel
Dr. phil.
Funktion
Senior Consultant
E-Mail
steff.aellig [at] hfh.ch
Dominik
Gyseler
Titel
Dr. phil.
Funktion
Senior Lecturer
E-Mail
dominik.gyseler [at] hfh.ch

Die Spielgruppe besuchte Silas zusammen mit allen anderen Kindern des Dorfes. Silas – heute zwölf – wurde mit einem Hirnfehler geboren und ist in seinen Bewegungen beeinträchtigt. «Sprechen geht gut, aber beim Denken merkt man, dass er eine Behinderung hat.», beschreibt Conny Gmür ihren Sohn, «Als Silas klein war, wussten wir nicht, wie er sich entwickeln würde. Er steckt voller Überraschungen». Was in der Spielgruppe kein Problem war, wurde im Kindergarten schon schwierig. «Die Lehrperson hatte Mühe mit einem behinderten Kind», so die Mutter. Sie war eigentlich voller Zuversicht, dass Silas weiterhin mit den Kollegen aus dem Quartier zur Schule gehen könne. Aber im Laufe der ersten Klasse ging es dem Jungen so schlecht, dass ein Wechsel in eine heilpädagogische Schule unumgänglich wurde.

Hören Sie im Gespräch mit Conny Gmür, wie sie als Mutter die Ernüchterung bewältigt hat und wie es ihrem Sohn Silas heute geht.

Silas (12) ist glücklich an der heilpädagogischen Schule. Er hat Lesen und Schreiben gelernt. Beim Überqueren der Strasse und beim Essen ist er auf Unterstützung angewiesen.

Gespräch mit Conny Gmür

Leistungsschere wird grösser

Bei Janina verlief die Integration bis Mitte sechster Klasse fast problemlos. Heute ist Janina achtzehn und besucht die Werkstufe einer heilpädagogischen Institution. Ihre kognitive Beeinträchtigung sieht man ihr nicht auf den ersten Blick an. «Ich sprach lange einfach von einem Entwicklungsrückstand – in der Hoffnung, das würde sich dann irgendwann ausgleichen.» Doch in der vierten Klasse merkte Denise Forrer, dass die Leistungsschere zu den anderen Kindern immer mehr aufging. Auch entwicklungsmässig: Janinas früheren Kolleginnen hatten plötzlich ganz andere Themen und liessen sie ab und an allein auf dem Pausenplatz stehen. «Wenn’s nach mir gegangen wäre, so wäre die Zeit schon in der fünften Klasse reif für einen Wechsel gewesen», meint die Mutter rückblickend.
Hören Sie im Gespräch, wie Denise Forrer aber auch von den negativen Konsequenzen des Schulwechsels ihrer Tochter Janina erzählt.

Janina (18) besucht die Werkstufe 15plus einer heilpädagogischen Institution. Sie kann lesen und schreiben, einfach langsam. Und seit kurzem hat sie einen Freund.

Gespräch mit Denise Forrer

Erhöhte Emotionalität vor dem Wechsel

Die beiden HfH-Absolventinnen Alexandra Graf und Petra Schäfer haben im Rahmen ihrer Masterthesis die Perspektive der betroffenen Eltern bei diesem Übergang von der Integration in die Separation erforscht. «Da wir explizit diesen Wechsel untersuchen wollten, haben wir natürlich nur Familien in unsere Studie aufgenommen, bei denen die Integration beendet wurde», erklärt Alexandra Graf, Schulische Heilpädagogin in einer Sonderschulinstitution. Die zehn Fallgeschichten, die mittels Elterninterviews aufgezeichnet wurden, verliefen alle sehr unterschiedlich. Dennoch lassen sich ein paar Gründe erkennen, die beim Wechsel in die Separation immer wieder eine Rolle spielen: etwa Entwicklungsunterschiede, die mit zunehmendem Alter sicht- und spürbarer werden. Oder die generelle Überforderung des Regelschulsystems mit den behinderungsspezifischen Anforderungen des Kindes. Petra Schäfer, die als Schulische Heilpädagogin in der Integration arbeitet, sagt: «Insgesamt geht dem Wechsel meistens eine Phase von erhöhter Emotionalität voraus». Denn auch wenn in diesen ausgewählten Fallgeschichten letztlich die Vorteile der Separation überwiegen – die befragten Eltern berichten innerhalb dieses Entscheidungsprozesses immer auch von negativen Aspekten der Separation, die Teil ihrer Abwägung waren. In der nachfolgenden Grafik sind solche positiven und negativen Auswirkungen des Übergangs in die Separation zusammengestellt.

