Fabian Winter lehrt und forscht zu Sehbeeinträchtigungen sowie Blindheit

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Fabian Winter ist Professor für Bildung bei Beeinträchtigung des Sehens im Institut für Behinderung und Partizipation an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH). Erfahren Sie im Interview mehr zu seinen Forschungsschwerpunkten, seiner Motivation und den Rahmenbedingungen an der HfH.

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Fabian Winter leitet seit 2021 den Studienschwerpunkt «Sehen» im Master Schulische Heilpädagogik. Im Rahmen seiner Professorenstelle ist er in den vierfachen Leistungsauftrag der HfH eingebunden, mit besonderen Schwerpunkten auf Lehre, Weiterbildung und Forschung. Er trägt dazu bei, dringend benötigte Fachpersonen mit Expertise im Bereich Sehbeeinträchtigung und Blindheit auszubilden und diesen spezifischen sonder- und heilpädagogischen Bereich in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen.

Kristina Vilenica: Kannst du in wenigen Worten beschreiben, was dich als Person auszeichnet?

Fabian Winter: Ich bin Sonderpädagoge, arbeite gerne im Team und engagiere mich für die Teilhabe von Menschen mit Sehbeeinträchtigung und Blindheit, insbesondere im Kontext von Bildung.

Wie sieht dein akademischer/beruflicher Werdegang aus?

Ich wollte immer Lehrer werden, weil ich gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeite und mir das Unterrichten viel Spass macht. Deshalb habe ich das Lehramt Sonderpädagogik mit der Vertiefung Blinden- und Sehbehindertenpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg studiert. Doch dann kam alles anders. Während meines Studiums habe ich als wissenschaftliche Hilfskraft gearbeitet und Einblicke in unterschiedliche Forschungsprojekte erhalten. Das hat meine Neugier und mein Interesse für Forschung geweckt. Nach dem Studium habe ich dann eine befristete Promotionsstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt «Zukunft der Brailleschrift (ZuBra)» angenommen, ein Kooperationsprojekt zwischen der PH Heidelberg und der HfH. Anschliessend habe ich kurz vor Projektende ein Promotionsstipendium bekommen, welches mir einen Aufenthalt in Vancouver, Kanada ermöglichte. Ich hatte die einzigartige Gelegenheit, im Rahmen meiner Doktorarbeit Kolloquien und Seminare an der University of British Columbia zu besuchen, an Tagungen teilzunehmen und Hospitationen in der Praxis durchzuführen. Leider musste ich Kanada aufgrund der Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus früher verlassen. Dadurch eröffnete sich eine neue spannende Option: die Stelle als Professor für Bildung bei Beeinträchtigung des Sehens an der HfH. Das Profil der HfH mit einem klaren Fokus auf Fragestellungen im Bereich der Sonder- und Heilpädagogik fand ich sehr reizvoll, ebenso die Vernetzung der Hochschule mit dem Berufsfeld.

Mit welchen Aufgaben und Projekten beschäftigst du dich aktuell?

Mein Alltag setzt sich aus vielfältigen Aufgaben zusammen: Da gibt es Hochschullehre, Arbeit an Forschungsprojekten und Veröffentlichungen, Leiten von Weiterbildungen (beispielsweise das Modul Sehen I, das Laufbahnmodul Heilpädagogik im Bereich Sehen II oder den Kurs 3D-Druck in der Schule), Mitarbeit als Experte in der Fachstelle ICT for Inclusion, Teilnahme an Konferenzen, Kongressen sowie Praxisbesuche und Durchführung von Dienstleistungen im In- und Ausland (beispielsweise an Blinden- und Sehbehindertenschulen). Meine wichtigste Aufgabe sehe ich jedoch im Bereich der Ausbildung. Die HfH bietet als einziger Schweizer Studienstandort eine Vertiefung im Bereich Sehen an. Die Hochschule hat deshalb eine besondere Verantwortung für die Ausbildung von spezialisierten Fachpersonen in diesem Bereich. Daraus ergibt sich auch eine enge Kooperation mit den Bildungsinstitutionen im Sehbehindertenwesen. In den spezifischen Modulen werden Grundlagen zur Brailleschrift, zum funktionalen Sehen, Orientierung und Mobilität, Hilfsmittelnutzung und fachdidaktischen Besonderheiten vermittelt. In der Hochschullehre ist mir zudem die Verbindung zwischen Theorie und Praxis sowie der Einbezug aktueller Forschung sehr wichtig. Studierende erhalten Einblicke in aktuelle Forschungs- und Entwicklungsprojekte, wie zum Beispiel in das laufende Projekt mit dem Titel IDS-2-BS Intelligenz- und Entwicklungsskalen für blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche.

