Evidenzbasierte Entwicklung inklusiver Schulen

Kategorie News

Um Inklusion im Alltag umzusetzen, sind evidenzbasierte Schritte auf allen Ebenen nötig. Welche Schritte dies sind und wie Evidenz gewonnen werden kann, wurde am internationalen wissenschaftlichen Austausch an der HfH diskutiert.

Kontakt

Monika Wicki Titel Prof. Dr. phil.

Funktion

Professorin für Special Needs Educational Governance

Minna Törmänen Titel Prof. Dr.

Funktion

Senior Researcher

Für die Umsetzung inklusiver Bildung ist Schulentwicklung zentral. Dies erfordert aber auch die Bereitschaft, sich mit aktuellen Forschungsergebnissen auseinanderzusetzen und diese zu nutzen. Rein normative Konzepte der Inklusion und der System- und Schulentwicklung in Richtung Inklusion unterstützen die Lehrkräfte in ihrem Alltag nicht. Um dem übergreifenden Ziel einer optimalen Förderung aller Lernenden näher zu kommen, ist eine evidenzbasierte Forschung erforderlich, die die schulischen Massnahmen anleitet, meint Prof. Dr. Michel Knigge (Humboldt-Universität zu Berlin). 

Während Literatur für die daten- und evidenzbasierte Schulentwicklung heute gut zu finden ist, fehlt es an forschungsbasierten Ergebnissen für die Entwicklung inklusiver Schulen. An der Netzwerktagung tauschten sich Expert:innen aus und diskutierten die folgenden Fragen:

  • Wie können die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien oder auch nationaler Testreihen für die Schulentwicklung genutzt werden?
  • Welche Grundlagen brauchen Schulen, um evidenzbasierte Schulentwicklung umzusetzen?
  • Wie können diese Entwicklungsprozesse initiiert, umgesetzt und überprüft werden?

Im nachfolgenden Überblick sind die wichtigsten Aussagen zusammengefasst.

Wie können die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien oder auch nationaler Testreihen für die Schulentwicklung genutzt werden?

Schulsysteme sind komplexe Systeme. Zahlreiche Akteure vernetzen sich zu unterschiedlichen Akteurskonstellationen im Mehrebenensystem. Und es stellt sich die Frage, inwiefern hier Steuerung möglich ist. Sicher ist, dass von einem linearen Steuerungsverständnis Abschied genommen werden muss, so Prof. Dr. Oliver Koenig (Berta von Suttner Privatuniversität). 

Es gilt, ein Verständnis für die Inklusion auf allen Ebenen des Bildungssystems zu erreichen. Dabei ist die Handlungskoordination der Akteure zentral. Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik (Ludwigsburg University of Education) stellt fest, dass dazu die Kommunikationen der Ebenen untereinander gesichert sein muss und empfiehlt die Akteure in Arbeitsgruppen frühzeitig einzubinden.

Die Verknüpfung von Top-down- und Bottom-up-Prozessen und Einbeziehung aller Akteursgruppen auf der Steuerungsebene sind von zentraler Bedeutung, sagt auch Prof. Dr. Vera Moser (Goethe-Universität Frankfurt). «Leider muss festgestellt werden», so Moser weiter, «dass Schulleitenden und Lehrpersonen oft weder konkrete Zielformulierungen noch entsprechende Instrumente zur Evaluation ihrer schulspezifischen Umsetzung zur Verfügung gestellt werden.» Weil Standards für eine inklusive Schule fehlen, müssen sie von unten nach oben auf der Ebene der einzelnen Schulen entwickelt werden. Trotz des hohen Einsatzes der Schulleitung und Lehrpersonen steht somit die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von Inklusion, einschliesslich der damit verbundenen Qualitätskriterien für die Prozesse der Entwicklung und Bewertung, am Ausgangspunkt.

Hier schliesst der Beitrag von Dr. Andrea Erzinger (Universität Bern) an. Erzinger leitet am Interfaculty Centre for Educational Research (ICER) die nationale Koordination der Erhebungen der internationalen und nationalen Leistungsvergleichsstudien (beispielsweise PISA und ÜGK). Sie stellt die Frage, welche Aspekte solche Studien aufnehmen müssten, um Evidenz für die Entwicklung inklusiver Schulen liefern zu können. Das nachfolgende Video fasst die Statements von Prof. Dr. Vera Moser, Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik und Dr. Andrea Erzinger zusammen. Anschliessend kommen auch Dr. Birgit Paju und Ass. Prof. Dr. Raisa Ahtiainen zu Wort.

Statements von Referentinnen an der Netzwerktagung «Evidenzbasierte Entwicklung inklusiver Schulen»

Welche Daten werden an Schulen generiert und wie können sie genutzt werden, um inklusive Schulen zu entwickeln?

