«Das Laufbahnmodell ist ein erster Schritt in die richtige Richtung»

HfH-Round-Table

Seit Jahren herrscht ein Mangel an heilpädagogischen Fachpersonen. Die Flexibilisierung der Ausbildung könnte ein Lösungsansatz sein. Am HfH-Round-Table vom April 2022 wurden Möglichkeiten und Grenzen des Laufbahnmodells diskutiert.

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Barbara
Fäh
Titel
Prof. Dr.
Funktion
Rektorin

«Zwei Drittel der Fachpersonen, die im Kanton Aargau in heilpädagogischen Settings arbeiten, verfügen nicht über entsprechende Qualifikationen», bringt Simona Brizzi das Problem grad zum Auftakt des HfH-Round-Tables auf den Tisch. Damit sich dies ändert, hat die Aargauer Grossrätin kürzlich eine Motion eingereicht, die genau solche Nachqualifikationen einfordert. Knapp 200 Kilometer südöstlich ist die Lage nicht wesentlich besser, wie Gian-Paolo Curcio berichtet: «Von den rund 600 Fachpersonen der Schulischen Heilpädagogik in Graubünden haben lediglich rund die Hälfte einen entsprechenden Abschluss», sagt der Rektor der PH Graubünden. Zusätzlich erschwert wird das Problem durch den allgemeinen Mangel an Fachpersonen in der Bildung: «Jede Fachkraft, die sich heilpädagogisch ausbildet, fehlt mir nachher als Klassenlehrperson», sagt Christian Amsler, Schulleiter in Seuzach. Und das Schulsystem reagiert heftig auf diesen Mangel: Schwierige Kinder werden in die Sonderschule ausgelagert, Fachpersonen ohne entsprechende Qualifikationen besetzen die Stellen, Pauschalressourcen sollen die Verteilung der Mittel besser steuern. Ein System am Anschlag.

Flexibilisierung der Ausbildung. Im Zentrum des HfH-Round-Tables steht ein neuer Lösungsansatz: die Flexibilisierung der heilpädagogischen Ausbildung. «Wir müssen es heilpädagogischen Fachpersonen besser ermöglichen, ihre Kompetenzen kontinuierlich zu entwickeln», umschreibt HfH-Rektorin Barbara Fäh die Grundidee. Im sogenannten Laufbahnmodell, das die HfH lanciert, können deshalb Module aus der Ausbildung bereits absolviert und angerechnet werden, bevor man den Master in Angriff nimmt. Eine Art Vorbezug ausgewählter Inhalte also. Zum einen erwerben diese Fachpersonen so bereits heilpädagogisches Basiswissen, das sie im Unterricht einsetzen können. Gleichzeitig erleichtert es die Kommunikation mit den ausgebildeten heilpädagogischen Fachpersonen. Und zum andern wird durch den Vorbezug der Einstieg in den Master niederschwelliger – und damit auch der Anreiz, ihn zu absolvieren, wie das folgende Erklärvideo zeigt.

HfH in 60 Seconds: Laufbahnmodell

Erfolgsfaktoren. Das Problem des Mangels kann damit nicht gelöst werden, aber es ist «ein Schritt in die richtige Richtung», wie Barbara Fäh sagt. Christian Amsler stimmt zu: «Das Modell ist bestechend.» Als alt Regierungsrat des Kantons Schaffhausen weiss er aber, dass Politik, Hochschule und Praxis nun kräftig am gleichen Strick ziehen müssen, um die nächsten Schritte möglich zu machen. Verschiedene Faktoren sind matchentscheidend. «Das Angebot muss attraktiv sein», sagt Gian-Paolo Curcio, der mit gutem Beispiel vorangeht: Die PH Graubünden beginnt bereits im Herbst 2022, das Laufbahnmodell umzusetzen. Zudem müssen Fehlanreize abgeschafft werden: «Es darf nicht sein, dass nicht ausgebildete Fachpersonen gleich viel verdienen wie jene, die den Master absolviert haben», so Curcio. Und dann: «Wir müssen den Mehrwert des Laufbahnmodells gut sichtbar machen», sagt Barbara Fäh. Die wesentlichen Argumente können Sie in den folgenden Video-Interviews mit den Teilnehmenden nachvollziehen.

Video-Interview mit Diskussionsteilnehmenden am HfH-Round-Table

Autoren: Steff Aellig, Dr. und Dominik Gyseler, Dr., Wissenschaftskommunikation, HfH