Die Abbildung zeigt Vorteile sowie Nachteile der Separation.

Die meisten der befragten Eltern erzählen rückblickend, dass im separativen Setting die Vorteile mehr Gewicht haben als die Nachteile.

Im Video-Interview erläutern Alexandra Graf und Petra Schäfer, wieso die Integration bei manchen Kindern besser gelingt als bei anderen.

Fehlende Ressourcen in der Regelschule

Raphaella hat Trisomie-21 und ist heute dreizehn. Ihr Vater Mike Antoniadis berichtet von denselben Phasen, welche die Familie damals durchlebte: Zuerst die Zuversicht, dass Raphaella mit allen anderen Kindern zur Schule kann. Dann die Ernüchterung, dass das Schulsystem bereits im Kindergarten an die Grenze der Überforderung kam. Und zum Schluss die Erleichterung, dass mit dem Wechsel von Raphaella in eine heilpädagogische Schule der ganze Druck wegfiel. Von da an lief aus seiner Sicht alles optimal: Kleine Klassen, professionelle Förderung, gute «Gspänli» für seine Tochter sowie hervorragende Kommunikation mit den Eltern. «Integration funktioniert nur auf dem Papier», bilanziert Mike Antoniadis die eigene Erfahrung, «in der Praxis ist das System der Regelschule schnell am Anschlag mit behinderten Kindern. Es fehlt an Ressourcen und an behinderungsspezifischem Know-how».
Hören Sie im Gespräch mit Mike Antoniadis, was er rückblickend anders gemacht hätte mit der Schulung seiner Tochter.

Raphaella (13) hat zwei jüngere Brüder und geht in eine heilpädagogische Schule. Sie hat Trisomie 21, kann kurze Wörter lesen und schreiben und hat viele Freundinnen.

Gespräch mit Mike Antoniadis

Ein Wechsel ist kein Scheitern

Wieso tut sich die Regelschule so schwer mit dem Anspruch, eine «Schule für Alle» zu sein? Grosse Klassen, heterogene Schülerschaft, zu wenig ausgebildetes Fachpersonal – so lauten die Argumente der Schule, wieso es schwierig sei, Kinder mit einer kognitiven Beeinträchtigung zu integrieren. Wäre es da nicht ehrlicher, diese Kinder von Anfang in einer heilpädagogischen Schule zu unterrichten, anstatt ihnen und ihren Familien zuerst zu beweisen, dass sie den Anforderungen der Regelschule nicht gewachsen sind?

«Vielen Eltern ist beim Eintritt in den Kindergarten nicht von vornherein klar, dass ihr Kind eine kognitive Beeinträchtigung hat», meint Peter Lienhard, «die Fallgeschichte von Janina, ist eines dieser Beispiele, wo es klar ist, dass der Schulstart in der Integration erfolgt.» Lienhard ist Professor an der HfH und beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen um Integration und Separation. Aus seiner Sicht ist der Wechsel in die Separation aber nicht als gescheiterte Integration zu bezeichnen. Das gewählte Setting muss in erster Linie zur Entwicklungsphase und den jeweiligen Zielen des Kindes passen», so Lienhard, «aber natürlich auch zum System der Regelschule und ihren verfügbaren Ressourcen.» Tatsächlich müssen zahlreiche Faktoren im Schulsystem gut aufeinander abgestimmt sein, damit eine Integration langfristig gelingt. Die Einstellung der Klassenlehrperson zum Kind und seiner Behinderung sei zentral. Aber auch die Form der Zusammenarbeit und Unterstützung innerhalb einer Schule. «In einer Schule, wo dies nicht funktioniert, leidet am Schluss das betroffene Kind», ist Lienhard überzeugt, «dort bringt ein Wechsel in eine heilpädagogische Schule oft die notwendige Entlastung».

Im Gespräch erläutert Peter Lienhard, Professor an der HfH Zürich, seine Vision, wie Regelschulen den anspruchsvollen Integrationsauftrag besser erfüllen könnten.

Gespräch mit Peter Lienhard

 

Autoren: Dr. Steff Aellig und Dr. Dominik Gyseler,
HfH Wissenschaftskommunikation