«Die Komplexität der Fälle hat stark zugenommen»

Reportage

In den letzten fünfzig Jahren hat sich die Psychomotoriktherapie (PMT) als sonderpädagogisches Grundangebot etabliert. Sie nahm dabei vermehrt Kinder mit sozio-emotionalen Auffälligkeiten in den Blick und rückte näher an die Schule heran.

Kontakt

Olivia
Gasser-Haas
Titel
Dr. phil.
Funktion
Senior Lecturer / Co-Leiterin Bachelor Psychomotoriktherapie

«50 Jahre Psychomotoriktherapie – ein Fachgebiet in Bewegung», so hiess der Jubiläumstalk an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH). Die letzten Jahrzehnte hatten es tatsächlich in sich, wie Myrtha Häusler ausführte. «Suzanne Naville, die Pionierin der PMT, war gut vernetzt mit Schlüsselpersonen aus dem Heilpädagogischen Seminar (HPS). Das Angebot war deshalb von Anfang ins Bildungssystems eingebunden und konnte sich auch parallel mit ihm weiterentwickeln», erzählte die HfH-Dozentin, welche ihre Ausbildung zur Psychomotoriktherapeutin übrigens noch bei Naville selber absolviert hat. Heute ist die PMT als Grundangebot innerhalb der Sonderpädagogik fest verankert.

Sozio-emotionale Auffälligkeiten. Die Zielgruppe des Angebots hat sich dabei aber merklich verändert. «Vor zwanzig Jahren waren die motorischen Auffälligkeiten das Hauptstörungsbild», sagt Oskar Jenni, leitender Arzt der entwicklungspädiatrischen Polyklinik am Kinderspital Zürich. Heute seien die Herausforderungen, die an die Fachpersonen der Psychomotorik herangetragen werden, deutlich breiter. «Die Komplexität der Fälle hat stark zugenommen», sagt Oskar Jenni und präzisiert: «Es geht um Auffälligkeiten im ganzen sozio-emotionalen Spektrum – in der Aufmerksamkeitsfokussierung, der Emotionsregulation, der sozialen Interaktion.»

Das Kind besser verstehen. Das bestätigt auch Kathrin Meyer, Schulleiterin in Embrach. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind für sie zwei Faktoren zentral: Diagnostik und multiprofessionelle Zusammenarbeit. «Bei uns führen die Psychomotoriktherapeut:innen in allen Kindergartenklassen Reihenuntersuchungen durch – idealerweise gerade zusammen mit den Logopäd:innen.» Auch für Jenni hat die Diagnostik eine grosse Bedeutung: «Dabei geht es aber nicht darum, einfach eine Diagnose zu erhalten», ist der Kinderarzt überzeugt: «Entscheidend ist es, das Kind in seiner Entwicklung besser zu verstehen – und dadurch das schulische Setting entsprechend gestalten zu können.»

Teil der inklusiven Schule. Diese Bildungslandschaft hat sich stark verändert in den letzten Jahrzehnten. «Wir streben heute eine Schule für Alle an», sagt Myrtha Häusler und betont: «Der Heterogenität der Kinder können wir nur mit professioneller Zusammenarbeit Rechnung tragen.» Das sieht auch Schulleiterin Meyer so: «An unserer Schule will ich die sonderpädagogischen Fachpersonen möglichst nahe am Schulteam. Sie müssen für Lehrpersonen niederschwellig ansprechbar sein, auch in der Pause oder über Mittag.» Parallel dazu hat die Schulleiterin so genannte Expertenrunden ins Leben gerufen. «Dort kommt geballtes und interdisziplinäres Fachwissen zusammen, um Lehrpersonen in der Arbeit mit anspruchsvollen Fragestellungen zu beraten und zu unterstützen», so Meyer.

Was dies für die Ausbildung an der HfH bedeutet und wie es um die Wirksamkeit der Psychomotoriktherapie bestellt ist, diskutierten die Gäste im Jubiläumstalk.

Informationen zum Video: Zu Beginn spricht Prof. Dr. Barbara Fäh. Die Fragen werden gestellt von Dr. Steff Aellig und Dr. Dominik Gyseler, Wissenschaftskommunikation HfH. Im Gespräch sind lic. phil. Myrtha Häusler (PMT Dozentin HfH), Prof. Dr. med. Oskar Jenni (Kinderspital Zürich) und Kathrin Meyer (Schulleiterin PS Embrach). Zum Schluss hört man nochmals Prof. Dr. Barbara Fäh und Prof. Dr. med. Oskar Jenni.

Talk «50 Jahre Psychomotoriktherapie – ein Fachgebiet in Bewegung»

BEKOM. Kathrin Meyer ist Schulleiterin in Embrach. Dort wird das Konzept BEKOM von Daniel Jucker, ehemaliger HfH-Dozent und Psychomotoriktherapeut, umgesetzt: Kleine Kinder entwickeln ihre Kommunikation und Motorik durch Spielen und Entdecken. Videos unterstützen bei der spezifischen Sprachförderung. Zur Reportage

Der Talk fand am 9. Februar 2022 online statt. Die Auftaktveranstaltung ins Jubiläumsjahr 2022 unter dem Motto «50 Jahre PMT» war ausgebucht. Weitere Jubiläumsveranstaltungen (Tagung, Begegnungstag und HfH-Round-Table) sind geplant. Zur Agenda

Autoren: Dominik Gyseler und Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation, HfH