Veränderung der Befindensqualität Hörgeschädigter vom Kindesalter zum Jugendalter

Projekt

Ausgangslage und Ziele

Die Mehrheit der hörgeschädigten Kinder wird in der Schweiz integrativ beschult. Wie geht es diesen Kindern in ihrem Alltag, wie erleben sie diesen? Das Interesse an der Befindensqualität Hörgeschädigter im integrativen Setting wird immer grösser, weil das positive Befinden als gute Voraussetzung für das Lernen, aber eben auch für eine günstige Entwicklung hin zu einer gelingenden Partizipation betrachtet wird. Es bestehen jedoch in der Integrationsforschung im Hörgeschädigtenbereich divergierende Befunde bezüglich Lebensqualität und Befindensqualität hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher; es scheinen hörstatusspezifische Entwicklungstendenzen sichtbar zu sein, die eine Zunahme der Stresssymptomatik bei zunehmendem Alter anzeigen, nicht unbedingt aber eine gleichzeitige Abnahme des Wohlbefindens; andere Studien zeigen, dass es keinen Unterschied zu hörenden Gleichaltrigen gibt. Die dem vorliegenden Projekt vorangehende Studie (4_4 Audeoud & Wertli, 2011) zeigt eine weitere Realität: Die hier untersuchten 11- bis 13- jährigen hörgeschädigten Kinder haben einen höheren positiven Aktivierungsgrad (Begeisterung, Motivation, Wachheit) im Vergleich zu hörenden Gleichaltrigen. Weiter ist zu bemerken, dass keine Befunde zur Entwicklung und Veränderung der Befindensqualität Hörgeschädigter vom Kinder- zum Jugendalter bestehen.

Projektleitung

Peter
Lienhard
Titel
Prof. Dr.

Funktion

Senior Consultant

Fakten

  • Dauer
    10.2010
    07.2014
  • Neue Projektnummer
    4_4.1

Projektteam

Ziel

Ziel der vorliegenden Studie ist es, in einem Längsschnittdesign die Entwicklung der Befindensqualität schulisch integrierter Hörgeschädigter (dieselbe Stichprobe, heute 14-16 jährig) zu beschreiben und diese mit den hörenden Peers zu vergleichen. Eine weitere Vergleichsgruppe gleichaltriger Hörgeschädigter im separativem schulischen Setting (Querschnittdesign) soll zudem Ergebnisse liefern, die den Unterschied des Settings untersuchen.

Fragestellung

Zu beantworten sind folgende Forschungsfragen:

  1. Gibt es bedeutsame Unterschiede zwischen hörenden und hörgeschädigten Jugendlichen in ihrem heutigen Befinden? Gibt es zudem innerhalb der Gruppe der Hörgeschädigten Unterschiede zwischen integriert und separiert beschulten Hörgeschädigten in ihrer Befindensqualität?
  2. Gibt es bedeutsame Unterschiede zwischen hörenden und hörgeschädigten Jugendlichen in ihrem aktuellen Befinden? Welchen Effekt haben die aktuellen Bedingungen im Alltagssetting (Lautstärke, Sozialform, Beteiligung anderer am eigenen Tun) auf das aktuelle Befinden bei hörenden und hörgeschädigten Gruppen? Sind diese Effekte unterschiedlich in den beiden Beschulungssettings? 
  3. Inwiefern ist eine Veränderung zwischen Erhebungszeitpunkt 1 (vorhergehende Studie) und Erhebungszeitpunkt 2 im habituellen Befinden gegeben? Welche Veränderungen gibt es im aktuellen Befinden zwischen den beiden Zeitpunkten?

Methodisches Vorgehen

Stichprobe (N=100)

  • Hörgeschädigte und hörende Jugendliche der vorangehenden Studie 4_4 in der Integration (jetzt 14 bis 16 Jahre alt); 33 hörgeschädigte und 34 hörende Jugendliche haben erneut an der Erhebung teilgenommen.
  • 12 Hörgeschädigte der vorangehenden Studie in separierter Beschulung («Wechsler» in Hörgeschädigtenschulen)
  • Zusätzlich ganze Klassen hörgeschädigter Jugendlicher (21 Jugendliche) in separierter Beschulung (Hörgeschädigtenschulen) mit gleichen Voraussetzungen der vorangehenden Studie (keine kognitive Beeinträchtigung oder zusätzliche Behinderungen).

