Psychomotoriktherapie vermindert Verhaltensprobleme

Tagungsrückblick

Körper, Kognition und Emotion sind eng miteinander verflochten. Dies zeigte die Tagung «Sozio-emotionale Kompetenzen stärken durch Psychomotoriktherapie».

Kontakt

Olivia
Gasser-Haas
Titel
Dr. phil.
Funktion
Senior Lecturer / Co-Leiterin Bachelor Psychomotoriktherapie
Iris
Bräuninger
Titel
Dr. rer. soc.
Funktion
Senior Researcher / Co-Leiterin Bachelor Psychomotoriktherapie

Eigentlich wollte die Lehrerin ihrer dritten Klasse mit dieser Turnstunde eine Freude machen: «Bei diesem Wetter gehen wir nach draussen und spielen Fussball. Ich habe bereits drei Teams zusammengestellt…» Während die Klasse johlend ins Freie drängt, verkriecht sich Timo in der Garderobe. Er spiele nicht mit, schluchzt er, als die Lehrerin ihn schliesslich findet. Was ist los? Timo kann nicht gut Fussball spielen. Das wissen alle – er selber auch. Schon der Gedanke an einen Ball löst bei ihm Angst aus. Angst zu versagen und ausgelacht zu werden. Deshalb reagiert Timo mit Rückzug und Abwehr.

Motorische Kompetenzen als Schlüssel. Olivia Gasser-Haas, HfH Dozentin und Co-Leiterin dieser Tagung, hat diesen Zusammenhang in einer Studie untersucht und festgestellt: «Kinder mit geringen motorischen Kompetenzen sind nicht nur in der Bewegungskoordination eingeschränkt, sondern werden auch sozial benachteiligt. Das erhöht den emotionalen Leidensdruck zusätzlich.» Rund jedes zwanzigste Kind sei betroffen, so Gasser-Haas: «Vor allem bei jüngeren Kindern sind die motorischen Kompetenzen ein Schlüssel zu ihrer sozialen Stellung bei Gleichaltrigen.» Und welche Rolle spielt hier Psychomotoriktherapie (PMT)? «Die Förderung der motorischen Kompetenzen ist ein wichtiger Ansatz in der Therapie», erläutert Olivia Gasser-Haas eine mögliche Intervention. «Mit Kindern wie Timo übt man Dribbeln oder verändert den Winkel seines Fusses, damit der Ball besser ins Ziel fliegt.» Doch es geht nicht nur um reine Fussballtechnik, sonst könnte Timo einfach in den Verein. «Ganz wichtig ist die emotionale Unterstützung und Stärkung. Es geht um die mit der Situation verbundenen Ängste, und vor allem auch um die Frage: Wie geht das Umfeld – Eltern, Klasse, Lehrperson – mit Kindern um, die motorisch nicht so geschickt sind», so Gasser-Haas.

PMT stärkt sozio-emotionales Verhalten. Psychomotoriktherapie kann grundsätzlich dabei helfen, Verhaltensprobleme zu vermindern. Davon ist Dennis Hövel, Institutsleiter an der HfH, überzeugt: «Psychomotorik ist eine ganzheitliche Therapie. Über unterschiedliche Zugänge können Menschen in ihrer Entwicklung gefördert werden.» Eine entscheidende Rolle spielen laut Hövel dabei die somatischen Marker. Das sind körperliche Reaktionen, die mit bestimmten Gefühlen verbunden sind: Der Hals ist trocken, wenn man nervös ist oder dick, wenn sich Ärger angestaut hat. Diese körperlichen Anzeichen eröffnen zum Beispiel Kindern mit einer hohen Impulsivität einen Zugang zu ihrer Innenwelt. Damit wird ein Fenster für die Therapie geöffnet, wobei diese immer systemisch gedacht werden muss: «Der Einbezug des Umfeldes – Familie, Lehrperson, Peers – ist ein zentraler Erfolgsfaktor», so Hövel.

Wirksamkeitsforschung. Wie erfolgreich ist die Psychomotoriktherapie? International gibt es bereits einige Belege zu deren Wirksamkeit. Im Vergleich dazu steckt die Forschung in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. «Wir stehen noch ganz am Anfang», sagt Iris Bräuninger, HfH-Dozentin und Co-Leiterin der Tagung und erklärt: «Die Frage nach einem empirischen Wirksamkeitsnachweis wird erst seit Kurzem gestellt.» Dementsprechend dünn sei die wissenschaftliche Befundlage. Doch in der Praxis ist man sich einig: Psychomotoriktherapie leistet einen wichtigen Beitrag bei der Stärkung von sozio-emotionalen Kompetenzen. Im nachfolgenden Video-Interview erläutern Prof. Pierre-Carl Link, Prof. Dr. Dennis Hövel und Dr. Iris Bräuninger die Zusammenhänge.

Kernaussagen zur Tagung «Sozial-emotionale Kompezenten stärken durch Psychomotoriktherapie»

Die Tagung «Sozial-emotionale Kompetenzen stärken durch Psychomotoriktherapie» fand am 14. Mai 2022 an der HfH und online statt. Sie wurde von rund 140 Teilnehmenden besucht (davon gut 100 vor Ort). Geleitet wurde die Tagung von Dr. Olivia Gasser-Haas (HfH) und Dr. Iris Bräuninger (HfH). Es war ein Anlass des Instituts für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung.

Autoren: Dr. Dominik Gyseler und Dr. Steff Aellig, Wissenschaftskommunikation HfH