Um was geht es genau im Projekt mit dem kryptischen Namen IDS-2-BS?

Es geht um die Adaption der IDS-2 (Intelligence and Development Scale 2) von Alexander Grob und Priska Hagmann-von Arx. Seit langem fehlt im deutschsprachigen Raum ein aktuelles Verfahren zur fairen Erfassung von Intelligenz- und Entwicklungsfunktionen bei Kindern und Jugendlichen mit Sehbeeinträchtigung und Blindheit. Zusammen mit Ursula Hofer, Markus Lang und Vera Heyl arbeite ich deshalb an der Adaption und Normierung der IDS-2-BS für Kinder und Jugendliche mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung.

Die Adaption erfolgt in zwei Versionen: Version A für blinde und hochgradig sehbehinderte Teilnehmende und Version B für Teilnehmende mit leichter und mittelgradiger Sehbehinderung. Im Sommer werden wir die Normierungen für die Version A planmässig abschliessen und an den Hogrefe-Verlag übergeben. Der Abschluss der Normierung für die Version B ist für 2024 geplant.

Aufgrund der niedrigen Prävalenz sind die Normierungstestungen eine Herausforderung. Wir testen im gesamten deutschsprachigen Sprachraum, wobei die Testdurchführung rund vier Stunden beansprucht. In den letzten zwei Jahren haben wir bereits über 450 Testungen durchgeführt. Mit Abstand die meisten Testungen hat dabei meine Vorgängerin Prof. em. Dr. Ursula Hofer durchgeführt.

Kannst du etwas zu den Rahmenbedingungen an der Hochschule sagen? Was zeichnet die HfH als Arbeitgeberin aus?

Die Rahmenbedingungen sind gut: Ich schätze die kurzen Entscheidungswege und die vielfältigen Austauschmöglichkeiten unter Kolleg:innen, beispielsweise in Coffee Lectures, Forschungskolloquien und im Anschluss an die Veranstaltungen vor Ort. In der Lehre haben wir optimale Räumlichkeiten mit modernster Präsentationstechnik. Die IT, das Digital Learning Center (DLC), die Bibliothek, das Facilitymanagement und die komplette Administration sind zudem eine sehr gute Unterstützung. Ausserdem erlebe ich an der HfH eine grosse Offenheit gegenüber Innovationen, wie dem kürzlich beschlossenen Learning Lab «All4All». Zu den guten Rahmenbedingungen gehört für mich auch, dass die Hochschule den Mitarbeitenden die Teilnahme und den Austausch auf nationalen und internationalen Tagungen oder Kongressen ermöglicht. Das sind wichtige Gelegenheiten, wo Mitarbeitende der HfH in Erscheinung treten und zur Sichtbarkeit der Hochschule beitragen können.

Der Bezug zu Wissenschaft und Praxis hat an der HfH einen grossen Stellenwert. Wie erlebst du dies in deiner täglichen Arbeit?

Es vergeht kaum eine Woche, in der ich keinen unmittelbaren Kontakt mit Kindern mit Blindheit und Sehbeeinträchtigung habe. Dazu tragen die ewähnten IDS-2-BS-Normierungen bei wie auch die Begleitung von Studierenden in der Berufspraxis. Die Vernetzung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Ich bin Mitglied in den Kommissionen «Sonderpädagogik» sowie «Bildung und Forschung» beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen (SZBLIND). Hinzu kommen viele persönliche Kontakte ins Praxisfeld. Der Austausch und die Kooperation sind zentrale Erfolgsfaktoren, sowohl für eine gelingende Hochschullehre als auch in der angewandten Forschung.

Ich schätze an der HfH, dass die Ausbildung der Studierenden eine Priorität ist und dass neben klassischen Forschungsprojekten anwendungsbezogene und partizipative Entwicklungsprojekte möglich sind. Die Kernkompetenz der HfH sehe ich den Bereichen Bildung, Erziehung und Therapie. Das macht uns als Hochschule stark.

News. Die HfH hat per Januar 2019 die sogenannten Referenzfunktionen für das wissenschaftliche Personal eingeführt. Referenzfunktionen sind idealtypische Beschreibungen unterschiedlicher Tätigkeitsprofile und bestimmen den Rahmen für die Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten des wissenschaftlichen Personals an der HfH. Weitere Informationen

Autorin: Kristina Vilenica, MA, Hochschulkommunikation, HfH