Erhebungsmethode

Einerseits ist das aktuelle Befinden mit der Experience Sampling Method (ESM, siehe Csikszentmihalyi et al., 1977) erhoben worden: Ein signalkontingentes Zeitstichprobenverfahren, welches ohne verzerrende Erinnerungseffekte und ohne Fremdsicht durch Beobachtung, das direkte Erleben, die subjektive Wahrnehmung des Befindens in einer je aktuellen Situation misst. Dabei haben die Jugendlichen während 7 Tagen ein i-Phone erhalten, auf dem sie sieben Mal pro Tag zu unterschiedlichen Zeitpunkten einen Fragebogen ausfüllen mussten. So wurde jeweils das aktuelle Befinden festgehalten (3985 Zeitstichproben). Andererseits ist das habituelle Befinden mit herkömmlichen Erhebungsinstrumenten einmal erfasst worden (Schlussfragebogen). Dabei sind die Instrumente der vorhergehenden Studie übernommen worden (altersgemässe Version).

Instrumente

  • Aktuelles Befinden als ESM: Angaben zur momentanen Tätigkeit, Lautstärke, Sozialform und Interaktionspartner aus vorangehenden Studie übernommen, PANAVA-KS (nach Schallberger, 2005)
  • Habituelles Befinden als Schlussfragebogen: und Lebensqualität (kiddo-KINDL, Ravens-Sieberer & Bullinger, 2000, für Jugendliche), Stressvulnerabilität, Stresssymptomatik und Stressbewältigungsstrategien (SSKJ 3-8, Lohaus et al., 2006), Persönlichkeitsdimensionen (Big Five, Schallberger & Venetz, 1999), kommunikatives Partizipationserleben (Hintermair & Lepold, 2010)

Ergebnisse

Die Ergebnisse zur jetzigen Situation der integriert, sowie separiert beschulten Hörgeschädigten und den Hörenden zeigen, dass das aktuelle und habituelle Befinden bei der Mehrheit gut ist;

  • zudem sind bezüglich der Lebensqualität und des Stressvorkommens (habituelles Befinden) kaum signifikante Unterschiede zwischen den drei Gruppen zu belegen,
  • und ebensowenig gibt es signifikante Gruppenunterschiede im Durchschnitt der aktuellen Befindensqualitätswerte (aktuelles Befinden). Einzig die einseitig Hörgeschädigten unterscheiden sich von allen anderen Hörstatusgruppen in ihrem aktuellen negativen Erleben, sie haben höhere Werte für Stress und Ärger.
  • Erstaunlicherweise haben Situationsbedingungen wie zunehmende Lautstärke oder unterschiedliche Sozialformen keinen für hörgeschädigte spezifischen Effekt auf ihre aktuelle Befindensqualität (kein signifikanter Interaktionseffekt).

Zur Veränderung der Befindensqualität zeigen die Ergebnisse, dass auch hier

  • die erwartete Abnahme des habituellen Befindens (von der Erhebung des vorangehenden Projektes zu jetzt) nicht stärker für hörgeschädigte ist als für Hörende (kein signifikanter Interaktionseffekt), sondern für alle drei Jugendlichengruppen relativ ähnlich ist,
  • ebenso bleibt eine für Hörgeschädigte spezifische Zunahme des Stressvorkommens aus; hier ist zu erwähnen, dass deskriptiv gesehen gerade die Jugendlichen, die von der Integration in die Separation gewechselt haben, eine stärkere Abnahme des Stressvorkommens verzeichnen,
  • für alle Jugendlichen eine ähnliche Abnahme der aktuellen Befindensqualität belegt wird und nicht etwa für Hörgeschädigte eine für sie spezifische Veränderung nachgezeichnet werden kann.

Die Veränderung ist derart, dass sich alle drei Gruppen immer ähnlicher werden. Das aktuelle Befinden der Hörgeschädigten unterschied sich vor drei Jahren bezüglich des positiven Befindens von dem der Hörenden. Nun unterscheiden sich die Hörenden und Hörgeschädigten nicht mehr. Diese Tendenz ist jedoch genau weiterzuverfolgen, da sich in den nächsten Jahren herausstellen könnte, dass sich die Hörgeschädigten sich von den Hörenden wieder unterscheiden, dann jedoch bezüglich ihres negativen Befindens.

Publikationen