Schule ganz normal! Das brauchen Kinder nach der Flucht

Reportage

Kinder, die nach ihrer Flucht aus der Ukraine in Schweizer Schulen kommen, brauchen Sicherheit und Struktur. Das Beste für sie ist deshalb, wenn Lehrpersonen ganz normal Schule geben.

Kontakt

Andrea
Lanfranchi
Titel
Prof. Dr.
Funktion
Leiter Institut für Professionalisierung und Systementwicklung / Professor
Claudia
Ziehbrunner
Titel
Prof. Dr.
Funktion
Leiterin Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen / Professorin

Diese Kinder lassen alles zurück, was zu ihrem normalen Leben gehört: Wohnung, Schule, Freunde – und natürlich auch ihre Väter. Zusammen mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter sind sie auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Es sind Tausende. Und viele von ihnen haben Schreckliches erlebt. Was das für Schweizer Schulen bedeutet, weiss noch niemand so genau.

Doch neu ist diese Herausforderung nicht. «Unsere Schulen haben eine langjährige Erfahrung mit der Aufnahme von Kindern aus Familien, die in die Schweiz flüchten mussten», meint Andrea Lanfranchi, HfH-Professor und Fachmann für Migrationsfragen. «Vor etwa zwanzig Jahren sind allein im Kanton Zürich über tausend Kinder aus dem Kosovo neu eingeschult worden – und das innert weniger Monate». Vor rund zehn Jahren waren es Kinder aus Eritrea, danach aus Syrien und Afghanistan.

Was brauchen diese Kinder, wenn sie bei uns in die Schule eintreten? «Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit ist das Wichtigste für sie», sagt Christina Kohli, Leiterin der Sprechstunde Psychotraumatologie am Sozialpädiatrischen Zentrum des Kantonsspitals Winterthur. «In der Traumapädagogik nennen wir das einen ‹sicheren Ort›. Die Schule hier ist für diese Kinder eine Art Kontrapunkt zu den Kriegs- und Fluchterlebnissen», so Kohli. Es brauche Struktur, klare Abläufe, vorhersehbare Handlungen und vor allem eines: Beziehung.

Bietet das die Schule nicht sowieso, und für alle Kinder? «Das ist richtig», sagt Andrea Lanfranchi von der HfH, «und deshalb müssen Lehrpersonen eigentlich gar nichts anderes machen als ganz normal Schule geben.» Was heisst das genau bei Kindern, die zu Beginn noch kein Wort Deutsch sprechen? «Die Schulen müssen möglichst niederschwellig ein Deutsch-Angebot organisieren», so Lanfranchi. Dabei sei die direkte Integration von Kindern und Jugendlichen in Regelklassen separativen Lösungen grundsätzlich vorzuziehen, meint der Experte für Migrationsfragen. «Gerade die schnelle Anbindung an eine Stammklasse ist wichtig für die emotionale Stabilität. Temporäre Aufnahmeklassen sind je nach lokaler Situation dort nötig, wo viele Kinder in kurzer Zeit auf wenige Klasse verteilt werden müssen», so Lanfranchi.

Wichtig zu beachten ist: Diese Kinder haben akute Stresssituationen erlebt. Das kann zu unvorhersehbaren Emotionen und Verhaltensweisen führen. Darauf müssen Lehrpersonen gefasst sein – und auf geeignete Unterstützung zurückgreifen können, wenn sie an ihre Grenzen stossen. «Diese Kinder und ihre Mütter brauchen kein Mitleid, sondern Achtsamkeit», ist Lanfranchi überzeugt. Dazu können im Unterricht zum Beispiel spezielle Rituale eingesetzt werden. Wie das geht, erzählt der Experte im nachfolgenden Video.

Interview mit Andrea Lanfranchi zum Umgang mit Kindern aus der Ukraine in der Schule

Dies gilt es zu beachten: Tipps für Lehrer:innen

Empfang

  • Willkommenskultur: Offener und wertschätzender Umgang, Zeit geben fürs Ankommen.
  • Konstante Bezugspersonen: Planmässiges Vorgehen mit möglichst konstanten Bezugspersonen definieren.
  • Übersetzung und Kulturvermittlung: Dolmetschende suchen, das Einverständnis der Eltern dazu einholen.
  • Erste Einschätzung: Wo sind Ressourcen beim Kind, bei der Familie, bei der Schule?
  • Grenzen der Lehrperson: Was sind meine Möglichkeiten, und wo liegen meine Grenzen? Wann und wofür brauche ich Unterstützung, und von wem?

Unterricht und Klasse

  • Unterschiedliche Reaktionen nach Krisen sind möglich: Depression, Aggression, Rastlosigkeit, Lernblockade, Entwicklungsverzögerung oder auch -beschleunigung: Die Reaktionen können vielfältig sein.
  • Schule als «sicherer Ort»: Traumatische Erlebnisse bedeuten primär Strukturverlust. Es braucht deshalb einen annehmenden, nicht bemitleidenden und nicht isolierenden Rahmen. Rituale können helfen.
  • Deutsch ist wichtig: DaZ organisieren.
    Beachten: Der normale Unterricht ist auch Sprachunterricht; von Beginn an kleine Lernerfolge ermöglichen, keine überbehütete Behandlung.
  • Zusammengehörigkeit fördern: Andere Kinder vorbereiten und informieren; Unterstützung durch Peers, beispielsweise durch «Götti-System». Nicht ausfragen zu Themen wie Krieg und Gewalt (nur als Reaktion auf das, was Kinder selbst erzählen).

Zusammenarbeit mit Eltern

  • Kontakt aufnehmen: Eine freundliche Atmosphäre schaffen, evtl. mit Unterstützung einer Übersetzerin oder Vermittlerperson. Verständnis zeigen und genügend Zeit einplanen für Gespräche.
  • Keine «Befragung»: Lieber abwarten, bis die Eltern von sich aus erzählen möchten oder können. Familien wollen oft nicht auffallen, Zurückhaltung ist normal.
  • Schrittweises Vorgehen: Kind nicht unter Druck setzen, gemeinsam nach Lösungen suchen sowie auf bekannte und bewährte pädagogische Mittel setzen. Wenn nötig Unterstützung holen bei Team, Leitung oder externen Fachstellen.

Autoren: Steff Aellig, Dr. und Dominik Gyseler, Dr., Wissenschaftskommunikation, HfH

Weiterbildungsangebot

Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, junge Menschen aus anderen Kulturen, die Krieg und Flucht erlebt haben, aber auch Schülerinnen und Schüler mit psychosozialen Auffälligkeiten können eine Herausforderung im Schulalltag sein. Sie sind auf Stabilität und Sicherheit angewiesen. Traumapädagogische Ansätze helfen, einen «sicheren Ort» für alle Beteiligten zu schaffen und mit Belastungen besser umzugehen.

Der Kurs «Der sichere Ort»: Hilfreiches aus der Traumapädagogik vermittelt Grundlagen für Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Sonderschullehrpersonen, DaZ-Lehrpersonen, Regelklassenlehrpersonen aller Stufen sowie Schulleitungen. Weitere Informationen und Anmeldung