Kindliche Entwicklung unter der Lupe

Reportage

Wer Kinder und Jugendliche gezielt fördern will, muss über deren Entwicklung genau Bescheid wissen, ist Oskar Jenni überzeugt. Nun hat der Kinderarzt ein Buch mit diesem Entwicklungswissen verfasst.

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Dominik
Gyseler
Titel
Dr. phil.
Funktion
Senior Lecturer

Erstaunliche 30000 Schritte macht ein Kind im zweiten Lebensjahr durchschnittlich pro Tag. Wieviele es damals beim kleinen Oskar Jenni waren, ist nicht bekannt. Aber dass er Freude an der Bewegung hatte, zeichnete sich schon früh ab: Bereits mit drei Jahren stand er zum ersten Mal mit Schlittschuhen auf dem Eis. Später gelang dem Bündner sogar der Sprung in die erste Mannschaft des HC Davos, bevor er sich mit derselben Leidenschaft seiner akademischen Laufbahn widmete. Heute ist er Co-Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich und blickt auf über drei Jahrzehnte akribischer Untersuchung der kindlichen Entwicklung zurück. «Mich hat von Anfang an fasziniert, wie gross die Bandbreite ist», sagt Oskar Jenni.

Neues Buch zur kindlichen Entwicklung

Nun hat der international renommierte Kinderarzt mit dem Buch «Die kindliche Entwicklung verstehen» ein Werk vorgelegt, das die kindliche Entwicklung und ihre Variabilität auf 470 Seiten im Detail dokumentiert. Die Befunde reichen von der Schrittzahl von Kleinkindern über Lesetempo, Arbeitsgedächtnis und Perspektivenwechsel von Schulkindern bis zum Schlafverhalten bei Jugendlichen, wie die folgende Infografik mit ausgewählten Daten aus dem Buch zeigt:

Zahlen der kindlichen Entwicklung

  • Dauerläufer (Anzahl Schritte täglich): Im zweiten Lebensjahr macht ein Kind im Durchschnitt 30000 Schritte, ein Erwachsener etwa 5000 Schritte.
  • Arbeitsgedächtnis: Die «besten» Vierjährigen sind geich gut wie die «schlechten» Dreizehnjährigen.
  • Perspektive wechseln: Die «besten» Sechsjährigen sind gleich gut wie die «schlechten» Zwölfjährigen.
  • Selbstkontrolle: Die Eineinhalbjährigen können sich nach der Aufforderung «Nein, warte noch kurz!» 30 Sekunden lang zurückhalten, bis sie das Geschenk öffnen; die Zweieinhalbjährigen bereits drei Minuten.
  • Bettzeit: Die Zwölfjährigen gehen an freien Tagen um 22.35 Uhr ins Bett, die Sechzehnjährigen um Mitternacht (Durchschnittswerte).
  • Lesetempo: Die besten Achtjährigen lesen fast gleich schnell wie die «schlechten» Vierzehnjährigen.

Entwicklungswissen schafft Handlungsoptionen

Es werden aber bewusst keine Tipps zur Förderung und Unterstützung gegeben. «Man kann nicht die bunte Vielfalt der kindlichen Entwicklung feststellen und dann im gleichen Atemzug schwarz-weiss dozieren, was richtig und falsch ist», so der Kinderarzt. Vielmehr gibt das Buch Orientierung, indem es das Entwicklungswissen entlang von drei Leitfragen ausrichtet:

  • Erstens: Ist die Entwicklung normal oder auffällig? Wer beispielsweise das Trotzen eines 4-jährigen Mädchens in der Norm verortet, wird ihre Gefühlsausbrüche anders interpretieren als jemand, der hier schlecht bewältigte Entwicklungsphasen vermutet.
  • Zweitens: Sind Auffälligkeiten vorübergehend oder dauerhaft? Wer etwa hinter den Problemen des 8-jährigen Knaben beim Lesen und Schreiben eine Entwicklungsstörung vermutet, wird eher therapeutische Massnahmen und eine Anpassung der Lernziele in Betracht ziehen.
  • Drittens: Was sind die Ursachen? Wer den Wunsch der 15-jährigen Gymnasiastin nach einer Berufslehre als Zeichen ihres Drangs nach Autonomie versteht, wird verständnisvoller sein als jener, der ihr Trägheit unterstellt.

«Entwicklungswissen schafft Handlungsoptionen», ist Oskar Jenni überzeugt. Warum dabei die Vielfalt eine Chance sein kann und wann eine Entwicklung auffällig ist, erläutert er im folgenden Video-Interview.

Video-Interview mit Oskar Jenni über sein neues Buch

Entwicklungswissen als gemeinsame Basis

Heilpädagogischen Fachpersonen dient das Buch als riesiger Fundus und substanzielle Grundlage ihres Denkens und Handelns. Für Barbara Fäh, Rektorin der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH), ist klar: «Fundierte Kenntnisse über die Phasen und Störungen der kindlichen Entwicklung gehören zum Kern des heilpädagogischen Wissens.» Dies gelte gleichermassen für Fachpersonen der Schulischen Heilpädagogik, der Heilpädagogischen Früherziehung, der Psychomotoriktherapie wie auch der Logopädie. Schliesslich verfolgten sie dasselbe Ziel: «Wenn Bildung für alle die Vision ist, die uns antreibt, dann ist ein tragfähiges Entwicklungswissen unsere gemeinsame Basis», so Barbara Fäh.

Autoren: Dominik Gyseler, Dr. und Steff Aellig, Dr., Wissenschaftskommunikation, HfH