Beim Lernen und Testen fallen regelmässig Daten an. Die Onlineplattform Levumi für Lernverlaufsdiagnostik, die Prof. Dr. Markus Gebhardt (Universität Regensburg) vorstellt, bietet rechnergestützt kurze, leicht zu handhabende Messverfahren, mittels derer Lehrpersonen Einblick in Lernverläufe der Schülerinnen und Schüler im Bereich Lesen und Rechnen erhalten. Die Tests sind Open Access, also kostenlos zugänglich.

Um präzises Wissen über den Einsatz der Ressourcen zu bekommen, hat Prof. Dr. Monika Wicki (HfH Zürich) für Schulbehörden, Schulleitungen und Lehrpersonen ein Raster entwickelt. Dieses ermöglicht es, den Einsatz von Ressourcen für heil- und sonderpädagogische Angebote regional, national und international vergleichbar zu erheben. Prof. Dr. Michael Schurig (TU Dortmund) hat mitgearbeitet an der Erstellung der Kurzform der Qualitätsskala zur Inklusiven Schulentwicklung QU!S-S. Das Instrument ist gut erprobt und kann Schulleitende unterstützen, die Schulentwicklung Richtung Inklusion voranzubringen. Und Prof. Dr. Minna Törmänen (HfH Zürich) berichtete über eine Längsschnittstudie zu kognitiven und sozio-emotionalen Entwicklung und akademischen Leistungen von Kindern, die in inklusiven und segregierten Schulformen unterrichtet werden. Die Ergebnisse zeigen, dass die inklusive Schulung die Entwicklung und die schulischen Leistungen der Kinder stärker fördert als die separative Schulung.

Welche Grundlagen brauchen Schulen, um evidenzbasierte Schulentwicklung umzusetzen?

Ass. Prof. Dr. Raisa Ahtiainen (Universität Helsinki) untersucht die Frage, welche Widersprüche und Chancen Schulleitungen und Lehrpersonen sehen, wenn sie über die Stärkung der inklusiven Praktiken in der Schule nachdenken. Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Lehrpersonen von den Schulleitungen klare Vorgaben darüber wünschen, was Inklusion sein soll. Schulleitungen werden oft als fern wahrgenommen, das heisst sie wissen wenig über die konkrete Arbeit der Lehrpersonen. Ahtiainen betont auch, dass Schulleitungen darauf angewiesen sind, dass auch sie klare Vorgaben haben. Die Bildungspolitik gibt schliesslich die Richtung und den Rahmen vor. Dazu braucht es auf allen Ebenen des Bildungssystems einen starken Willen und das Verständnis für die Voraussetzungen zur Umsetzung von Inklusion.

Wie können diese Entwicklungsprozesse initiiert, umgesetzt und überprüft werden?

«Es reicht nicht aus, zu glauben, dass Inklusion das Richtige ist, ich muss auch glauben, dass ich das kann», dies ist die Botschaft von Prof. Dr. Hannu Savolainen (Universität Eastern Finland). Denn die grösste Herausforderung für Lehrpersonen sind herausfordernde Verhaltensweisen der Schülerinnen und Schüler in inklusiven Schulen. Es gibt zahlreiche wirksame Interventionen, die relativ leicht in Schulen umgesetzt werden können. Was braucht es nun? Savolainen meint: «Der Einsatz evidenzbasierter Praktiken als Teil des normalen Unterrichts in überschaubaren Abschnitten ist wichtig. Lehrpersonen, Eltern und Schülerinnen und Schüler sollten die Werte der Schule und deren Bedeutung in der Praxis kennen. Die Setzung weniger, aber klarer Verhaltenserwartungen, die nach und nach gelehrt werden, positives Feedback, um gutes Verhalten zu verstärken und klare Verfahren für den Umgang mit unerwünschtem Verhalten sind zentral.»

Hochwertiger binnendifferenzierter Unterricht, multiprofessionelle Teamarbeit in festen Raum- und Zeitstrukturen, neue Formen der Leistungsmessung und des Feedbacks sind zentrale Elemente inklusiver Bildung. Dass kollaborative Praktiken die inklusiven Prozesse unterstützen können, zeigt Dr. Birgit Paju. Sie arbeitet als Schulische Heilpädagogin und Schulleiterin in Finnland und hat ein Modell zur Entwicklung kollaborativer Praktiken entwickelt, welches den Schwerpunkt auf reflektierte Kommunikation legt. Wie solche Praktiken zudem begleitet und evaluiert werden können, hat Dr. Simona Altmeyer mit ihrem Team in einem Forschungsprojekt untersucht. Zum Forschungsprojekt

Am Scientific Exchange vom 17. bis 19. Oktober 2023 haben 17 Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Finnland, Österreich und der Schweiz aktuelle Forschungsergebnisse präsentiert und zu den Diskussionen beigetragen. Die Ergebnisse der Tagung sollen nun in einem Handbuch zusammengeführt werden. Die Netzwerktagung fand an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik statt und wurde online übertragen.

Autorinnen: Prof. Dr. Monika T. Wicki und Prof. Dr. Minna Törmänen (Oktober 2023)