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03.11.2021

Antrittsvorlesung: «Ziel ist das Leben, nicht die Schule» 

Kontakt
Dennis Christian
Hövel
Titel
Prof. Dr.
Funktion
Leiter Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung / Professor

In der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Dennis Hövel standen vier Punkte auf dem Programm: Eigene Erfahrungen als schulischer Heilpädagoge, «Schoolwide Positive Behavior Support» als multiprofessionelles Querschnittsthema sowie exemplarische Aktivitäten und Projekte des Institutes. 

Die Begrüssung zur Veranstaltung vom 26. Oktober 2021 übernahm Prof. Dr. Barbara Fäh, Rektorin der HfH. Sie betonte die kometenhafte Karriere von Dennis Hövel (40 Jahre). Vor seiner wissenschaftlichen Laufbahn war er als Sonderschullehrer im Lehramt tätig. 2019 übernahm er die Vertretungsprofessur «Didaktik des inklusiven Unterrichts» an der Albertus-Magnus-Universität in Köln. Promoviert hat er an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Dennis Hövel trat im September 2020 die Stelle als Professor für Prozesse des Lernens und Lernentwicklung unter erschwerten Bedingungen an der HfH an. Im Frühjahr 2021 übernahm er die Leitung des Instituts für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung von Prof. Susanne Amft. Susanne Amft hatte nach vierjähriger Aufbauarbeit das Institut übergeben.

Begrüssung von Prof. Dr. Barbara Fäh

Das frühere Studium der Theologie ist Dennis Hövel noch anzumerken. Der Referent platzierte Bezüge zu religiösen Themen mit Witz und Humor, zum Beispiel zu Bergpredigt, Exodus oder der Suche nach Gott. Zu Dennis Hövels ersten Erfahrungen als Heilpädagoge in der Praxis gehörte ein Einsatz im Gymnasium, bei welchem er Kolleginnen und Kollegen bei der Inklusion unterstützte. Ihm ging es darum, datenbasiert zu arbeiten und wissenschaftlich fundierte Methoden einzuführen, wie das «Good Behavior Game», welches Lehrpersonen und Jugendlichen helfen konnte. 

In seinem Vortrag sprach der Institutsleiter, nach einer kurzen Einführung in die theoretischen Hintergründe zu den Häufigkeiten und zur Entstehung von Problemlagen im Bereich Verhalten, über das präventive Rahmenkonzept für eine mehrstufige Förderung (Fairbanks, Sugai, Guardino & Lathrop, 2007), den «Schoolwide Positive Behavior Support» als Rahmenkonzept. Aktuell finden sich bei ca. 20% aller Kinder und Jugendlichen Merkmale von Problemen im Bereich Verhalten (Hölling et al. 2014; Klipker et al., 2018). Gleichzeitig beträgt die Quote an Schülerinnen und Schülern mit erhöhtem sonderpädagogischen Förderbedarf jedoch nur 4.8% (EDI, 2016). Um die «unentdeckten» oder falsch interpretierten Problemlagen adäquat zu adressieren, sind vor diesem Hintergrund präventive Modelle von zentraler Bedeutung. «Der Auftrag der (Heil-)Pädagogik ist grösser als die Kinder mit Förderbedarf zu adressieren; es müssen alle Kinder einbezogen werden.» Für eine positive Entwicklung im Kindes- und Jugendalter ist die Schule das wichtigste Setting für präventive Massnahmen (Beelmann, 2008), vor allem, weil sie, im Gegensatz zur Klinik, für alle zugänglich ist (Brezinka, 2003). Zum Ziel äusserte sich Dennis Hövel: «Inklusion muss so verstanden werden, dass Kinder und Jugendliche zu einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben befähigt werden. Ziel ist das Leben, nicht die Schule.»

Schliesslich wurden die drei strategischen Schwerpunkte des Institutes (a) Gegenstand, normative Grundlagen und Reichweite sozial-emotionaler und psychomotorischer Entwicklungsförderung, (b) Diagnostik im Bereich Verhalten, sozial-emotionaler und psychomotorischer Entwicklung sowie (c) Evidenzbasierung multimodalen Sozial Emotionalen Lernens (SEL) und Implementation von Schoolwide Positive Behavior Support hergeleitet und in der Entwicklung des Instituts aufgezeigt. Dennis Hövel: «Derzeit gibt es wenige Player, die sich mit dem Thema sozial-emotionales Lernen befassen, die HfH füllt diese Lücke.»

Dennis Hövel kündigte ein Publikationsprojekt an, welches sich mit der Frage beschäftigt, wie die Zieldimensionen des sozial-emotionalen Lernens in einem schulischen Leitbild umgesetzt werden können. Dazu ist unter anderem ein Herausgeberwerk mit dem Titel «Pädagogik sozial-emotionaler Entwicklungsförderung» in der Edition SZH geplant: ein von allen Dozierenden des Institutes gemeinsam verantwortetes Standardwerk, welches Studierende der HfH in Fragen der Verhaltensförderung über mehrere Module begleiten kann. Um eine möglichst breite Zielgruppe, unter anderem auch Klassenlehrpersonen, zu erreichen, wird das Werk als eBook öffentlich frei zugänglich sein (Open Access). «Wir bleiben ein Leben lang Lernende», meinte Dennis Hövel dazu. 

Ein weiteres wichtiges Projekt des Institutes ist die «14. Konferenz der Dozierenden im Förderschwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung», welche vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2022 an der HfH in Zürich stattfinden wird. Es werden 150 bis 200 Hochschullehrende aus der Schweiz, Deutschland und Österreich erwartet. 

Zum Abschluss dieser Antrittsvorlesung, welche erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie wieder für Gäste vor Ort an der Hochschule stattfinden konnte, gab es eine kurze Fragerunde. Die rund 60 Online-Teilnehmenden, welche anfangs etwas Geduld wegen technischer Probleme zeigen mussten, wurden verabschiedet. Vor Ort, im Foyer der Hochschule konnten circa 20 Gäste einen festlichen Apéro geniessen. 

Die Präsentation zur Veranstaltung kann per Mail über dennis.hoevel [at] hfh.ch angefragt werden.

Fotograf: Frank Schwarzbach 
Autorin: Sabine Hüttche, Msc. 

Information

Interview, heilpädagogik aktuell, Herbst 2020